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Archive for the ‘Informiert’ Category

2016-03-18 14.13.49

Bleich-bunt fröstelnde Manga-Mädchen

10:37 Bahnhof Leipzig-Messe: Man steigt aus dem Zug aus und trifft sofort auf die ersten Horden Verkleideter, die zielgerichtet Halle 1 zuströmen. Man selbst hat vorerst noch gar kein genaues Ziel, schlägt aber vorsichtshalber die Gegenrichtung ein und landet in Halle 2. Dort merkt man, dass man ja mal einen Tag ohne Kinderbücher verbringen wollte, und schlendert weiter in Halle 4. Trotzdem sorgt es für gute Stimmung, dass hier im Vergleich zur Frankfurter Messe so viele vor dem Bauch getragene oder selbst durch die Gänge stolpernde Kleinkinder zu sehen sind.

Aufruf zur Individualität

11:20 Halle 4: Beim Picus-Verlag schnappt man eine Ansprache in angenehm österreichischer Diktion an angehende Buchhändler*innen auf: „Der Sinn, dass Sie diese Ausbildung machen, liegt nicht darin, dass Sie hinterher Regalbetreuer sind. Sie müssen einen Unterschied machen, für die Kunden muss es einen Unterschied machen, ob Sie da sind oder am nächsten Tag Ihr Kollege.“

Wer den Preis für Mutterschaft bezahlt

11:25 Der Israel-Stand ist von einer Menschentraube umringt. Orna Donath gibt Auskunft über ihre Studie #regretting motherhood – Wenn Mütter bereuen. (mehr …)

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In der ZEIT (24/2015) ist letzte Woche ein Artikel erschienen, in dem sich 7 WissenschaftlerInnen verschiedener Disziplinen sich Missstände an den Universitäten beklagen. Ein sich wiederholendes Thema ist dabei die Bürde des ständigen Schreibens von Anträgen, das zunehmend die eigentliche Forschungszeit auffrisst. Anträge zu schreiben ist notwendig geworden, um die eigene Arbeit zu sichern – zum einen finanziell; zum anderen aber auch, um sie zu legitimieren, indem man quantifizierbare Leistungen produziert.

Die Anforderung an Wissenschaft, „sichtbar“ zu sein, führe aber, besonders in den Geistes- und Kulturwissenschaften, nicht nur zu einer bürokratischen Belastung, die das, was sie ausweisen soll, eigentlich behindert, sondern auch zu einer qualitativen Veränderung der wissenschaftlichen Tätigkeit und ihrer Akteure, wie Barbara Zehnpfennig erklärt, die Politische Theorie und Ideengeschichte an der Universität Passau lehrt:

Die immer wieder geforderte „Sichtbarkeit“ besteht etwa darin, dass man als Professor viele internationale Kontakte hat, nur noch in Netzwerken forscht, interdisziplinär arbeitet und viele Drittmittel einwirbt. Das sind Dinge, die man nach außen präsentieren kann, weil sie quantifizierbar sind.

Das Problem mit dem geisteswissenschaftlichen Tun ist ja, dass so schlecht sichtbar ist, worin es eigentlich besteht – außer im Reden und Schreiben von Texten. Wozu die Texte aber gut sind, ist auch nicht ohne Weiteres sichtbar. Und was alles getan werden muss, damit Texte überhaupt entstehen – lesen, denken, diskutieren, schreiben – ist kaum in Zahlen auszudrücken.

Insofern findet hier – folgt man der herrschenden Logik – auch keine Forschung statt. Genau dies ist eine der problematischen Folgen jenes Drucks, Sichtbares zu produzieren: das Nichtsichtbare gerät in Rechtfertigungsnot.

Beugt man sich diesem Rechtfertigungsdruck nicht und hält einfach an der tradierten Praxis geisteswissenschaftlicher Arbeit fest, lässt sich das eigene Tun vor dem Hintergrund nicht mehr legitimieren. Darum sei ein bestimmter Forschertypus, der genau das tut, was er eigentlich tun soll, in dem System nicht mehr beschäftigungs- oder berufungsfähig, wie Zehnpfennig kritisiert:

Wenn ein Bewerber für einen geistesgeschichtlichen Lehrstuhl, wie geschehen, mit dem Argument abgelehnt wird, er sei ein „Gelehrter“, läuft etwas entschieden falsch.

In der kürzlich bei meson press erschienenen Studie Library Life. Werkstätten kulturwissenschaftlichen Forschens, haben wir  versucht, die Arbeit von Kultur- und Geisteswissenschaftlern sichtbar zu machen. Dabei sind wir auch zu der Vermutung gelangt, dass der Gelehrte eine aussterbende Spezies ist, jedenfalls an der Universität. Versteht man ihn als den natürlichen Bewohner des vielkritisierten, patriarchal und feudal organisierten „Elfenbeinturms“, muss man dem nicht unbedingt nachtrauern. Es betrifft aber auch den Typus „kritischer Intellektueller“, dem es gerade auf die gesellschaftliche Relevanz seiner emanzipatorisch verstandenen Tätigkeit ankommt. Auch er kann den Wert seines Tuns nur schlecht quantifizieren – und dadurch in dem System auf Dauer nur schlecht behaupten, wenn er Ansprüche auf die Quantifizierbarkeit seiner Arbeit zurückweist.

Ein anderes Problem adressiert Marcus Kracht, Professor für Theoretische Computerlinguistik und Mathematische Linguistik an der Universität Bielefeld, indem er auf die kaum problematisierten energetischen Grundlagen akademischer Forschung hinweist:

Wissen kostet Geld, aber auch Strom. Manchmal stelle ich mir vor, was passieren würde, wenn an der Universität der Strom ausfällt: Es gäbe es keine Experimente mehr, keine Literaturrecherche, keine Notenvergabe, keine Verwaltung. Das Stromnetz ist unsere Achillesferse. Doch wir forschen kaum über solche wachsenden Abhängigkeiten.

Einige dieser materiellen Abhängigkeiten der vermeintlich ganz immateriell operierenden Geistes- und Kulturwissenschaften haben wir in unserer Studie auch in den Blick genommen. Überraschende Einsichten haben wir dabei gerade bei den Dingen erlangt, die noch nicht einmal Strom, aber bestimmte Zeiten, Orte und Ordnungen brauchen, die wiederum von sehr vielen anderen Dingen abhängen, über die in der Regel nicht nachgedacht wird, wenn man über Wissenschaft spricht. Darüber aber vielleicht mehr in einem späteren Beitrag.

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In den letzten Monaten ist hier auf unserem Blog ja nichts mehr weiter passiert. Das liegt unter anderem daran, dass die meisten oder fast alle von uns fertig mit dem Promovieren sind und nun keine Zeit mehr zum Prokrastinieren (oder andere Möglichkeiten dafür gefunden und bevorzugt) haben. Es ist sogar so, dass die Mitglieder unseres Blogkollektivs voneinander größtenteils gar nicht mehr wissen, was sie mittlerweile eigentlich machen. Viele sind der Wissenschaft geblieben und einige von uns haben dafür versucht herauszufinden, was andere Wissenschaftler_innen so machen, wenn sie arbeiten. Das ist ein längeres Projekt, von dem hier früher schon einmal kurz berichtet wurde. Nun ist tatsächlich ein Buch darüber erschienen: Library Life: Werkstätten kulturwissenschaftlichen Forschens, veröffentlicht in dem neu gegründeten meson press Verlag.

Ausgehend von den Laborstudien der Science & Technology Studies sind wir darin der Frage nachgegangen, wie eigentlich ein wissenschaftlicher Text entsteht. Dafür haben wir die persönlichen Schreiborte von Kulturwissenschaftler*innen verschiedener Disziplinen aufgesucht und sie befragt. Was wir dann in den Werkstätten kulturwissenschaftlicher Wissensproduktion in Erfahrung gebracht haben, ist ein unvermutet komplexes Zusammenspiel technisch-materieller, praktischer, medialer, sozialer, institutioneller, ökonomischer, politischer und ideeller Dimensionen einer Form von Arbeit, von denen man meinen könnten, man bräuchte doch eigentlich nur Stift und Papier dafür. Die Vielfalt der Dinge, Verhältnisse und Zustände, derer es bedarf, um einen Text zu fabrizieren, hat uns jedenfalls überrascht und wir fanden es interessant genug, darüber selbst etwas zu schreiben.

Das Buch ist als open access Publikation erschienen und kann auf der Verlagsseite kostenlos als PDF heruntergeladen werden. Demnächst wird es auch als Druckausgabe erhältlich sein. Neben verschiedenen – teils sehr erstaunlichen – Aufschreibesystemen und Arbeitstechniken geht es darin auch um die Rolle der Produktionsverhältnisse, in denen Wissenschaftler_innen verschiedener Statusgruppen ein für sie praktikables Forschungsarrangement einrichten müssen. Wie das gelingt, hängt von sehr vielen Dingen ab: Wie man in einer bestimmten Disziplin arbeitet, was man dafür zur Verfügung hat, die Räume und Zeiten, die man dafür in Anspruch nehmen kann, wie die Geräte funktionieren (oder auch nicht), die man dafür braucht, welchen einen Eigensinn sie entwickeln, was für Vorlieben, Erfahrungen und Einfälle man entwickelt, was die anderen von einem wollen und nicht zuletzt auch, ob und wie man davon leben kann.

Über die Arbeitsbedingungen von Akademiker_innen wird ja in letzter Zeit häufiger in den Zeitungen berichtet und diskutiert. Unser Buch mag daher auch ein Anlass sein, das Thema dieses Blogs „Kultur oder Wissenschaft“ in diesem Licht vielleicht etwas wiederzubeleben – sofern unser eigenes „Library Life“ dafür Raum und Zeit lässt. Kommentare zu dem Buch oder eigene Erfahrungsberichte, die das Bild noch bunter, vielleicht sogar klarer oder auch komplizierter machen, sind jedenfalls herzlich willkommen.

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Der Philosoph Pete Wolfendale hat auf seinem Blog Deontologistics einen sehr lesenswerten Essay über die systemischen Probleme des zeitgenössischen Wissenschaftsbetriebs geschrieben, den ich an dieser Stelle gern zur Lektüre empfehlen möchte.

Deontologistics

Since the beginning of the Emancipation as Navigation Summer school, I have had numerous discussions with people about the state of contemporary philosophy, and the state of contemporary academia more generally. Some of my thoughts on the matter are expressed in the posts on the Transmodern Philosophy blog accompanying the Summer school, and others were expressed during the first public panel. I’ve had numerous questions put to me about the perspective out of which these thoughts were developed, as people have rightly surmised that there’s a certain systematic account of academia underlying them, but this is an account that I’ve never actually published in any public forum. I did begin writing something on this topic just over two years ago, an essay somewhat ambitiously titled ‚The Systemic Problems of Contemporary Academia and their Solution‘, but, although I was quite happy with my analysis of the problems, it turned out to be much harder to…

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Am Donnerstag und Freitag wurde auf der Tagung „Zugang gestalten“ im Jüdischen Museum Berlin über Verantwortung für den und Probleme mit dem Zugang zum kulturellen Erbe im digitalen Zeitalter diskutiert.

Pastoral ging es los und mensch fragte sich, ob das kulturelle Erbe so viele rhetorische Kunstpausen braucht, wie Dr. Klimpel sie einstreute. Hängt das damit zusammen, dass ihm als Junge in der Stadtbücherei niemand Gratismentalität vorgeworfen hat? Mit dem gesponsorten Mate-Drink und den Twitterkommentaren vor sich, sah mensch dem Tag aber trotzdem gespannt entgegen …

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Der Philosophiehistoriker Stefan Heßbrüggen hat in einem Beitrag auf carta.info versucht, die neue „Ergänzung der Empfehlung der Deutschen Forschungsgemeinschaft DFG zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis“ (PDF) so zu verstehen, „dass ich die Tragweite und den Anwendungsbereich dieser Norm verstehe. Um es vorwegzunehmen: dieser Versuch wird scheitern.“

Die bereits kontrovers diskutierte „Empfehlung 17“ richtet sich auf den Umgang mit Hinweisen auf wissenschaftliches Fehlverhalten durch akademische Whistleblower, die sich nun unter Umständen selbst des wissenschaftlichen Fehlverhaltens strafbar machen können. Heßbrüggen zeigt die weitreichenden Komplikationen und Probleme auf, die diese Regelung mit sich bringt und kommt zu dem Schluss:

Die DFG hat […] eine in ihrem Geltungsbereich unklare, in ihren Zielen widersprüchliche und in ihren Folgen schädliche Empfehlung verabschiedet, die nicht nur das Verhältnis von Wissenschaft und Öffentlichkeit, sondern auch die Öffentlichkeit der Wissenschaft selbst schwer beschädigt.

In einem Beitrag auf seinem Blog differentia bemerkt Klaus Kusanowsky im Hinblick auf die umstrittene Empfehlung:

dass eigentlich die Bürokratie als staatlich legitimiertes Verfahren der Exklusion von Personen das Problem ist und nicht die Relevanz des Wissens. […] War ehedem die Gewinnung sicheren Wissens die Aufgabe wissenschaftlicher Methoden, so scheitert die Wissenschaft heute daran, dass sie für die Verteidung von Reputationssicherheit keine geeigneten Methoden hat.

Der Ausweg könnte sein, eine Wissenschaft ohne Bürokratie zu finden.

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Schnitzeljagd, Topfschlagen und Stille Post – Kindergeburtstage als vorakademische Erziehung

Kommunikation und andere Unwahrscheinlichkeiten

Auf dem Weg zur Professur steht man als Nachwuchswissenschaftler/in vor so mancher Herausforderung: Lehre, Forschung, Diss und Orgakram, alles muss man unter einen Hut bekommen. Bestenfalls besser als die anderen. Doch zum Glück sind wir nicht unvorbereitet. Auf den Kindergeburtstagen von damals haben wir alles schon einmal durchgespielt.

Wir erinnern uns: Am Anfang eines jeden Kindergeburtstages stand immer eine Einladung. Manchmal bunt verziert mit Blumen, Partyhüten oder Luftschlangen, manchmal eher im nüchternen Formular-Stil gehalten, in jedem Fall aber feierlich überreicht und voller Stolz entgegengenommen. Für den Einladenden war sie das Ergebnis wohl überlegter Auswahl. Für den Eingeladenen ein Ausweis des Auserwählt-Seins.

Entsprechend selbstbewusst wurde das damals noch unbekannte Terrain des gastgebenden Hauses betreten – die elterlichen Flanken gegen schwindelerregende Unabhängigkeit getauscht. Unsere Neugierde auf fremde Gesichter verdrängte dabei die mitschwingende Furcht vor ihnen. Alles Neue wurde Abenteuer. Es folgten die obligatorischen Spiele.

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