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Posts Tagged ‘Demokratie’

Am Donnerstag und Freitag wurde auf der Tagung „Zugang gestalten“ im Jüdischen Museum Berlin über Verantwortung für den und Probleme mit dem Zugang zum kulturellen Erbe im digitalen Zeitalter diskutiert.

Pastoral ging es los und mensch fragte sich, ob das kulturelle Erbe so viele rhetorische Kunstpausen braucht, wie Dr. Klimpel sie einstreute. Hängt das damit zusammen, dass ihm als Junge in der Stadtbücherei niemand Gratismentalität vorgeworfen hat? Mit dem gesponsorten Mate-Drink und den Twitterkommentaren vor sich, sah mensch dem Tag aber trotzdem gespannt entgegen …

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Der Philosophiehistoriker Stefan Heßbrüggen hat in einem Beitrag auf carta.info versucht, die neue „Ergänzung der Empfehlung der Deutschen Forschungsgemeinschaft DFG zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis“ (PDF) so zu verstehen, „dass ich die Tragweite und den Anwendungsbereich dieser Norm verstehe. Um es vorwegzunehmen: dieser Versuch wird scheitern.“

Die bereits kontrovers diskutierte „Empfehlung 17“ richtet sich auf den Umgang mit Hinweisen auf wissenschaftliches Fehlverhalten durch akademische Whistleblower, die sich nun unter Umständen selbst des wissenschaftlichen Fehlverhaltens strafbar machen können. Heßbrüggen zeigt die weitreichenden Komplikationen und Probleme auf, die diese Regelung mit sich bringt und kommt zu dem Schluss:

Die DFG hat […] eine in ihrem Geltungsbereich unklare, in ihren Zielen widersprüchliche und in ihren Folgen schädliche Empfehlung verabschiedet, die nicht nur das Verhältnis von Wissenschaft und Öffentlichkeit, sondern auch die Öffentlichkeit der Wissenschaft selbst schwer beschädigt.

In einem Beitrag auf seinem Blog differentia bemerkt Klaus Kusanowsky im Hinblick auf die umstrittene Empfehlung:

dass eigentlich die Bürokratie als staatlich legitimiertes Verfahren der Exklusion von Personen das Problem ist und nicht die Relevanz des Wissens. […] War ehedem die Gewinnung sicheren Wissens die Aufgabe wissenschaftlicher Methoden, so scheitert die Wissenschaft heute daran, dass sie für die Verteidung von Reputationssicherheit keine geeigneten Methoden hat.

Der Ausweg könnte sein, eine Wissenschaft ohne Bürokratie zu finden.

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11:00 Halle 3 West

Ein Häuflein Journalist_innen wartet geduldig 20 Minuten vor dem Raum „Apropos“, in dem eine Pressekonferenz zu „Urhebervertragsrecht in der Diskussion“ angekündigt war, bis sie zu dem Schluss kommt, dass diese wohl auch nicht c.t. anfängt, sondern ausfällt. Die verbleibende Zeit kann also mit Schlendern verbracht werden, denn langweilig wird es auf der Buchmesse nie. In Halle 5.1 kann man beispielsweise die Auswirkungen der Wirtschaftskrise in Italien sehen, nehmen doch die Stände der italienischen Verlage deutlich weniger Raum ein als die letzten Jahre. Nur der sizilianische Verleger von Andrea Camilleri hat seine Standgröße verdreifacht. Auf dem blauen Sofa vor Halle 5.1 sitzt die Buchpreisträgerin Ursula Krechel. Gefragt, was sie mit ihrem nun international wahrgenommenen Buch Landgericht für ein Bild vom heutigen Deutschland vermittele, antwortet sie: „Ich baue das Fundament ein bisschen um. Und durch den literarischen Blick auf einen Remigranten schärfe ich hoffentlich auch den Blick auf heutige Migranten.“ Auch die haben eigene Anliegen und Traumata, für die man sich interessieren sollte, statt immer nur Integration zu fordern. Integration in was für eine Gesellschaft eigentlich? Entsprechend dieser engagierten Worte schreibt Krechel auch als Lyrikerin „keine Gedichte über schönes Wetter“, wie sie selbst betont.

12:00 Halle 5.0 Weltempfang (mehr …)

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Zu den überdrehten Debatten darüber, ob Judith Butler den Adorno-Preis erhalten sollte, habe ich nichts beizutragen, zu Diskussionen über ‚jüdischen Selbsthass‘ sowieso nicht. Als ich jedoch gerade aus ganz anderem Anlass noch einmal ihr 2009 erschienenes Frames of War durchblätterte, kamen mir einige Gedanken über den Zusammenhang zwischen Butlers theoretischen Schriften, welche ihr den Preis einbrachten, und ihren politischen (Fehl-)Einschätzungen, welche die Proteste gegen die Preisverleihung verursachten.

Dass Butlers Haltung zu internationaler Politik insgesamt und zum Nahostkonflikt im Besonderen von himmelschreienden Doppelstandards geprägt ist, ist offenkundig. Ihre Kritik richtet sich beinahe exklusiv gegen Israel und die USA; andere Akteure, deren Ziele, Strategien und Taktiken der Emanzipation des Menschen weitaus ferner stehen, werden kaum je negativ erwähnt. Diese Einseitigkeit, die ja ein unter linken Intellektuellen sehr weit verbreitetes Phänomen ist, lässt sich nicht ohne weiteres als marginale Schrulle einer großen Philosophin abtun, wie Micha Brumlik es vor einiger Zeit tat. Vielmehr stehen sie in einem direkten Zusammenhang zu zwei zentralen Elementen des Politikverständnisses in ihren jüngeren Schriften. (mehr …)

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„Es gibt auch Menschenrechte

selbst für Bundespräsidenten.“

(Christian Wulff)

Wenn Thomas Hobbes in De Cive (1642) in seiner berühmt gewordenen Sentenz erklärt: „der Mensch ist des Menschen Wolf“ (homo homini lupus), um damit die Notwendigkeit eines Souveräns zu begründen, der die Menschenwölfe davon abhält, sich wie solche zu verhalten, so legt ein neuerlich in der Hauptstadt aufkommender Sprachgebrauch die Abwandlung des metaphorischen Polyptotons nahe, nämlich dass der Souverän auch nur ein Mensch und der Menschen Wulff ist.

Wie mir kürzlich zu Ohren kam, hat sich für das damit verbundene Menschenrecht bereits ein eigenes Verb gefunden, das noch einer genaueren lexikalischen Rubrizierung bedarf, seine grundsätzliche Semantik aber bereits erkennen lässt:

wulf|fen <sw. V.; 1. in Bezug auf Personen: bewusst oder unbewusst einen unentgeltlichen Nießbrauch zulassen, sich etw. wulffen, etw. gewulfft bekommen, jmd. etw. zuwulffen. 2. in Bezug auf Dinge oder Dienstleistungen: unbemerkt oder ungewollt den Nutznießer wechseln, verwulfft werden, jmdn. umwulffen.

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In den toskanischen Hügeln hoch über Florenz liegt das European University Institute, das EUI. Hier in alten Villen zwischen Olivenhainen und Orangenbäumen, zwischen 3-Gänge Mensa-Menü und abendlichem Cocktail-Empfang scheint das marode Europa noch in Ordnung. „The bubble“ oder auch „Zauberberg“ nennen es die Doktoranden aus allen Herren Länder, die sich glücklich schätzen können, an einem solch paradiesischen Ort zu promovieren.

11.11.2011: Anstatt des Karnevals wird am EUI heute mit einer feierlichen Zeremonie nach dem Vorbild angelsächsicher Traditionsuniversitäten das akademische Jahr 2011-2012 eingeleitet. Special Guest ist Herman Van Rompuy, Präsident des Rates der EU, der heute zu der versammelten europäischen Doktorandenschaft sprechen soll. Als (weniger special) „Guest“ am EUI lasse ich mir eine solche Gelegenheit nicht entgehen. Gespannt betrete ich die alte Kirche der Badia Fiosolana – dem Hauptgebäude des EUI – und bahne mir den Weg durch Sicherheitsleute, Carabinieri, Pressevertreter und schwatzende Doktoranden.

Die Veranstaltung beginnt mit dem Einzug der Professoren zu feierlicher Musik. Sie tragen schlecht sitzende Talare und wirken etwas beschämt. Die Ausnahme bildet Professor HGH, ein bekannter deutscher Sozialhistoriker, der mit einem grauen Jackett bekleidet ist. Wer er es vielleicht, der Anno 1968 das berühmte Plakat „Unter den Talaren – der Muff von 1000 Jahren“ gemalt hatte?

„So, where’s Dumbledore?“ raunt ein Doktorand hinter mir angesichts der phantasievollen Zauberumhänge. Statt des Direktors von Hogwards betritt aber nun der Präsident des EUIs, ein katalanischer Berufseuropäer, das Rednerpult, der –anscheinend in Anlehnung an historische Dekanskleidung- eine Art knallorangenes Lätzchen aus feinstem Polyester trägt. „Pumkin“, spottet der Doktorand hinter mir. „A pumkin with a tail“ bemerkt sein Nachbar und deutet auf die lange Kapuze, die von der Rückseite des Umhangs baumelt. Die dazugehörige orangefarbene Kappe, die mit einer enormen Bommel besetzt ist, hat der Präsident glücklicherweise auf dem Tisch liegengelassen.

Es folgt ein Loblied auf das Institut mit Schlagworten wie „Exzellenz“, „Interdisziplinarität“, „Transnationalität“ etc., das durchaus auch in G. gehalten hätte werden können. Das EUI, so der Präsident, sei ein Think Tank, wo Europa weitergedacht werde. Seine Absolventen, die europäische Elite von morgen, eigne sich hier die Kompetenzen an, Europa zu gestalten.

„Das also ist Europa?“ frage ich mich, während ein Orchester Beethovens 9. Symphonie vorträgt und Herman Van Rompuy ans Pult tritt.

Und dann passiert Europa. (mehr …)

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Gestern hat das Oberlandesgericht Frankfurt ein abschließendes Urteil in einem schon seit fünf Jahren andauernden Rechtsstreit zwischen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und der Sueddeutschen Zeitung, und dem Perlentaucher gefällt. Die beiden Zeitungen hatten das Internetmagazin verklagt, weil sie sich in ihren Urheberrechten verletzt sahen. Ihre Klage wurde nun weitgehend zurückgewiesen, doch verbinden sich mit dem Urteil neue Unklarheiten und Probleme in Bezug die zukünftige Praxis des Zitierens.

Streitpunkt ist dabei die Bücherschau des Perlentauchers, in der eine tägliche Übersicht zu den Rezensionen in den Feuilletons der großen Tages- und Wochenzeitungen erscheint. Dabei geben die Autor_innen kurze Zusammenfassungen zu den Buchbesprechungen und zitieren aussagekräftige Formulierungen der Rezensent_innen. In der Zitationspraxis haben die Kläger nun eine Urheberrechtsverletzung gesehen. Denn weil der Perlentaucher seine Rezensionsnotizen an den Buchhändler buecher.de verkauft, der diese als Produktinformationen seinen Kunden zur Verfügung stellt, sehen die Zeitungen darin eine unrechtmäßige Bereicherung Dritter auf ihre Kosten.

Während das Gericht nun die Rechtmäßigkeit des Geschäftsmodells des Perlentauchers grundsätzlich bestätigt hat, wurde den Zeitungen in einigen Punkten dennoch Recht auf Schadenersatz gewährt. Denn mit der Zitation bestimmter Wendungen, die als besonders „originell“, „einprägsam“ oder „künstlerisch“ anzusehen sind, käme die Rezensionsnotiz dem Original zu nahe und stelle daher eine Urheberrechtsverletzung, mit anderen Worten eine Raubkopie dar.

In eigener Sache berichtet der Perlentaucher:

Aus dem Urteil folgt, dass Formulierungen wie „weltanschauliches Anliegen“ oder „langatmige Ausbreitung von Altbekanntem“ künftig nur noch mit Vorsicht zitiert werden dürfen. Solche Formulierungen von Buchrezensenten waren von der FAZ und SZ im Verfahren gegen den Perlentaucher nun also mit gewissem Erfolg als besonders „originell“, „einprägsam“ oder „künstlerisch“ dargestellt worden. Was genau man zitieren darf und was nicht und in welchem Umfang, wird sich erst aus der ausführlichen Urteilsbegründung ersehen lassen. (Meine Herv.)

Auf die Begründung darf man nun also tatsächlich sehr gespannt sein. Denn eine solche Regelung würde ja nicht nur bedeuten, dass ein Urheberrecht auf Sprachmaterial unterhalb der Werk-, ja sogar Satzebene durchgesetzt wird, wie man es etwa schon von markenrechtlichen Ansprüchen etwa auf Firmennamen oder Slogans kennt. Wenn man also eine „originelle“, „einprägsame“ oder „künstlerische“ Formulierung zitiert, könnte man in Zukunft schnell als Raubkopierer gelten: und folglich jeder Satz, in dem die Wortgruppe „weltanschauliches Anliegen“ ohne die entsprechenden Anführungszeichen vorkommt, als Plagiat.

Da ist in der Tat „Vorsicht“ geboten. Aber wie soll man „mit Vorsicht zitieren“ in dem Zusammenhang verstehen? Florisdumal hätte da einen Vorschlag: „Vielleicht reicht es ja, wenn die Perlentaucher-Autor_innen die Tasten nur ganz sachte drücken.“

Ja, ganz sachte und behutsam drücke ich nun also auch auf den Publizieren-Button, in der Hoffnung durch die Zitation der inkriminierten Zitate mich nun keines zukünftiges Urheberrechtsverstoßes schuldig gemacht zu haben.

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