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Posts Tagged ‘Bücher’

„Man muss sich das Übersetzen als eine ernste Angelegenheit vorstellen.“

Ich also rein in den Bus, dann S-Bahn, schon sitz ich im LCB diesen beiden Typen gegenüber. Anzug, einer sogar mit Weste, beide blau gemusterte Hemden – haben die sich abgesprochen? Bei einem der Hals etwas länger, insgesamt ‘ne Bohnenstange. Erzählen die ganze Zeit von irgendeinem Streit im S-Bus. Bei der Pointe geht’s immer um ‘nen Knopf am Ausschnitt und irgendeinen Lackaffen. Wiederholungszwang? Oder haben die was genommen?

In jedem Fall sind Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel Wiederholungstäter, und das schon seit 34 bzw. 29 Jahren. Zum Glück für alle Leser*innen übersetzter Literatur! Nun haben sie gemeinsam eine Neuübersetzung der Queneau’schen Stilübungen vorgelegt und alle Besucher*innen der Buchprämiere am 26. Mai zudem noch mit ihrem Entertainmenttalent beglückt.

Obwohl die kurze Begebenheit, die Raymond Queneau in 120 Stilübungen immer wieder neu aufschrieb, keinerlei erzählenswerten Plot hat, kommt doch keinen Moment Langeweile auf. Im Gegenteil, lange habe ich nicht mehr so Tränen gelacht, z. B. bei der Stilvariante „Makkaronisch“ , also ein Text im sogenannten Küchenlatein („Sol erat altissimus in himmelo, caloria enormissima. Senatus populusque Parisiensis schwitzabant …“), oder bei den „Italianismen“, die Hinrich Schmidt-Henkel auch in folgendem Video performt, das der Suhrkamp-Verlag zu diesem Buch gedreht hat:

Vor realem Publikum wirkten die beiden Übersetzer noch gelöster und schienen selbst einen Heidenspaß zu haben. Auch hier betrieben sie zugleich Aufklärung: (mehr …)

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2016-03-18 14.13.49

Bleich-bunt fröstelnde Manga-Mädchen

10:37 Bahnhof Leipzig-Messe: Man steigt aus dem Zug aus und trifft sofort auf die ersten Horden Verkleideter, die zielgerichtet Halle 1 zuströmen. Man selbst hat vorerst noch gar kein genaues Ziel, schlägt aber vorsichtshalber die Gegenrichtung ein und landet in Halle 2. Dort merkt man, dass man ja mal einen Tag ohne Kinderbücher verbringen wollte, und schlendert weiter in Halle 4. Trotzdem sorgt es für gute Stimmung, dass hier im Vergleich zur Frankfurter Messe so viele vor dem Bauch getragene oder selbst durch die Gänge stolpernde Kleinkinder zu sehen sind.

Aufruf zur Individualität

11:20 Halle 4: Beim Picus-Verlag schnappt man eine Ansprache in angenehm österreichischer Diktion an angehende Buchhändler*innen auf: „Der Sinn, dass Sie diese Ausbildung machen, liegt nicht darin, dass Sie hinterher Regalbetreuer sind. Sie müssen einen Unterschied machen, für die Kunden muss es einen Unterschied machen, ob Sie da sind oder am nächsten Tag Ihr Kollege.“

Wer den Preis für Mutterschaft bezahlt

11:25 Der Israel-Stand ist von einer Menschentraube umringt. Orna Donath gibt Auskunft über ihre Studie #regretting motherhood – Wenn Mütter bereuen. (mehr …)

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Während die Konferenz Zugang gestalten dieses Jahr im Hamburger Bahnhof eine „Zwischenbilanz der unterschiedlichen Projekte zur Digitalisierung des kulturellen Erbes“ zog (vgl. die Eindrücke von der letztjährigen Konferenz im Jüdischen Museum Berlin), beschäftigte sich zeitgleich nicht allzu weit entfernt auch der Literaturbetrieb mit der Digitalisierung. Die Deutsche Literaturkonferenz hatte am 13. November zu einem Symposium mit dem Titel „Voll digital. 10 Jahre E-Books: Schreiben, Lesen und Verlegen“ ins Grimm-Zentrum der Humboldt-Universität eingeladen.

Blick zum Rednerinnenpult vor vollbesetzten Zuschauerreihen

Die Schriftstellerin Nina George beim Symposium „Voll digital“ am 13.11.2014

Auch hier ging es um Zugang und wie er sich gestaltet bzw. wie wir ihn gestalten sollten. Kathrin Schmidt erzählte in ihren einführenden, wohlgewählten Worten, wie sie selbst nach und nach erst Zugang finden musste zum elektronischen Buch. Mittlerweile kann sie mit E-Books jedoch so gut ihrem Vielleserinnentum frönen, dass ihr Mann nur noch einmal im Jahr statt monatlich neue Regalbretter anbringen muss. Auch habe sich das Spektrum ihrer Lektüre erweitert, weil sie nun virtuell auch zu Büchern ‚greife‘, die sie eher nicht auf dem Wohnzimmertisch liegen lassen würde, um Diskussionen zu vermeiden. Um welche Bücher es sich dabei handeln könnte, ließ Kathrin Schmidt offen.

Nina George, ebenfalls Schriftstellerin, führte in ihrem späteren Beitrag aus, dass sich die Warengruppe 483 – Buchhandelsbegriff für Erotika – als E-Book besonders gut verkaufe. (mehr …)

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Dieses Buch kann man nicht rezensieren. Man kann es nur zitieren. Denn alles, was man beim Lesen über das Buch denkt, artikuliert es kurz darauf selbst.

„Gerald Linds literarisches Debüt Zerstörung ist, die Terminologie des Textes aufgreifend, ein Phallogozentrismus auto(r)erotischer Art, eine gut geölte Selbstauratisierungs- und -inszenierungsmaschine, eine Galerie des megalomanischen Self-Making, ausschließlich bestückt mit autohagiographischen Texten, das eigenikonographierte Portrait of the Academic as Angry Young Artist, ein Anti-Entwicklungsroman mit sich verlaufendem Handlungsbogen.“

Blaues Buchcover von Gerald Lind: Zerstörung, mit einer 13 darauf.

Buchcover © Neofelis Verlag

So charakterisiert die „Patentrezension“, die das Buch im „Appendix I“ gleich mitliefert, das Romandebüt des promovierten Österreichers. Vom Verlag als „Roman“ verkauft, steht im Buch selbst: „Ich scheiße auf einen Untertitel. Ich scheiße auf eine gattungspoetische Deklaration.“ Ein Benennungsvorschlag für die Textsorte findet sich dann in einer Fußnote der „I. Hauptrede“, die in Form einer Seminararbeit über den Roman Zerstörung von Gerald Lind verfasst ist: Es handelt sich ihr zufolge um einen „intratextuelle[n] Paratext“. Da der Text zum Paratext nicht existiert bzw. beide in eins fallen, tragen mit Kürzeln belegte Zitate aus dem in den Hauptreden analysierten Roman Zerstörung (wenn sie nicht aus einem anderen Teil des Buches übernommen sind) die Seitenzahl der Seite, auf der sie zitiert werden. Der „Themenkomplex Literatur und/als wissenschaftliches Schreiben“, um den und in dem der ‚Roman‘ somit kreist, wird natürlich ebenfalls vom Autor selbst benannt (S. 69) und ausführlicher beschrieben (S. 109 f.).

Dieser Exorzismus eines promovierten Germanisten und Kulturwissenschaftlers, der das aufgesogene Wissen durch Zerstörung wieder loswerden, aus dem Denk- und Schreibgefängnis der Wissenschaft ausbrechen will, um literarisch schreiben zu können, fing nach Aussage des Autors auf der Rückfahrt von einer Konferenz an, wo er alles listete, was ihn nervt: (mehr …)

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Als im Frühjahr letzten Jahres die Plagiatsdebatte im Fall Guttenberg zu einem Aufstand im Elfenbeinturm führte, erhofften sich einige Beobachter und Kritiker davon die Geburt einer neuen vernetzten Öffentlichkeit. Was man sich davon erwarten durfte, blieb zunächst unklar. Heute wissen wir, dass seither zumindest die Zahl der Plagiatsjäger-Wikis stark zugenommen hat, die bereits einigen Politikern und Professoren das Amt gekostet haben. Wenn die Dissertation der Bildungsministerin nun in Verdacht steht, eine betrügerische Anmaßung zu sein, so herrscht im Fall Schavan – anders als bei Guttenberg – eher Zurückhaltung in der akademischen Welt. Neben den obligatorischen Beweisaufnahmen und Rücktrittsforderungen lassen sich  vermehrt Zweifel vernehmen, ob es sich bei Schavans Doktorarbeit tatsächlich um ein zu ahndendes Plagiat handelt.

Die Politik des Plagiats und das Bauernopfer

So sieht es für Tobias Bunde, einen der Autoren des offenen Briefes von Doktoranden an die Bundeskanzlerin in der Causa Guttenberg so aus, „als hätte Schavan zwar unsauber gearbeitet und nicht korrekt zitiert, aber Guttenbergs Arbeit war eine Collage aus fremden Ideen, das kann man nicht vergleichen.“ Die spürbare Zurückhaltung zeugt damit weniger davon, dass man nach all den Plagiatsskandalen schlicht „abgestumpft“ sei, sondern vielmehr von einem wachsenden Unbehagen an dem, was Frieder Vogelmann heute auf dem theorieblog als die „Politik des Plagiats“ beschreibt. Deren Konsequenz besteht, zugespitzt formuliert, darin: Würde man die Maßstäbe und Implikationen, mit den die Plagiatsjäger arbeiten, tatsächlich zur Norm erheben, wäre wissenschaftliche Arbeit bald nicht mehr vorstellbar.

Bezeichnend für die Problematik ist der spezifische Plagiatsvorwurf im Fall Schavans. Während es zunächst hieß, sie habe heimlich bei sich selbst abgeschrieben, d.h. einen früheren Aufsatz von sich zweitverwertet, beläuft sich der stärkste Anklagepunkt inzwischen auf eine Häufung sogenannter Bauernopfer. Damit wird ein Plagiatstyp bezeichnet, der darin besteht, dass man einen Autor zunächst korrekt zitiert, um dann den Rest des konsultierten Textes zu paraphrasieren, ohne dies kenntlich zum machen. Typischerweise werden dann die Quellen der Quelle so zitiert, als hätte man sie selbst gelesen. Das heißt, man zitiert nur Zitate, verschleiert aber den Weg, wie man an sie gelangt ist und erweckt so den Eindruck einer selbständigen Aneignung und Kenntnis der angegebenen Primärquellen.

Intertextualität und Geschreibe

Was in der Literatur unter dem Begriff der Intertextualität gefasst wurde (Julia Kristeva: „Jeder Text baut sich als Mosaik von Zitaten auf, jeder Text ist Absorption und Transformation eines anderen Textes“), wird in der Wissenschaft problematisch oder gar justiziabel, sofern man die entsprechenden Referenzen nicht kenntlich macht. In letzter Konsequenz müsste dies entweder zu einer Apotheose der Fußnote führen, die eine groteske Inflation aller Nachweise dessen nach sich zöge, worauf man keine Urheberschaft beanspruchen kann; oder zu dem, was sich mit Adorno als die Professionalisierung der Halbbildung bezeichnen lässt. Die Steigerung von letzterem ist die akademische Institutionalisierung dessen, was Heidegger das „Geschreibe“ nennt:

Gemäß der durchschnittlichen Verständlichkeit […] kann die mitgeteilte Rede weitgehend verstanden werden, ohne dass sich der Hörende in ein ursprünglich verstehendes Sein zum Worüber der Rede bringt. […] Das Geredete als solches zieht weitere Kreise und übernimmt autoritativen Charakter. […] In solchem Nach- und Weiterreden […] konstituiert sich das Gerede. Und zwar bleibt dieses nicht eingeschränkt auf das lautliche Nachreden, sondern breitet sich aus im Geschriebenen als das „Geschreibe“. Das Nachreden gründet hier nicht so sehr in einem Hörensagen. Es speist sich aus dem Angelesenen. Das durchschnittliche Verständnis des Lesers wird nie entscheiden können, was ursprünglich geschöpft und errungen und was nachgeredet ist. […] Hierzu bedarf es nicht einer Absicht der Täuschung. (Sein und Zeit, §. 35) (mehr …)

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11:00 Halle 3 West

Ein Häuflein Journalist_innen wartet geduldig 20 Minuten vor dem Raum „Apropos“, in dem eine Pressekonferenz zu „Urhebervertragsrecht in der Diskussion“ angekündigt war, bis sie zu dem Schluss kommt, dass diese wohl auch nicht c.t. anfängt, sondern ausfällt. Die verbleibende Zeit kann also mit Schlendern verbracht werden, denn langweilig wird es auf der Buchmesse nie. In Halle 5.1 kann man beispielsweise die Auswirkungen der Wirtschaftskrise in Italien sehen, nehmen doch die Stände der italienischen Verlage deutlich weniger Raum ein als die letzten Jahre. Nur der sizilianische Verleger von Andrea Camilleri hat seine Standgröße verdreifacht. Auf dem blauen Sofa vor Halle 5.1 sitzt die Buchpreisträgerin Ursula Krechel. Gefragt, was sie mit ihrem nun international wahrgenommenen Buch Landgericht für ein Bild vom heutigen Deutschland vermittele, antwortet sie: „Ich baue das Fundament ein bisschen um. Und durch den literarischen Blick auf einen Remigranten schärfe ich hoffentlich auch den Blick auf heutige Migranten.“ Auch die haben eigene Anliegen und Traumata, für die man sich interessieren sollte, statt immer nur Integration zu fordern. Integration in was für eine Gesellschaft eigentlich? Entsprechend dieser engagierten Worte schreibt Krechel auch als Lyrikerin „keine Gedichte über schönes Wetter“, wie sie selbst betont.

12:00 Halle 5.0 Weltempfang (mehr …)

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Als „das wohl am weitesten entfernte Nachbarland der Bundesrepublik Deutschland“ bezeichnete Außenminister Westerwelle Neuseeland bei der feierlichen Eröffnung der Frankfurter Buchmesse am 9.10.2012, weil es „gemeinsame Werte“ mit Deutschland habe. Zugleich aber sei es, wegen der polynesischen Einflüsse, ein „Tor zur exotischen Welt“: „Wer je den Atem des Gegenübers gespürt hat, wenn sich die Nasen bei einer Begrüßungszeremonie der Maori treffen, wird dieses Erlebnis nicht mehr vergessen.“ Die im Anschluss an anderthalb Stunden Reden stattfindende Präsentation des diesjährigen Gastlandes legte den Schwerpunkt dann zunächst auf das exotische Moment. Bei Wein (und irgendwo gab es wohl auch Häppchen) konnten die Gäste diverse Maori-Tänze bewundern. Während diese körperliche Präsenz zeigten, übernahmen anschließend weitgehend die aufgestellten Leinwände, um die vom stellvertretenden Premierminister Neuseelands benannte Spanne „from traditional Maori storytelling to the storytelling of the future“ zu visualisieren. Weil sich das Faszinierende der Literatur, das Leseerlebnis im Kopf der jeweiligen Leserin, schwer als Massenevent vermitteln lässt, lag hier ein Schwerpunkt auf Graphic Novels, Literaturverfilmungen (z.B. Whale Rider) und Bilderbüchern.

Schon vor diesem zweiten Teil der Eröffnungsfeier, der auf eine Verbindung von Sehen, Hören und Schmecken setzte, faszinierte die 64. Hokohoko Pukapuka ki Frankfurt (Maori für Eröffnung der 64. Frankfurter Buchmesse) für bisher mit Neuseeland weniger vertraute Gäste zunächst vor allem durch den schönen Klang jener Sprache. Vielleicht liegt es bloß am anderen Zeitempfinden, wenn man sich nicht um semantisches Verstehen bemüht, doch der Sprecher vom Band schien sich gleichsam selbst die Zeit zu nehmen, dem Klang seiner Worte zu lauschen. Leider wurde nur ins Deutsche und Englische gedolmetscht, sonst hätte ich mich für Kopfhörer entschieden und für den Klang wohl großenteils auf das Verständnis des Inhalts verzichtet. So aber gab es, bevor die Buchmesse durch den Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, wie seit 1825 üblich, mit dem Hammer eröffnet wurde, eine Reihe von Reden. (mehr …)

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