Feeds:
Beiträge
Kommentare

Posts Tagged ‘Bibliothek’

In den letzten Monaten ist hier auf unserem Blog ja nichts mehr weiter passiert. Das liegt unter anderem daran, dass die meisten oder fast alle von uns fertig mit dem Promovieren sind und nun keine Zeit mehr zum Prokrastinieren (oder andere Möglichkeiten dafür gefunden und bevorzugt) haben. Es ist sogar so, dass die Mitglieder unseres Blogkollektivs voneinander größtenteils gar nicht mehr wissen, was sie mittlerweile eigentlich machen. Viele sind der Wissenschaft geblieben und einige von uns haben dafür versucht herauszufinden, was andere Wissenschaftler_innen so machen, wenn sie arbeiten. Das ist ein längeres Projekt, von dem hier früher schon einmal kurz berichtet wurde. Nun ist tatsächlich ein Buch darüber erschienen: Library Life: Werkstätten kulturwissenschaftlichen Forschens, veröffentlicht in dem neu gegründeten meson press Verlag.

Ausgehend von den Laborstudien der Science & Technology Studies sind wir darin der Frage nachgegangen, wie eigentlich ein wissenschaftlicher Text entsteht. Dafür haben wir die persönlichen Schreiborte von Kulturwissenschaftler*innen verschiedener Disziplinen aufgesucht und sie befragt. Was wir dann in den Werkstätten kulturwissenschaftlicher Wissensproduktion in Erfahrung gebracht haben, ist ein unvermutet komplexes Zusammenspiel technisch-materieller, praktischer, medialer, sozialer, institutioneller, ökonomischer, politischer und ideeller Dimensionen einer Form von Arbeit, von denen man meinen könnten, man bräuchte doch eigentlich nur Stift und Papier dafür. Die Vielfalt der Dinge, Verhältnisse und Zustände, derer es bedarf, um einen Text zu fabrizieren, hat uns jedenfalls überrascht und wir fanden es interessant genug, darüber selbst etwas zu schreiben.

Das Buch ist als open access Publikation erschienen und kann auf der Verlagsseite kostenlos als PDF heruntergeladen werden. Demnächst wird es auch als Druckausgabe erhältlich sein. Neben verschiedenen – teils sehr erstaunlichen – Aufschreibesystemen und Arbeitstechniken geht es darin auch um die Rolle der Produktionsverhältnisse, in denen Wissenschaftler_innen verschiedener Statusgruppen ein für sie praktikables Forschungsarrangement einrichten müssen. Wie das gelingt, hängt von sehr vielen Dingen ab: Wie man in einer bestimmten Disziplin arbeitet, was man dafür zur Verfügung hat, die Räume und Zeiten, die man dafür in Anspruch nehmen kann, wie die Geräte funktionieren (oder auch nicht), die man dafür braucht, welchen einen Eigensinn sie entwickeln, was für Vorlieben, Erfahrungen und Einfälle man entwickelt, was die anderen von einem wollen und nicht zuletzt auch, ob und wie man davon leben kann.

Über die Arbeitsbedingungen von Akademiker_innen wird ja in letzter Zeit häufiger in den Zeitungen berichtet und diskutiert. Unser Buch mag daher auch ein Anlass sein, das Thema dieses Blogs „Kultur oder Wissenschaft“ in diesem Licht vielleicht etwas wiederzubeleben – sofern unser eigenes „Library Life“ dafür Raum und Zeit lässt. Kommentare zu dem Buch oder eigene Erfahrungsberichte, die das Bild noch bunter, vielleicht sogar klarer oder auch komplizierter machen, sind jedenfalls herzlich willkommen.

Advertisements

Read Full Post »

Am Donnerstag und Freitag wurde auf der Tagung „Zugang gestalten“ im Jüdischen Museum Berlin über Verantwortung für den und Probleme mit dem Zugang zum kulturellen Erbe im digitalen Zeitalter diskutiert.

Pastoral ging es los und mensch fragte sich, ob das kulturelle Erbe so viele rhetorische Kunstpausen braucht, wie Dr. Klimpel sie einstreute. Hängt das damit zusammen, dass ihm als Junge in der Stadtbücherei niemand Gratismentalität vorgeworfen hat? Mit dem gesponsorten Mate-Drink und den Twitterkommentaren vor sich, sah mensch dem Tag aber trotzdem gespannt entgegen …

Read Full Post »

Oder: Kann das Internet für die Wissenschaft mehr sein als eine erweiterte Bibliothek? Ein Erfahrungsbericht

Auf dem Blog Das eigensinnige Kind unternimmt Wolfram Ette den Versuch, das gleichnamige Märchen der Brüder Grimm durch ein Verfahren der Kollektion und Konstellation kollaborativer Interpretation zu erkunden. Das Verfahren soll dem Gegenstand angemessen sein. Denn auch Märchen sind, wie Blogs, ein Produkt kollektiver Autorschaft. Der erste Eintrag beschäftigt sich mit dem Urvertrauen, dessen Fehlen ein Phänomen sei, dem sich auch ein Ausbleiben revolutionärer Zuversicht verdankt:

Keine Revolution ohne Urvertrauen. Der Mangel an Urvertrauen begleitet die deutsche Geschichte, und von diesem Mangel als einer kollektiven Krankheit erzählt »Das eigensinnige Kind«, das den Eigensinn in Zerstörung und Selbstzerstörung münden lässt.

Nachdem ich diese Zeilen las, kam mir Kluges Der lange Marsch des Urvertrauens aus seiner Chronik der Gefühle (Suhrkamp, Frankfurt/M. 2000)  in den Sinn. Kluge beschreibt dort das Urvertrauen als eine anti-realistische Mitgift jedes Lebewesens, die es mit einer existenzfördernden Illusionsfähigkeit, einem Eigensinn ausstattet, durch den es sich, trotz der Unbarmherzigkeit der Welt, nicht ohnmächtig fühlen muss:

das ist so wie in der Musik, eine gute Dissonanz ist ja etwas sehr starkes. Und diese Dissonanz […] ist […] eines der besten Musikstücke der Welt, ein Musikstück der Evolution sozusagen, dem wir da zuhören können und nicht nur zuhören, sondern wir machen diese Musik ja.

Diese Dissonanz hält das Leben offen für seinen Eigensinn. Und aus der Begegnung des Eigensinns mit dem Zufall können Überraschungen entstehen, die das Urvertrauen bestärken. Eine Gestalt solcher Überraschungen ist die Serendipität. Als ich nun – noch vom ganz Echo dieser Dissonanz erfüllt – mich dem Eigensinn meiner Twitter-Timeline zuwendete, setzte Klaus Kusanowsky gerade einen Tweet ab, angesichts dessen mir die Rekontextualisierung eines Zitats aus Kluges Text angebracht schien, woraufhin sich folgende, kleine Konversation entspann: (mehr …)

Read Full Post »

In den vergangenen Jahren haben wir auf dem Blog gelegentlich über verschiedene Erfahrungen mit Orten und Räumen der wissenschaftlichen Arbeit berichtet. Zum Beispiel darüber, wie man in die russische Nationalbibliothek hereinkommt, welche Macht das Regal und seine Einräumer auf den Prozess der Wissensproduktion haben, wie man sich auf Archivreise (k)eine Unterkunft sucht, über die DB-Lounge als geselligen non-place akademischer Pendelexistenzen oder über den Geschmack des Archivs.

Heute las ich auf dem Blog von Hadmut Danisch, der dort Ansichten eines Informatikers verbreitet, einen bemerkenswerten Bericht über seinen Versuch, sich unter Bedingungen „teuflischer Sicherheit“ in einer (nicht näher bestimmten*) Bibliothek anzumelden. Bemerkenswert ist dabei vor allem seine Geschichte über ein diabolisches Schließfachsystem:

Bereits am Schließfach für die Klamotten kam ich ins Straucheln. Das übliche Fach in der üblichen Größe mit dem üblichen Schloss für das übliche 1-Euro-Pfand mit dem üblichen kleinen schwarzen vierkantigen Schlüssel vom üblichen Hersteller. Gerade noch rechtzeitig fiel mir die Abweichung vom Üblichen auf: Normalerweise steht die Schließfachnummer auf dem Schlüssel, damit man das Fach wiederfindet, in dem man sein Hab und Gut hinterlegt hat. Bei diesem Schlüssel stand auf jeder der vier Seiten ein Nummer, manche graviert, manche eingepresst, manche eingekratzt. Auf jeder Seite eine andere Nummer, und keine stimmte.

Auf seine beiläufige Nachfrage am Informationsschalter (wo es noch kompliziertere Probleme zu lösen galt), was es mit der verwirrenden Beschriftung des Schlüssels auf sich habe, erfährt der Autor von der Bibliothekarin:

Das sei Absicht, entgegnete sie trocken. Aus Sicherheitsgründen.

Verstehe ich nicht. Wieso denn das? (mehr …)

Read Full Post »

Of course you can have online everything free of charge,

but for good reason you have decided for a book.

alphascript

Copypress Commons

Wer ist Frederic P. Miller? Wer das heute noch nicht weiß, wird es sicherlich morgen schon tun. Oder er ist kein aufmerksamer Wissenschaftler. Denn der Hans Dampf in allen Gassen der Forschung ist einer der produktivsten Autoren unserer Zeit. Und er kennt sich in nahezu allen Wissensgebieten aus. Ein Universalgelehrter am Fließband der Druckerei. Mittlerweise gibt es 16.311 Titel bei Amazon.de von ihm, sogar 20.149 Bücher bei goodreads, die auch fast alle Bestnoten von ihren Lesern erhalten. Ein Phänomen der Mann. Aus der Forschungslandschaft ist er inzwischen kaum noch wegzudenken. Keine ernstzunehmende Bibliothek kann es sich leisten, auf seine Publikationen zu verzichten.

Miller hat auch viele fleißige Kollegen. Lambert M. Surhone zum Beispiel, wie André Vatter auf basicthinking.de berichtet:

Gibt man seinen Namen bei Amazon ein, poppt einem das Suchergebnis entgegen: insgesamt 21.568 Einträge. Dasselbe gilt übrigens auch für seine beiden Kollegen Miriam T. Timpledon und Susan F. Marseken. Ich habe es nicht im Kopf, doch ich glaube, dass Stephen King als der wohl produktivste Autor unserer Zeit gilt – er bringt es bei Amazon auf gerade einmal 2.888 Ergebnisse

Debora Weber-Wulff fand am 23.11.2011 auf amazon.com sogar 230.556 Publikationen des Autors Lambert M. Surhone, der im Schwesterverlag Betascript veröffentlicht. Heute gibt es von Surhone bereits 233.899 Bücher. Das sind mal eben 3.342 neue Bücher in 10 Wochen. 334 Bücher pro Woche. 47 Bücher pro Tag. Bei acht Stunden Schlaf entspricht das 3 Büchern pro Stunde. Wow! Ich bin froh, wenn ich mal so viele Seiten am Tag schreibe. Wie schaffen die das nur? (mehr …)

Read Full Post »


Wer hier nicht forschen kann, hat keine Ausrede – außer vielleicht, von diesen altehrwürdigen Regalen abgelenkt zu werden und dabei zu tief in die abgesessenen Polstermöbel einzusinken.

Read Full Post »

Dass die Russen ein lesebegeistertes, ja lesewütiges Volk sind, zählt ja zu den bekannten Klischees. Stundenlange Fahrten mit Bus und Bahn durch die russischen Weiten oder allein der Weg zur Arbeit aus einem der Petersburger Randbezirke, lässt sich lesend schlichtweg besser ertragen. Aber auch beim kurzen Verweilen auf einer Parkbank wird sofort ein Buch gezückt – und nicht etwa billige Massenunterhaltung – nein, nein: zeitgenössische Gedichte und Balladen werden da unter dem Schattenspiel der Bäume gelesen. Angesichts dieser hohen Wertschätzung für das gedruckte Wort, verwundert es nicht allzusehr, dass der Zugang zu den Beständen der zweitgrößten Bibliothek Russlands (Russische Nationalbibliothek) genauestens überwacht wird.

Hat man für den Aufenthalt in Russland erst einmal  Visum, Migrationskarte und die obligatorische Registrierung der Unterkunft erkämpft – bzw. bezahlt -,

Dokumente

so ist das Ausstellen des Bibliotheksausweises dagegen ein Kinderspiel (und sogar kostenlos).

RNB-Ausweis

Gesichert durch einen Körpersensor, wie man ihn von Flughäfen kennt, ein elektronisches Drehkreuz und zwei Kontrolleurinnen – am Eingang in Zivil, am Ausgang in Uniform – darf man nun eintreten. „Halt, einen Moment!“ höre ich da plötzlich hinter mir – ich muss den Passierschein erst noch mitnehmen, ausfüllen und sofort bei der diensthabenden Aufsicht stempeln lassen. Aha…bin etwas verwirrt, nicke aber trotzdem bejahend und mache mich auf die Suche… (natürlich fehlte am ersten Tag der entscheidende Stempel, um das Drehkreuz passieren zu dürfen :-)

Bibliotheks-Passierschein

In den Texten ‚meiner‘ Autoren über die Bürgerkriegszeit spielen Pass, Visum, Geleitbrief natürlich ständig eine Rolle, da die Passierscheine zum Alltag gehörten und in manchen Fällen überlebenswichtig waren.

Wie man an all den Bescheinigungen, Formularen und Passierscheinen sieht, gehören sie zum unzerstörbaren Erbe aus sowjetischen Zeiten. Und wenngleich keine existentiellen Folgen zu erwarten sind, zieht der Verlust des Scheins in der Bibliothek zumindest unangenehme Konsequenzen nach sich. Bei einem zufälligen Blick auf den unteren Rand des Zettels ist dort zu lesen:

Der Verlust des Scheins führt zu einem einmonatigen Benutzungsverbot für die Bibliothek.

Dieses flatterige Blättchen, etwas größer als A6, könnte also dafür sorgen, dass ich zwei Wochen Zwangsurlaub in der Stadt machen müsste, sofern ein unerwarteter Luftzug den Zettel durch eines der riesigen, offenen Fenster auf die Straße wehen würde… Hmm, keine schlechte Ausrede, um nicht an der Diss arbeiten zu können, oder?

Read Full Post »

Older Posts »