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Posts Tagged ‘Bahnfahren’

„Wie alt wirst Du sein, wenn Du nicht mehr schwul sein wirst?“ Das war ein Satz, bei dem ich aufhorchte.

Ich befand mich gerade auf dem Heimweg von einer Tagung, auf der in einer Runde engagierter WissenschaftlerInnen neueste Erkenntnisse zur Analyse „intersektionaler und narrativer Konstruktionsprinzipien von Differenz in Literatur und Film“ diskutiert worden waren. Es ging kurz gesagt darum, auf welche Weise in Texten und Filmen Differenzkategorien wie Alter, Geschlecht, Nationalität, Ethnizität, Klasse/Schicht eingesetzt werden, um spezifische Identitätsmodelle zu konstruieren usw. Ich war also dementsprechend sensibilisiert, aber dieser Satz hätte mich auch ohne wissenschaftliches Interesse stutzig gemacht.

Franz Schwarzinger, o.T.

Franz Schwarzinger, o.T.

Eine für die akademische Community überraschende, aber überaus nahe liegende Einsicht war es gewesen, dass derartige Kategorien im ‚realen Leben’ immer schon in hybrider Form erscheinen. In den meisten Fällen überfordere die Repräsentation dieser Hybridität in Literatur und Film die Rezipienten jedoch derart, dass erfolgreiche Krimiserien wie der Kriminaldauerdienst (KDD), trotz Adolf-Grimme-Preis 2008, aus den Produktionslisten der TV-Sender gestrichen werden. Was bedeutet das nur für die Realität?

Der Pool interdependenter Kategorien

Ich konnte diesem Problem nachgehen: Gegen Abend allein in einem menschenleeren Zug sitzend, trampelten plötzlich laute Schritte in den Waggon und eine junge Schwarze, mit Ketten, bunten Ohrringen und vielen Taschen behangen, ließ sich geräuschvoll auf dem Platz hinter mir nieder. Sie war 16 Jahre alt oder vielleicht auch 14, denn junge Mädchen sehen ja immer schon viel älter aus als sie es tatsächlich sind, und sie zog sofort einen Gameboy heraus, um mit piependen Geräuschen ein Computerspiel zu spielen.

Nach einiger Zeit gesellte sich ein älterer Mann in unser leeres Abteil, der sich etwa entfernt niederließ. Ich nehme an, er war marokkanischer oder algerischer Herkunft. (mehr …)

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Der Zug hat ein paar Minuten Verspätung. Nein, noch ist die Rede nicht vom Castor, der heute aus La Hague losrollt. Es geht um den Regionalexpress von Gießen nach Kassel. Der ist ca. 10 Minuten verspätet und ein Insasse ist ganz aufgeregt, ob er seinen Anschluss Richtung Hamburg noch bekommt. Dabei richtet sich seine Aufregung gar nicht gegen die Bahn. Es ist nicht die übliche Bahnschelte unter Fahrgästen, um über einen leicht gefundenen gemeinsamen Gegner eine Gemeinschaft herzustellen. Nein, der Fahrgast lobt gar die Bahn als billiger und angenehmer, als wenn er immer alleine mit dem Auto fahren müsste.

Er ist vielmehr aufgeregt, weil er lieber früher als später in Uelzen ankommen möchte, wo er heute ausnahmsweise mit dem Auto abgeholt wird, „um die Heimat zu verteidigen“. Ich sitze einige Meter entfernt, muss mich nicht ins Gespräch einschalten, wundere mich aber innerlich über die Wortwahl. Geht es bei den Protesten gegen Atomkraft wirklich um eine ‚Verteidigung‘ der ‚Heimat‘? Ist es angebracht diese militärischen oder vielleicht gar völkisch aufgeladenen Begriffe zu verwenden, wenn es dabei doch zugleich um eine Systemkritik geht? Handelt es sich doch um eine Form der Energieerzeugung, die, wie sich gerade wieder gezeigt hat, aus Profitinteressen von einer starken Atomlobby gegen den Willen der Mehrheit der Bevölkerung durchgesetzt wird, wobei bei Protesten wie in Gorleben immer wieder polizeistaatliche Aspekte ‚unserer Heimat‘ zutage treten. Geht es doch um eine Energiepolitik, die kontinuierlich die Risiken kleinredet und die Kritik an der ungeklärten Endlagerung unter anderem durch geschönte Gutachten zum Salzstock in Gorleben zum Schweigen bringen wollte.

Der Mann aber, dessen Intonation ihn deutlich im Norden verortet, wirkt so gar nicht militaristisch und seine Heimatverbundenheit hat etwas so liebenswertes, dass ich fast gewillt bin, eine Umwertung des Heimatbegriffes darin sehen zu wollen. Er war auf Montage, aber nun möchte er zu seiner Frau, steht ihr Haus doch nur 500 Meter vom Verladekran entfernt und dort ist schon alles voller Polizei. Und diese seine ‚aufrichtige‘ Aufregung, die nicht bloßer Vorwand für Gespräche während einer langweiligen Zugfahrt ist, involviert die anderen Fahrgäste in seiner Umgebung. Die Oma, die mit ihrem Enkel ebenfalls eine knappe Umsteigezeit hat, stimmt in das Lob der Bahn mit ein, insbesondere nachdem klar ist, dass die Anschlüsse warten werden. Ein anderer Fahrgast äußert sich zu den notwendigen Protesten gegen den Castortransport.

Man kann aus vielen Gründen gegen diese politisch gewollte, unsinnige Atompolitik sein. Und gerade das macht wohl einen Reiz dieser Bündnisse gegen Atomkraft und für ein lebenswerteres Land aus, dass in ihnen die Heimatverbundenen neben den Systemkritiker_innen, die Intellektuellen neben den Monteur_innen auf die Straße gehen. Ein gutes Beispiel für Allianz- statt Identitätspolitik.

Wer sich auch noch auf den Weg machen will, kann sich u.a. bei ausgestrahlt.de oder X-tausendmal quer informieren. Hintergrundinfos liefert das Dossier Strom ohne Atom.

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Viele theoretische Begriffe, die wir tagtäglich in der Forschungsliteratur finden, erscheinen ziemlich fade und einfaltslos. Das Wort „Raumpraktiken“ ist so eins. Es kann nur in der Forschungslandschaft geboren sein; für den Gebrauch außerhalb der Uni ist es schwer vorstellbar, obwohl es doch gerade nicht „Raumtheorien“ heißt. Oder gibt es Gegenbeispiele?

Neulich habe ich mich mal bewusst von Ort zu Ort bewegt, und habe damit à la Michel de Certeau einen Raum geschaffen. Ich habe „ja“ zum Raum gesagt, und habe damit eine Aussage getroffen: Dass ich gerne mal aufs Fahrad steigen wollte, um die Wetterau im Spätsommer zu genießen. Ja, so einfach ist es: Man nehme den Zug von Gießen nach Grünberg (die Vogelsbergbahn), genieße das ruhige Treiben auf dem Markt, verpflege sich mit ein paar Leckereien; und dann geht’s los auf dem gut ausgeschilderten Radweg R 6 bis Lich. Dort kann man dann mit der „Lahn-Kinzig-Bahn“ wieder bequem nach Gießen zurück. Die kaum hügeligen 20 km kann jeder in unseren Reihen schaffen, da bin ich mir sicher. Zu jeder Jahreszeit ist die Wetterau unspektakulär; sie ist genau die Landschaft für die Tage, in denen man bewusst nicht Urlaubsstimmung, sondern einfach nur mal raus „an die frische Luft“ möchte. Gut durchgelüftet ist der fleißige Akademiker dann, um wieder neue Forschungsliteratur zu wälzen oder ein paar weitere Zeilen in den Computer zu hacken.

Die Tour nun in Start- und Zielbilder gefasst:

Beschaulichkeit in Lich

Beschaulichkeit in Grünberg

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On June 25, 1984, Michel Foucault reportedly died as a result of AIDS. One can only imagine how sweet this revenge must have tasted for the doctors: after all these years of being insulted in Foucault’s work, after all these accusations of perverted exercise of power over patients, they finally managed to discursively construct Focault as being HIV-positive.

What then, is Michel Foucault still doing on this blog? Why is he writing towards you, hypocrite lecteur – mon semblable – mon frère? I find this question as rallying as it is reassuring. Indeed, should not the author who assasinated the author live up to his own theory and stage his disappearance?  Thus, do not ask me who I am and do not ask me to remain the same, leave it to our bureaucrats and our policemen to see that our papers are in order. At least spare us their morality when we write.

It is exactly because of this that I cherish the space of this blog, a space where statements can be made from that liminal position that is neither ‘in the true’ nor outside of it. Here indeed discourse rules as a sovereign over its reading subject, preventing it from doing whatever it is it would rather do.

It therefore hurts all the more to see this space littered with comments on Derrida – A Frenchman who spells différence as différance, quel connard! Luckily though, there are some interesting posts to be found as well, such as ‘Bus UND Bahn?!’ The question why there is no elaborate long-distance bus service in Germany, so pointedly raised in this article, is indeed worthy of further inspection. On August 20, I attended the ‘Autobus et train, c’est merveilleux’ conference at the Collège de France, where Jean-Jacques François pointed out a correlation between literal mobility and class mobility. Henceforth he proceeded to analyze the state’s refusal to provide a bus service as a deliberate attempt to keep the worker in place and to consolidate the current configuration of power.

But does this repressive hypothesis hold? Would the installation of a bus service really lead to the democratization of movement and to the unobstructed flow of subjects? I think not. Focusing rather on the productivity of power, a decision on behalf of the state and its corporate partners to enhance collective mobility can be read as an attempt to intensify the reach of biopolitical control. Indeed, to create a system based on the myth of ceaseless mobility is to uphold the enlightenment idea of the moving subject. The system itself takes over and panoptically regulates subject traffic – Die Bahn becomes the Unmoved Mover.

M.F.

(for a more detailed analysis, I refer to Foucault, M. 2024. The History of Mobility, vol. 1. Paris: Gallimard)

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Bus UND Bahn!?

Wer hat sich nicht schon einmal gefragt, ob es im Fernverkehr der Bahn nicht ein wenig günstiger gehen könnte. Der sogenannte Normalpreis der Bahn ist wirklich entschieden zu hoch, wenn man die Konkurrenz von Mitfahrzentralen berücksichtigt. Doch warum sind die Preise so hoch?

Es mag immer noch gute Gesetze aus dem Jahre 1931 geben, aber jene „Überlandverkehrsordnung“, die keine faire Konkurrenz zwischen Schienen- und Straßenverkehr erlaubt, ist überholt. Die meisten Länder Mitteleuropas bieten Bus Und Bahn im Fernverkehr an; und in Deutschland ist bis auf wenige Ausnahmen über lange Strecken nur das Bahnfahren möglich. In Kleingruppen ist einzig das Auto eine kostengünstige Alternative.  Endlich ist nun ein wenig mehr Fahrt in die Debatte gekommen, mehr Busverbindungen im Fernverkehr einzurichten: nicht nur der Spiegel berichtete darüber.

Die Frage, die sich stellt ist: Verändert sich das Gesicht der Innenstädte, deren heutigen Busbahnhöfe schon so stark mit dem Regionalverkehr ausgelastet sind?  Zu vermerken ist, dass ein neues Geschäftsfeld mit viel Potenzial auf klare politische Äußerungen wartet….und auf städtebauliche Kreativität!

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Es ist ganz einfach: man muss nur beispielsweise am Frankfurter oder am Nürnberger Hauptbahnhof ein-, aus- oder umsteigen, um festzustellen, dass eine unpersönliche, computergenerierte Stimme richtig nerven kann. Gerade wenn es so viel „Rauschen“ durch Zugein- und -ausfahrten in jenen großen Bahnhöfen gibt, so nehmen wir häufig nur noch eine Art Sprachcluster wahr, aus dem das Ohr nur noch Silben, Wörter oder bestenfalls Satzteile heraushören kann. Dabei habe ich noch gar nicht das Inhaltliche berücksichtigt, denn von einer Verspätung oder einem Zugausfall getroffen zu werden ist meist unangenehm, unabhängig von der Stimme.

Eine „unmenschliche“ Ansage mag den Vorteil haben, dass sie sich nicht versprechen und ständig auf fast befremdliche Art und Weise überkorrekt sprechen kann. Dies führt dann oft zu unüblichen Betonungen, da eine im Leben erlernte, persönliche Stimmführung gar nicht exisiert.  Hauptsache, so scheint es, die zusammengeschobenen Silben- und Wortfragmente bilden einen ganzen Satz! Jedenfalls bin ich immer sehr irritiert, wenn eine solche Stimmenmechanik eine Vielzahl von Menschen mit „Herzlich Willkommen“ begrüßt.  Das kann doch wirklich keiner mehr ernst nehmen.

Die S-Bahn-München hat zum letzten Fahrplanwechsel einen Schritt zurück gemacht: sie hat eine im Hörfunk erprobte Journalistin für die Ansagen eingesetzt, wodurch die Informationen durch den bewusst gewollten Dialekt etwas Menschliches,  etwas Nahes erhalten.  Der Reisende ahnt sofort: die Stimme kennt sich am Orte aus; sie ist in Bayern daheim. Ein angenehmes Gefühl kommt auf, auch wenn ich mich in München nicht als Einheimischer fühle.

Was wäre die Sprache ohne Dialekt? Ich hoffe, dass nicht bald alle großen Bahnhöfe durch ihre einheitlichen Stimmen akustisch austauschbar werden. Dann wäre die Durchsage wie  die Fahrplanoptik. Ein Standard mehr! Ob daraus auch bald eine Norm werden wird?

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Bei der Bahn sei an allem das Wetter schuld – von wegen! Egal ob defekte Klimaanlage in den ICEs, bei Regen liegen bleibende REs oder nicht funktionierende Heizungen im Winter. Dank investigativer Recherchen konnten jetzt die wahren Gründe für den Schlamassel bei der Bahn aufgedeckt werden. Offenkundig handelt es sich um einen Systemfehler.

Es scheint, als würde der Betrieb durch das Betriebssystem behindert.

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Liegewagen

Manchmal ist schon der Weg das Ziel. Denn hier kann man bereits den für die Konferenz angekündigten „Verhandlungen kultureller, ethnischer und geschlechtlicher Identitäten“ lauschen. Obwohl mein Gegenüber jahrelang in Wien gelebt hat und erst frisch nach Frankfurt gezogen ist, hört die belgienaffine ‚Auslandsösterreicherin‘ aus Koblenz neben mir ihm die Salzburger Herkunft an, nicht jedoch die hessische Mutter. Mit dem Belgier im Abteil wiederum diskutiert sie auf Flämisch belgische Zeitungsartikel, wenn der nicht gerade auf Deutsch über die Franzosen schimpft. Zu dritt sprechen sie über Absurditäten bei Bahnreisen in Europa. Wieso ist es von München nach Wien billiger als von Salzburg? Wieso kann man für denselben Zug bei der österreichischen Bahn schon Tickets bekommen und Reservierungen tätigen, während sie bei der DB noch nicht freigeschaltet sind?

Frühstück inklusive

Und manchmal sind es veränderte Umweltbedingungen, die zu neuen „Überkreuzungen“ (so der Tagungstitel) menschlicher Wege führen. Die beiden Herren können bei der historischen Rückschau, wann wo im Zug welche Pässe kontrolliert oder gar eingesammelt wurden, nicht mitreden und geben kleinlaut zu, dass sie sonst meist fliegen, nur wegen der Aschewolke, jetzt halt, naja … Also werden nun Flughäfen durchdiskutiert, auch hier lässt sich über die Franzosen schimpfen, muss in Charles de Gaulle doch jeder ewig laufen, der nicht Air France fliegt. Dafür halten in Belgien die Senioren den öffentlichen Nahverkehr auf, weil sie kostenlos fahren können und immer so lange beim Ein- und Aussteigen brauchen. Für Österreich wiederum spricht, dass die Jahre des Maturierens anders als in Deutschland auf die Pension angerechnet werden. Schließlich geht es um Banküberweisungen und Abhebegebühren.

„Das soll Europa sein?“, fragt der frisch gebackene ‚Auslandsösterreicher‘ rhetorisch. Ja doch, denke ich, die stille Teilhaberin des Gesprächs, irgendwie sitzt hier im Abteil ein Teil Europas, unterhält sich in gemeinsamen, wenn auch verschieden akzentuierten Sprachen über gemeinsame Probleme und lässt sich das überraschenderweise im Sparschiene-Ticket inbegriffene Frühstück schmecken.

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Ausnahmsweise habe ich das Nordhessische hinter mir gelassen, ausnahmsweise muss ich nicht am zugigsten aller Bahnhöfe mit Doppelnamen umsteigen. Und aus dieser Perspektive gewinnt sogar diese Stadt, Inbegriff des grauen, nichtssagenden Mittelmaßes,  gewinnt vielmehr deren Bahnhof als Umsteigeplatz an Attraktion: nicht zuletzt, weil es hier eine DB Lounge gibt.

DB Lounge, das heißt in diesen winterlichen Zeiten Wärme, das heißt kostenlose Kalt- und Warmgetränke und rote Sessel mit Blick auf den Bahnhofsvorplatz, auf dem die Straßenbahnen einen sympathischen Halbkreis markieren und von der 60er-Jahre-Architektur der dahinter liegenden Kaufhäuser ablenken.

DB Lounge, das heißt aber auch, dass ich hier nicht so richtig reinpasse, dass ich aus der Sozialstruktur der hier Einsässigen falle: vornehmlich männlich, und älter. Vielleicht sind die DB Lounge-Insassen gar nicht älter, sondern sehen nur so aus. Und das wohl nicht mal körperlich bzw. wer könnte etwas über diese Körper sagen, die doch versteckt sind unter den immergleichen Anzügen, aus denen einzig die Köpfe mit den austauschbaren Gesichtern schauen, in denen sich ein Arrangierthaben mit den kapitalistischen Gesetzen dieser Gesellschaft spiegelt.

(Pendelexistenzen sind eigentlich kein Einzelfall in Wissenschaft und Kultur, und im Zug erkennt man sich, besonders im bahncomfort-Wagen … trotzdem diese davon abweichende Sozialstruktur der Lounge, vielleicht wegen der 1. Klasse-Reisenden, die sich hier hinzuaddieren?)

Nun sitze ich also als Irritationsmoment im roten Sessel, jeweils kurz skeptisch beäugt, bevor sich die Gesichter wieder in der ausliegenden Financial Times vergraben, bis eine weitere Ausnahmeerscheinung die DB Lounge betritt und zielsicher auf mich zusteuert, da hilft es auch nichts, dass ich mich meinerseits in meiner Zeitung vergrabe. Der Zug sei ja sozusagen ihr dritter Wohnsitz – Ja, das kenne ich. Schon vier ihrer Bücher habe sie quasi komplett im Zug geschrieben – Wenn bei mir nach und nach ein Buch (das Buch) dabei entsteht, wäre mir das auch schon recht. Sie zeigt mir ihr letztes Buch, und an der kyrillischen Schrift merke ich zwar, dass ich den Akzent der richtigen Himmelsrichtung zugeordnet habe, kann mit meinem Nicken aber nur so viel sagen wie ‚Aha, in der Tat, ein Buch‘, da mir das Thema unerschlossen bleibt. Bevor ich fragen kann, redet sie schon weiter: Obwohl sie nicht nur ‚Schriftstellerin und Psychologin‘ geschrieben habe, sondern auch ihr Alter, bekomme sie ständig Post von 30-jährigen Männern. Was wollen die von mir, ich bin 53, weder jung, noch schön?  Ich frage mich, wo sie das geschrieben haben könnte, bin aber noch dabei, ihr zu versichern, dass sie jünger aussehe als 53, da beginnen wir schon das DB Lounge-Quartett, und sie gewinnt mit 700 Kilometern gegen meine läppischen 500. Dann klingelt ihr Handy und sie muss irgendwem irgendwelche Tüten für irgendwelche Nichten, Neffen oder Enkelkinder im Süddeutschen mitgeben und verschwindet. Ich schaue wieder den Straßenbahnen beim Ein- und Ausfahren zu, werfe einen Blick in meine Zeitung und begebe mich dann zu meinem Anschlusszug.

Wahrscheinlich bin ich doch schon Insassin genug, um mit jedem DB Lounger das Pendel-Quartett zu spielen und über dritte Wohnsitze zu reden – oder aber meistens und wie die meisten hier hinter einer Zeitung versteckt heimlich den Straßenbahnen bei ihren Halbkreisen zuzuschauen. Nur die Anzahl der im Zug entstehenden Bücher unterscheidet uns vermutlich.

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