Es klingt wie im Science-Fiction-Film, aber es wird demnächst Realität: Ende 2013 sollen die ersten Google Glasses auf den Markt kommen und eine neue Area des wearable computing einleiten.
Allerdings formiert sich Widerstand gegen eine Technologie, die als fantastischer Freizeitspaß vermarktet wird. Für die Protestgruppe Stop the Cyborgs stellt die neue Technik ein ernsthaftes Problem für die Zivilgesellschaft und den Schutz der Privatsphäre dar. Grund genug, sich das Szenario einer durchtechnisierten Welt anzuschauen.
Google Glass – Der Blick in die „erweiterte Realität“
Seit Jahren tüftelt Google an einer Hightech-Brille, die Informationen aus dem Internet direkt in die Alltagswelt des Brillenträgers überträgt und seine Wahrnehmung erweitern soll (augmented reality).
Griff man bei Städtetouren früher auf Reiseführer oder auf sein Smartphone zurück, um Informationen zu Gebäuden oder Denkmälern zu erhalten, so projiziert Google Glass solche Daten direkt auf die Netzhaut des Auges. Im Blickfeld des Trägers blendet sich ein Kästchen mit den gewünschten Informationen ein, die gelesen werden, während man vor dem Gebäude steht. Wie das funktioniert? Per Spracherkennung. Fährt man beispielsweise über die Brooklyn Bridge und fragt: „How long is this Brigde?“, gibt die Brille die Antwort.
Ähnlich funktioniert Google Glass als Wörterbuch und übersetzt in Windeseile unbekannte Vokabeln von der einen in die andere Sprache. Auch als Navigationshilfe ist die Hightech-Brille zu verwenden, etwa wenn man in einer fremden Stadt wissen möchte, auf welcher Straße man sich befindet oder wie man zum Flughafen gelangt. Selbst Uhrzeit, Temperatur, Luftfeuchtigkeit und ähnliches lassen sich abrufen, ohne dafür eine Uhr, ein Thermometer, ein Smartphone zur Hand zu haben.
Check them out!
Solche Funktionen sind harmlos und möglicherweise ganz interessant für Leute, die ein Herz für technische Spielereien haben. Doch was Menschen mit Technik machen, ist letztlich ihnen selbst überlassen – eine Person zu treffen und sich dabei ihr Facebook-Profil aufzurufen, Infos zu Alter, Wohnort, Bonität oder „Fuckability-Index“ anzeigen zu lassen, rückt mit Google Glass durchaus in den Bereich des Vorstellbaren.
Der Mitentwickler der Hightech-Brille Thad Starner beispielsweise findet es völlig normal, seinen Alltag inklusive Arbeitsgespräche und Interviews permanent aufzuzeichnen. Während er sich mit einem Gesprächspartner unterhält, ruft er gleichzeitig Informationen zu seinem Gegenüber aus dem Netz auf und macht sich mit einer winzigen Einhandtastatur (Twiddler) neue Notizen. Den Vorteil erklärt Starner folgendermaßen:
Während eines Gesprächs entsteht so eine Timeline auf dem Display meiner Brille. Oben ist die Vergangenheit: Notizen über unser bisheriges Gespräch. Und unten die mögliche Zukunft: Stichworte für das, worüber ich noch mit demjenigen reden möchte. Wenn wir unterbrochen werden, kann ich jederzeit wieder in das Gespräch einsteigen. Ich verliere nie den Faden.
Hm, denke ich, klingt nach einer interessanten Technologie für meine nächste Prüfung. Oder für das Treffen mit den Chefs – falls es zu endlosen Monologen kommt, bin ich bereit, jede Assoziation wortgenau zu parieren.
Filmen ohne erkannt zu werden
Doch Google Glass kann auch Filme drehen, Fotos schießen und diese Informationen mit Freunden teilen. In die Brille ist eine Kamera integriert, die nach einem kurzen Sprachbefehl alles aufnimmt, was der Brillenträger sieht. Synchron können Freunde am Ende der Welt mit verfolgen, wie ein Google Glass-Träger im Heißluftballon in die Lüfte steigt, Auto fährt, auf einem Modell-Laufsteg brilliert oder ähnliches.
Der Multikonzern Google wirbt für sein neues Produkt ausschließlich mit fetzigen Freizeit-Videos. Achterbahnfahren, ohne selbst dabei zu sein, Free-Mountain-Climbing, Fechten, Bungee-Jumping – es gibt viele Freizeitaktivitäten, die man schon immer gern machen wollte, aber sich nicht wirklich traut. Mit Google Glass braucht man nur die richtigen Bekannten, die sowas für einen erleben und ihre Videos mit einem teilen. Selbstverständlich wird alles in der Cloud gespeichert und ist damit jederzeit wieder abrufbar.
Datenschützer warnen
An Menschen wie Thad Starner sieht man, welche Faszination davon ausgeht, weite Teile des eigenen Lebens zu dokumentieren. Und damit auch all jene aufzuzeichnen, die zufällig diese Wege kreuzen. Google Glasses-Enthusiasten sind der Meinung, durch den Sprachbefehl „Ok Glasses. Record a video“ sei für jedermann wahrnehmbar ein Zeichen gesetzt, dass nun gefilmt würde. Doch woher will ich wissen, ob mein Gegenüber nicht schon den ganzen Tag filmt?
Und natürlich die Frage: Welche Folgen könnte es haben, wenn Google Glass tatsächlich zum unbemerkten Bestandteil des Alltags wird? Die Entwickler entwerfen Brillenmodelle, bei denen nicht mehr ohne Weiteres erkennbar ist, ob es sich um eine ausgefallene Designer-Brille handelt oder um eine hochtechnisierte Kamera. Sitzt man demnächst in der U-Bahn einer Person mit schwarzer Hornbrille gegenüber, so könnte es sich durchaus um ein Google Glass handeln, das in das Brillengestell des Trägers inklusive nötiger Dioptrien eingepasst wurde (denn darauf achten die Entwickler: Google Glass soll mit den Anforderungen einer normalen Brille kompatibel sein).
Werde ich demnächst gefilmt, wenn ich ein Seminar halte, im See nackt baden gehe oder auf einer Party mit staatsfeindlichen Parolen polemisiere? Und erfährt das dann die ganze Welt?
Stop the Cyborgs!
In England hat sich nun eine erste Protestgruppe gegen die neue „Überwachungstechnik“ gebildet – Stop the Cyborgs wurde vom Londoner Technikprofessor Adam gegründet, der zum Schutz seiner Privatsphäre anonym bleiben will. Auf der Internetseite http://stopthecyborgs.org/ möchte die Gruppe sensibilisieren für ungeklärte Fragen, die sich mit der neuen Technik verbinden. Nicht abschätzbar ist beispielsweise, wie Google mit den privaten Daten umgeht, ob sie zu kommerziellen Zwecken weiterverwendet werden, wem sie wie lange zugänglich sind oder es in Zukunft werden.
Vor allem sieht Stop the Cyborgs eine Gefahr darin, dass die Möglichkeit, jederzeit unbemerkt gefilmt zu werden, zur sozialen Normalität werden könnte, die unhinterfragt akzeptiert wird. Insbesondere, weil preiswertere Prototypen als Google Glass schon in der Entwicklung sind. Während die Hightech-Brille von Google immer noch ein relativ kostspieliges Vergnügen von 1500 Dollar ist, sollen alternative Modelle wie Vuzix M100 oder Glass Up in Zukunft bereits für 500 Dollar erhältlich sein.
Verschmelzung von Mensch und Technik
Die Verschmelzung von Mensch und Technik bestimmt schon längst unseren Alltag. Dennoch könnte mit Technologien wie Google Glass eine neue Area des wearable computing beginnen. In Frankreich führte dies bereits zu Aggressionen und Gewalt. In einem Pariser Mc Donalds wurde ein Professor aus Toronto tätlich angegriffen, als er mit seiner selbstgebauten Datenbrille im Restaurant filmte. Nachteil: die Kamerabrille war dauerhaft an seinem Kopf montiert und ließ sich nur mit Spezialwerkzeug entfernen. Sollte das ein Zukunftsszenario sein – die permanent implantierte Augmented-Reality-Brille?
Up to the Future?
War es für Leute, die ihr Leben nicht im Internet ausstellen wollen, schon immer problematisch, nicht dokumentiert zu werden – sei es durch die Homepage der Institution, für die man arbeitet, sei es durch Partyfotos, die von Freunden oder Fremden bei Facebook hochgeladen werden, selbst wenn man kein eigenes Facebook-Profil hat –, so könnte es in Zukunft noch schwieriger werden, dem ungewollten Dokumentiert-Werden zu entgehen. Mit Google Glass wird die Zahl derjenigen steigen, die Menschen dokumentieren, um deren Dokumentation es ihnen gar nicht geht und für deren Datensicherheit und Anonymität sie nicht garantieren können.
Stop the Cyborgs insistiert daher, dass neue Technologien keine neutralen Systeme sind.
„Wir stellen ihr Design und die dadurch entstehende Ausrichtung meistens gar nicht infrage. Dabei beeinflussen sie unser Leben, ermutigen zu bestimmtem Verhalten und legen nahe, andere Verhaltensweisen abzulegen. Auch Durchschnittsbürger müssen sich politisch engagieren, um Technik zu formen. Überlasst das nicht den Geeks und Unternehmen“, zitiert die ZEIT den Anti-Cyborg-Aktivisten Adam.
Wie solch eine politische Formung neuer Technologien in Zukunft aussieht, ist derzeit noch ungewiss. Die Google Glass-Entwickler sind überzeugt, dass ihre Technologie selbstverständlich Freunde findet. Facebook zeigt sich bereits interessiert. Doch Gegner wie Stop the Cyborgs treten jetzt auch auf den Plan. Die Pariser Attacke auf den Universitätsprofessor aus Toronto zeigt die Aggressivität, die die neue Technologie provozieren kann. Die Zukunft ist ungewiss.
Vielleicht entwickeln sich durch Google Glasses ja auch neue Diskriminierungsformen – Menschen mit Brille müssten dann in Zukunft mit erhöhter Skepsis gegen ihre Person rechnen. Sie könnten dem dann begegnen, indem sie wahrnehmbare Zeichen ihrer Lauterkeit tragen, wie das „Google Glass Is Banned On These Premises“-Banner von Stop the Cyborgs. Aber erinnert das nicht an Vergangenheiten, die noch furchtbarer sind als die neuen Welten des wearable computing?


Wenn man sieht, wie bereits jetzt die ständige, minütliche Verwendung von Smart Phones im Alltag das tägliche Leben umformt („Digital Crack“), kann einem im Hinblick auf „augmented reality“ mit der Google-Brille und ähnlichen Produkten Angst und Bange werden.
Ich möchte nicht in der Öffentlichkeit unaufgefordert und unkontrolliert ständig von irgendwelchen Unbekannten gefilmt und per Lifestream ins Netz übertragen werden.
Das laut Google die automatische Gesichtserkennung bei der Brille nicht angewendet werden soll, ist ein merkwürdiger Trost.
Insgesamt sollte die Freiheit des Brillenbenutzers dringend durch die Persönlichkeitsrechte der Anderen begrenzt werden.
Die Technologie droht hier der Politik einfach davonzulaufen.
Die Frage ist, inwiefern diese Entwicklung überhaupt vermieden werden kann. Im Prinzip kann ja jetzt schon jeder jederzeit überall gefilmt werden, sei es durch Überwachungskameras, sei es durch Smartphones. Die Google Glasses sind da nur die konsequente Fortsetzung dieser Entwicklung. Das Problem ist ja nicht die Situation eines permanenten Unter-Beobachtung-Stehens (die hat man in sozialen Situationen ohnehin immer), sondern die Möglichkeit der Vernetzung und Zentralisierung von Beobachtungsdaten. Wie sollte eine Politik verbieten können, was sie unter der Richtlinie der „vernetzten Sicherheit“ selbst mit vorantreibt? Um ein umfassendes Verbot des Einsatzes solcher Technologien wirklich durchsetzen zu können, müsste sie sich selbst Kontrollmöglichkeiten einräumen, die dem Vorschub leisten, was eigentlich verhindert werden soll – nur dass dann andere Akteure mehr Macht bekommen als andersrum. Aber warum sollte die Datenmacht in den Händen einer Regierung beruhigender sein als in den Händen eines Suchmaschinenbetreibers?
Ich seh den Verein stop the cyborgs ein bischen kritisch, da sie eigentlich keine echte Bewegung sind die ihre selbst ernannten „Ziele“ in irgendeiner weise aktiv verfolgen und lediglich Polemik betrieben:
http://madspot.de/?p=452&lang=EN
Die Polemik wie ihre Kritik schreibt nur das Schema der Kontroverse pro/contra weiter fort, das sich in der gesteigerten Dämonie des Beobachtetwerdens als naiv erweist: http://differentia.wordpress.com/2013/04/11/google-glass-beobachtet-werden/. Auch ich könnte Mitglied des Vereins stop the cyborgs sein oder vielleicht bist Du eins. Vielleicht ist es auch nur eine Inszenierung von Google selbst, wer vermag das zu sagen? (Alles, was der verlinkte Beitrag darüber sagt, spricht sogar dafür). Das Schema der Kontroverse hilft uns nicht mehr weiter.
@Kusanovsky
Bei Kusanowsky himself, beim echten Kusanowsky, findet man die bessere Diskussion zu diesem Thema. Im weitesten Sinne geht es ja nicht nur um das Trollen. Es geht darum, wie die informationstheoretische Trias von Verstehen, Information, Mitteilung zerfällt.
Man kennt das ja von früher: versteckte Kamera und so. Jetzt wird das komplizierter und einfacher. Einfacher, weil jeder eine Kamera herumträgt, die Kamera nicht mehr versteckt wird. Und schwieriger, weil niemand mehr weiß, wer das aufzeichnet und auf wie weiter verwendet. Versteckte Kamera ist jetzt „open camera“ mit dem selben Effekt, der natürlich sehr viel schwieriger zu bewältigen ist.
Oder auch nicht. Weil man sich ja rechtzeitig darauf vorbereiten kann.
Die ‚bessere‘ Diskussion? Wohl eher am Thema vorbei philosophiert.