Nichts ist so alt, wie der YouTube-Quotenhit von letzter Woche. Deshalb mag es vielleicht rückständig erscheinen, wenn ich mich im Folgenden einem Video widme, dem bereits vor einigen Monaten seine sprichwörtlichen 15 Minuten Ruhm zukamen. Protagonist des 18-sekündigen Clips ist eine kleine unscheinbare Maschine, die bestehend aus einer rechteckigen Holzbox, auf ihrem Deckel einen Kippschalter montiert hat. Legt man diesen um, öffnet sich die Box und ein herausfahrender Arm schaltet die Maschine wieder aus. Eigentlich ist das ganze recht unspektakulär, da der einzige Zweck der Maschine darin besteht sich selbst auszuschalten. Hiermit erklärt sich auch die Kürze des Videos. Länger als 18 Sekunden kann man sich dies nicht anschauen. Dennoch hat diese kleine Box den Nerv der Zeit getroffen und die Herausgeber des Make Magazine, in deren 23. Ausgabe eine Bauanleitung für diese Maschine erschien, einen PR-Coup gelandet. Haben sie doch das Prinzip des Technischen auf seinen Nullpunkt zurückgeführt und die sinnloseste Maschine aller Zeiten gebaut. So dann auch der Titel des Videos: most useless machine ever!
Nach der Veröffentlichung ist dieses filmische und technische Kleinod durch unzählige Blogs zirkuliert. Da eigentlich nicht viel zu diesem Video respektive dieser Maschine zu sagen ist, waren die Reaktionen der Netzgemeinde eher wortkarg und die Faszination nur von kurzer Dauer. Auch mir rang es kaum mehr als ein kurzes Lachen ab, bevor ich mich wieder anderen (vermeintlich) wichtigeren Dingen zuwandte. Und so dachte ich nicht weiter daran, bis ich kürzlich Axel Rochs Buch über Claude E. Shannon, dem Begründer der Informationstheorie, zur Hand nahm.
Zu meiner großen Überraschung fand sich hierin die exakte Beschreibung einer sich selbst ausschaltenden Maschine, was mich an das Video und den kurzen Hype um die nutzloseste Maschine erinnerte. Mit dem erhabenen Gefühl hiermit eine kleine Entdeckung gemacht zu haben, wagte ich einen zweiten genaueren Blick. Meine zugegeben etwas nerdige Euphorie wurde jedoch sogleich gebremst, als sich herausstellte, dass es eher meiner Ignoranz – heutzutage nenne ich sie mitunter gern auch etwas freundlicher Aufmerksamkeitsökonomie – geschuldet war, diese Verbindung erst jetzt hergestellt zu haben. Bereits in der Beschreibung des offiziellen YouTube-Videos findet sich ein Hinweis auf Shannon, der sich obendrein wohl von Marvin Minsky inspirieren ließ. Auch eine kurze Konsultation von Google hätte bereits einiges spannendes zu Tage gefördert. Zum Beispiel, dass derartige Boxen in den 1960er Jahre als Spielzeug vertrieben wurden, die mit folgenden Zeilen beworben wurden: „Once seen, this is never forgotten. The most haunting and maddening object you’ve ever witnessed.“
All dies wäre nun nicht wirklich berichtenswert, wenn es da nicht eine gewisse Dissonanz zwischen der ursprünglichen Konzeption und seiner Reinkarnation im digitalen Zeitalter gäbe. Erlangte diese Maschine auf YouTube als „nutzloseste Maschine“ aller Zeiten einige Bekanntheit, bezeichnete sie Shannon als „The Ultimate Machine“. Etwas hat sich also doch in den letzten 60 Jahren getan. Der Spieltrieb der Ingenieure, ist der Nützlichkeitsdoktrin industrieller und post-industrieller Gesellschaften erlegen. Hat man früher in dieser seltsamen Maschine die Vollendung des Technischen zu entdecken gemeint, scheint heute nur noch ihre Nutzlosigkeit zu faszinieren. Hierin mag man aus einer kultur- und gesellschaftskritischen Perspektive eine bedenkliche Entwicklung sehen. Spannender finde ich jedoch die Frage, warum dieser kleinen Box in den 1950er Jahren das Prädikat „ultimative Maschine“ zuerkannt wurde. Eine Antwort hierauf habe ich nicht. Vielmehr kann ich nur meine Verwunderung zum Ausdruck bringen. Hätte es nicht damals schon einen besseren Kandidaten gegeben? Ist nicht vielmehr der Computer die ultimative, weil universelle (Turing-)Maschine? Der einzige Zweck von Computern besteht darin, offen für andere Zwecke zu sein, d.h. als Maschine andere Maschinen emulieren zu können.
Shannons sich selbst ausschaltende Maschine stellt im Vergleich zur Metamaschine Computer den radikalen Gegenentwurf dar. Zugleich veranschaulicht sie jedoch auf die denkbar einfache Weise, ein zentrales Grundprinzip des Computers: das kybernetische Feedback. Vielleicht wäre es sogar nicht allzu vermessen zu behaupten, dass das schier unermessliche Potential des Computers aus der Verschaltung von Feedbackmechanismen entsteht. Auch wenn der Gegensatz zwischen dem Computer und der ultimativen Maschine hierdurch relativiert wird, bleibt doch ein gewisses Staunen zurück. Ein Staunen darüber, ob Shannon einem technischen Essentialismus anhängt, der in der Tradition der Metaphysik steht. Ob dies so ist und welche Konsequenzen dies hätte, weiß ich erneut nicht zu beantworten.
Sicher ist jedoch, dass die nutzloseste Maschine aller Zeiten nie ganz ohne Nutzen war. Wie Roch in seinem Buch berichtet, gebrauchten die Mitarbeiter der Bell Laboratories Shannons Box nicht nur zum Spielen. Wurden sie bei öffentlichen Vorträgen danach gefragt, was man eigentlich genau an den Bell Labs tue, sollen sie von Zeit zu Zeit einfach diese Maschine präsentiert haben. Da ich diese Frage, wie sicherlich viele Kulturwissenschaftler, nur allzu gut kenne, werde ich mir jetzt wohl auch solch eine Maschine basteln. Alle, die auch ein Interesse daran haben, finden die Anleitung beim Make Magazine. Wer weiß, vielleicht finde ich bei dem meditativen Ein-Aus-Spiel sogar Antworten auf meine Fragen.

Wo ist der Unterschied zwischen der Maschine und dem Menschen bzw. der Menschheit!