(Gespräche verstummen. Referent wird begrüßt.)
Moderator: „Vielen Dank dafür, dass Sie sich die Zeit genommen haben, heute zu uns zu kommen. Wir freuen uns nun auf Ihren sicherlich sehr spannenden Vortrag.“
Referent: „Vielen Dank für die freundliche Einladung. Worüber ich heute sprechen möchte, sind die ideologischen Implikationen der Höflichkeit in stark formalisierten Kommunikationszusammenhängen. Worum es mir dabei vor allem geht ist ein… (spannender Vortrag) …. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!“
(Applaus)
Moderator: „Vielen Dank für den spannenden Vortrag. Weil wir nun leider etwas in Zeitverzug gekommen sind, würde ich die Diskussion gleich eröffnen. Sicherlich gibt es bereits einige Fragen. Da sehe ich schon einige Wortmeldungen.“
Tagungsteilnehmerin: „Ja, zunächst einmal vielen Dank für Ihren spannenden Vortrag. Ihre Thesen bieten ja viele Anknüpfungspunkte, um das Thema weiter zu vertiefen. Mich würde vor allem das Verhältnis von Ideologie und Konformismus in diesem Zusammenhang interessieren. Welche Konsequenzen sehen Sie hier für die Diskursethik der Wissenschaft?“
Referent: „Vielen Dank für die interessante Frage und die Gelegenheit, einen sehr wichtigen Punkt ausführen zu können. Dafür muss ich etwas weiter ausholen. Aber da wir ja bereits im Verzug sind, würde ich mich vorerst mit einer ironischen Pointe begnügen.“
Moderator: „Sehr schön. Vielen Dank für die prägnante Antwort. Wie ich sehe, gibt es noch eine weitere Frage.“
Tagungsteilnehmer: „Ja, vielen Dank nochmals für den interessanten Vortrag. Ich würde auch gern noch einmal an die Bemerkung meiner Vorrednerin anknüpfen. Doch meine Frage bezieht sich eigentlich auf die ideologischen Implikationen Ihrer eignen Methode. Sind Sie in Ihrer Arbeit nicht auch von gewissen Denk- und Sprechmustern befangen?“
Referent: „Ja, vielen Dank für die interessante Frage. Die methodischen Voraussetzungen meiner Untersuchung sind auf jeden Fall solide, innovativ und un-ideologisch.“
Moderator: „Vielen Dank für die klare Antwort. Nun sind wir, wie schon gesagt, etwas in Verzug. Daher würde ich die Rednerliste langsam schließen. Eine letzte Frage noch.“
Tagungsteilnehmerin: „Also mich würde interessieren, warum wir uns hier immer alle ständig bedanken, aber nie jemand um etwas bittet.“
Moderator: „Bitte?“
Tagungsteilnehmerin: „Nun, ich habe den Eindruck, dass die ganze Veranstaltung hier nach dem Muster einer Kaffeetischkonversation abläuft: ‚Kannst Du mir mal den Zucker geben? Bitte. Danke.‘ Nur eben ohne Bitte. Steckt darin nicht ein verborgener Reflex bürgerlicher Ideologie?“
Zwischenrufer: „Sehr richtig! Ein Sprechen mit Kuchengabel und Zuckerzange…“
(Gemurmel. Kopfschütteln und -nicken)
Moderator: „Ich bitte Sie! Das ist einfach eine Frage der Höflichkeit. Statt hier die ganze Gesprächsdisziplin zu torpedieren, sollten Sie vielleicht einmal Ihre eignen diskursethischen Prinzipien reflektieren.“
Eine Teilnehmerin: „Na, schönen Dank auch!“
Moderator: „Ich bitte um Entschuldigung, liebe Anwesende, aber die Zeit ist nun leider um. Ich danke dem Referenten für den spannenden Vortrag und dem Auditorium für die interessante Diskussion. Wir können diese ja draußen gern bei Kaffee und Kuchen weiter fortsetzen…“
(Applaus. Gemurmel. Teilnehmer ab.)
andere Variante:
Referent beendet seinen weit ausgreifenden, philosophischen Vortrag zu einem Thema, das nach seinen eigenen Worten nicht sein Spezialgebiet darstellt.
Moderatorin: „Vielen Dank Herr XY für diesen anregenden Vortrag, der so zahlreiche Anknüpfungspunkte für unser Thema bietet…
Referent hebt ruckartig den Kopf und unterbricht die Moderatorin: „Das meinen Sie jetzt aber nicht ironisch?“
-vereinzeltes Kichern/ gespanntes Schweigen unter den Zuhörern-
Moderatorin (irritiert/überrascht): „Ähm, nein, ganz und gar nicht! Ich finde, dass sie mit…(stellt Verbindung her)“
Referent beruhigt sich, folgt interessiert den Ausführungen, scheint zufrieden…
Reblogged this on Differentia.