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Posts Tagged ‘Diskussion’

2016-03-18 14.13.49

Bleich-bunt fröstelnde Manga-Mädchen

10:37 Bahnhof Leipzig-Messe: Man steigt aus dem Zug aus und trifft sofort auf die ersten Horden Verkleideter, die zielgerichtet Halle 1 zuströmen. Man selbst hat vorerst noch gar kein genaues Ziel, schlägt aber vorsichtshalber die Gegenrichtung ein und landet in Halle 2. Dort merkt man, dass man ja mal einen Tag ohne Kinderbücher verbringen wollte, und schlendert weiter in Halle 4. Trotzdem sorgt es für gute Stimmung, dass hier im Vergleich zur Frankfurter Messe so viele vor dem Bauch getragene oder selbst durch die Gänge stolpernde Kleinkinder zu sehen sind.

Aufruf zur Individualität

11:20 Halle 4: Beim Picus-Verlag schnappt man eine Ansprache in angenehm österreichischer Diktion an angehende Buchhändler*innen auf: „Der Sinn, dass Sie diese Ausbildung machen, liegt nicht darin, dass Sie hinterher Regalbetreuer sind. Sie müssen einen Unterschied machen, für die Kunden muss es einen Unterschied machen, ob Sie da sind oder am nächsten Tag Ihr Kollege.“

Wer den Preis für Mutterschaft bezahlt

11:25 Der Israel-Stand ist von einer Menschentraube umringt. Orna Donath gibt Auskunft über ihre Studie #regretting motherhood – Wenn Mütter bereuen. (mehr …)

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Der Philosophiehistoriker Stefan Heßbrüggen hat in einem Beitrag auf carta.info versucht, die neue „Ergänzung der Empfehlung der Deutschen Forschungsgemeinschaft DFG zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis“ (PDF) so zu verstehen, „dass ich die Tragweite und den Anwendungsbereich dieser Norm verstehe. Um es vorwegzunehmen: dieser Versuch wird scheitern.“

Die bereits kontrovers diskutierte „Empfehlung 17“ richtet sich auf den Umgang mit Hinweisen auf wissenschaftliches Fehlverhalten durch akademische Whistleblower, die sich nun unter Umständen selbst des wissenschaftlichen Fehlverhaltens strafbar machen können. Heßbrüggen zeigt die weitreichenden Komplikationen und Probleme auf, die diese Regelung mit sich bringt und kommt zu dem Schluss:

Die DFG hat […] eine in ihrem Geltungsbereich unklare, in ihren Zielen widersprüchliche und in ihren Folgen schädliche Empfehlung verabschiedet, die nicht nur das Verhältnis von Wissenschaft und Öffentlichkeit, sondern auch die Öffentlichkeit der Wissenschaft selbst schwer beschädigt.

In einem Beitrag auf seinem Blog differentia bemerkt Klaus Kusanowsky im Hinblick auf die umstrittene Empfehlung:

dass eigentlich die Bürokratie als staatlich legitimiertes Verfahren der Exklusion von Personen das Problem ist und nicht die Relevanz des Wissens. […] War ehedem die Gewinnung sicheren Wissens die Aufgabe wissenschaftlicher Methoden, so scheitert die Wissenschaft heute daran, dass sie für die Verteidung von Reputationssicherheit keine geeigneten Methoden hat.

Der Ausweg könnte sein, eine Wissenschaft ohne Bürokratie zu finden.

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In den toskanischen Hügeln hoch über Florenz liegt das European University Institute, das EUI. Hier in alten Villen zwischen Olivenhainen und Orangenbäumen, zwischen 3-Gänge Mensa-Menü und abendlichem Cocktail-Empfang scheint das marode Europa noch in Ordnung. „The bubble“ oder auch „Zauberberg“ nennen es die Doktoranden aus allen Herren Länder, die sich glücklich schätzen können, an einem solch paradiesischen Ort zu promovieren.

11.11.2011: Anstatt des Karnevals wird am EUI heute mit einer feierlichen Zeremonie nach dem Vorbild angelsächsicher Traditionsuniversitäten das akademische Jahr 2011-2012 eingeleitet. Special Guest ist Herman Van Rompuy, Präsident des Rates der EU, der heute zu der versammelten europäischen Doktorandenschaft sprechen soll. Als (weniger special) „Guest“ am EUI lasse ich mir eine solche Gelegenheit nicht entgehen. Gespannt betrete ich die alte Kirche der Badia Fiosolana – dem Hauptgebäude des EUI – und bahne mir den Weg durch Sicherheitsleute, Carabinieri, Pressevertreter und schwatzende Doktoranden.

Die Veranstaltung beginnt mit dem Einzug der Professoren zu feierlicher Musik. Sie tragen schlecht sitzende Talare und wirken etwas beschämt. Die Ausnahme bildet Professor HGH, ein bekannter deutscher Sozialhistoriker, der mit einem grauen Jackett bekleidet ist. Wer er es vielleicht, der Anno 1968 das berühmte Plakat „Unter den Talaren – der Muff von 1000 Jahren“ gemalt hatte?

„So, where’s Dumbledore?“ raunt ein Doktorand hinter mir angesichts der phantasievollen Zauberumhänge. Statt des Direktors von Hogwards betritt aber nun der Präsident des EUIs, ein katalanischer Berufseuropäer, das Rednerpult, der –anscheinend in Anlehnung an historische Dekanskleidung- eine Art knallorangenes Lätzchen aus feinstem Polyester trägt. „Pumkin“, spottet der Doktorand hinter mir. „A pumkin with a tail“ bemerkt sein Nachbar und deutet auf die lange Kapuze, die von der Rückseite des Umhangs baumelt. Die dazugehörige orangefarbene Kappe, die mit einer enormen Bommel besetzt ist, hat der Präsident glücklicherweise auf dem Tisch liegengelassen.

Es folgt ein Loblied auf das Institut mit Schlagworten wie „Exzellenz“, „Interdisziplinarität“, „Transnationalität“ etc., das durchaus auch in G. gehalten hätte werden können. Das EUI, so der Präsident, sei ein Think Tank, wo Europa weitergedacht werde. Seine Absolventen, die europäische Elite von morgen, eigne sich hier die Kompetenzen an, Europa zu gestalten.

„Das also ist Europa?“ frage ich mich, während ein Orchester Beethovens 9. Symphonie vorträgt und Herman Van Rompuy ans Pult tritt.

Und dann passiert Europa. (mehr …)

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Seit einigen Jahren kann man im Bereich  „Kultur oder Wissenschaft“ ein neuartiges Phänomen beobachten, das sich einem veränderten medialen Verhältnis von Wissenschaft und Esoterik verdankt. Mir scheint es jedenfalls neu zu sein: der Übergang der Konkurrenz zweier Weltanschauungen in einen offenen Glaubenskrieg.

Weltanschaulicher Separatismus

Wenn die Esoterik – oder das, was skeptische Menschen schnell „esoterisch“ nennen – innerhalb der letzten Jahrzehnte ein verbreiteter Teil kollektiver oder privater Denk- und Lebensstile geworden ist, so hat sich diese Entwicklung weitgehend unbeschadet oder einfach parallel zu den wissenschaftlichen Diskursen vollziehen können. Beide Diskurs-Sphären entsprachen separierten Öffentlichkeiten. Was die „Esos“ sagten, konnte von Wissenschaftlern ignoriert, belächelt, verachtet oder auch mit heimlicher Sympathie aufgenommen werden, und was die Wissenschaftler sagten, konnten die Esos entweder in ihrem Sinne (um)interpretieren oder eben als die beschränkte Form von Rationalität betrachten, die man ja gerade zu überwinden versucht.

Für beide Seiten – die Anhänger wissenschaftlicher und spiritueller Weltanschauungen – gab es für eine ganze Weile eher selten Veranlassung, öffentlich miteinander in Kontakt zu treten. Man wusste voneinander, war aber in der Regel voneinander abgestoßen. Positionen, die zwischen beiden zu vermitteln versuchten, waren eher die Ausnahme und hatten es schwer, zumindest von den Wissenschaftlern ernst genommen zu werden. Die verhinderte Kommunikation war auch medientechnisch sanktioniert, insofern die Diskurse vor allem auf dem Papier unterschiedlicher Verlage und in separierten sozialen Kreisen stattfanden. Das hat sich nun geändert. Schuld daran ist das Internet. Es hat die Kontaktsperre aufgehoben – und die Meuten aufeinander losgelassen. (mehr …)

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Gestern hat das Oberlandesgericht Frankfurt ein abschließendes Urteil in einem schon seit fünf Jahren andauernden Rechtsstreit zwischen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und der Sueddeutschen Zeitung, und dem Perlentaucher gefällt. Die beiden Zeitungen hatten das Internetmagazin verklagt, weil sie sich in ihren Urheberrechten verletzt sahen. Ihre Klage wurde nun weitgehend zurückgewiesen, doch verbinden sich mit dem Urteil neue Unklarheiten und Probleme in Bezug die zukünftige Praxis des Zitierens.

Streitpunkt ist dabei die Bücherschau des Perlentauchers, in der eine tägliche Übersicht zu den Rezensionen in den Feuilletons der großen Tages- und Wochenzeitungen erscheint. Dabei geben die Autor_innen kurze Zusammenfassungen zu den Buchbesprechungen und zitieren aussagekräftige Formulierungen der Rezensent_innen. In der Zitationspraxis haben die Kläger nun eine Urheberrechtsverletzung gesehen. Denn weil der Perlentaucher seine Rezensionsnotizen an den Buchhändler buecher.de verkauft, der diese als Produktinformationen seinen Kunden zur Verfügung stellt, sehen die Zeitungen darin eine unrechtmäßige Bereicherung Dritter auf ihre Kosten.

Während das Gericht nun die Rechtmäßigkeit des Geschäftsmodells des Perlentauchers grundsätzlich bestätigt hat, wurde den Zeitungen in einigen Punkten dennoch Recht auf Schadenersatz gewährt. Denn mit der Zitation bestimmter Wendungen, die als besonders „originell“, „einprägsam“ oder „künstlerisch“ anzusehen sind, käme die Rezensionsnotiz dem Original zu nahe und stelle daher eine Urheberrechtsverletzung, mit anderen Worten eine Raubkopie dar.

In eigener Sache berichtet der Perlentaucher:

Aus dem Urteil folgt, dass Formulierungen wie „weltanschauliches Anliegen“ oder „langatmige Ausbreitung von Altbekanntem“ künftig nur noch mit Vorsicht zitiert werden dürfen. Solche Formulierungen von Buchrezensenten waren von der FAZ und SZ im Verfahren gegen den Perlentaucher nun also mit gewissem Erfolg als besonders „originell“, „einprägsam“ oder „künstlerisch“ dargestellt worden. Was genau man zitieren darf und was nicht und in welchem Umfang, wird sich erst aus der ausführlichen Urteilsbegründung ersehen lassen. (Meine Herv.)

Auf die Begründung darf man nun also tatsächlich sehr gespannt sein. Denn eine solche Regelung würde ja nicht nur bedeuten, dass ein Urheberrecht auf Sprachmaterial unterhalb der Werk-, ja sogar Satzebene durchgesetzt wird, wie man es etwa schon von markenrechtlichen Ansprüchen etwa auf Firmennamen oder Slogans kennt. Wenn man also eine „originelle“, „einprägsame“ oder „künstlerische“ Formulierung zitiert, könnte man in Zukunft schnell als Raubkopierer gelten: und folglich jeder Satz, in dem die Wortgruppe „weltanschauliches Anliegen“ ohne die entsprechenden Anführungszeichen vorkommt, als Plagiat.

Da ist in der Tat „Vorsicht“ geboten. Aber wie soll man „mit Vorsicht zitieren“ in dem Zusammenhang verstehen? Florisdumal hätte da einen Vorschlag: „Vielleicht reicht es ja, wenn die Perlentaucher-Autor_innen die Tasten nur ganz sachte drücken.“

Ja, ganz sachte und behutsam drücke ich nun also auch auf den Publizieren-Button, in der Hoffnung durch die Zitation der inkriminierten Zitate mich nun keines zukünftiges Urheberrechtsverstoßes schuldig gemacht zu haben.

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(Gespräche verstummen. Referent wird begrüßt.)

Moderator: „Vielen Dank dafür, dass Sie sich die Zeit genommen haben, heute zu uns zu kommen. Wir freuen uns nun auf Ihren sicherlich sehr spannenden Vortrag.“

Referent: „Vielen Dank für die freundliche Einladung. Worüber ich heute sprechen möchte, sind die ideologischen Implikationen der Höflichkeit in stark formalisierten Kommunikationszusammenhängen. Worum es mir dabei vor allem geht ist ein… (spannender Vortrag) …. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!“

(Applaus)

Moderator: „Vielen Dank für den spannenden Vortrag. Weil wir nun leider etwas in Zeitverzug gekommen sind, würde ich die Diskussion gleich eröffnen. Sicherlich gibt es bereits einige Fragen. Da sehe ich schon einige Wortmeldungen.“

Tagungsteilnehmerin: „Ja, zunächst einmal vielen Dank für Ihren spannenden Vortrag. Ihre Thesen bieten ja viele Anknüpfungspunkte, um das Thema weiter zu vertiefen. Mich würde vor allem das Verhältnis von Ideologie und Konformismus in diesem Zusammenhang interessieren. Welche Konsequenzen sehen Sie hier für die Diskursethik der Wissenschaft?“

Referent: „Vielen Dank für die interessante Frage und die Gelegenheit, einen sehr wichtigen Punkt ausführen zu können. Dafür muss ich etwas weiter ausholen. Aber da wir ja bereits im Verzug sind, würde ich mich vorerst mit einer ironischen Pointe begnügen.“

Moderator: „Sehr schön. Vielen Dank für die prägnante Antwort. Wie ich sehe, gibt es noch eine weitere Frage.“

Tagungsteilnehmer: „Ja, vielen Dank nochmals für den interessanten Vortrag. Ich würde auch gern noch einmal an die Bemerkung meiner Vorrednerin anknüpfen. Doch meine Frage bezieht sich eigentlich auf die ideologischen Implikationen Ihrer eignen Methode. Sind Sie in Ihrer Arbeit nicht auch von gewissen Denk- und Sprechmustern befangen?“

Referent: „Ja, vielen Dank für die interessante Frage. Die methodischen Voraussetzungen meiner Untersuchung sind auf jeden Fall solide, innovativ und un-ideologisch.“

Moderator: „Vielen Dank für die klare Antwort. Nun sind wir, wie schon gesagt, etwas in Verzug. Daher würde ich die Rednerliste langsam schließen. Eine letzte Frage noch.“

Tagungsteilnehmerin: „Also mich würde interessieren, warum wir uns hier immer alle ständig bedanken, aber nie jemand um etwas bittet.“

Moderator: „Bitte?“

Tagungsteilnehmerin: „Nun, ich habe den Eindruck, dass die ganze Veranstaltung hier nach dem Muster einer Kaffeetischkonversation abläuft: ‚Kannst Du mir mal den Zucker geben? Bitte. Danke.‘ Nur eben ohne Bitte. Steckt darin nicht ein verborgener Reflex bürgerlicher Ideologie?“

Zwischenrufer: „Sehr richtig! Ein Sprechen mit Kuchengabel und Zuckerzange…“

(Gemurmel. Kopfschütteln und -nicken)

Moderator: „Ich bitte Sie! Das ist einfach eine Frage der Höflichkeit. Statt hier die ganze Gesprächsdisziplin zu torpedieren, sollten Sie vielleicht einmal Ihre eignen diskursethischen Prinzipien reflektieren.“

Eine Teilnehmerin: „Na, schönen Dank auch!“

Moderator: „Ich bitte um Entschuldigung, liebe Anwesende, aber die Zeit ist nun leider um. Ich danke dem Referenten für den spannenden Vortrag und dem Auditorium für die interessante Diskussion. Wir können diese ja draußen gern bei Kaffee und Kuchen weiter fortsetzen…“

(Applaus. Gemurmel. Teilnehmer ab.)

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Es ist nun schon fast eine Woche her, aber noch immer kommt das Gespräch darauf, trifft mensch auf Leute, die demselben Event beiwohnten. Und immer wieder die Frage: War das inszenierte Selbstdemontage, die letztlich in der Logik der theoretischen Aussage lag, oder war es dann doch beginnende Alterssenilität? Die Rede ist von Gayatri Chakravorty Spivak, einer der Berühmtheiten im Bereich der Postcolonial Studies, und ihrem Vortrag am 21. März an der Universität Frankfurt, zusammen mit Judith Butler – einer der Berühmtheiten der Gender Studies.

An diesem Abend ging es nicht speziell um Subalternität in post-, neo- oder sonstig kolonialen Kontexten und auch nicht um sex, gender, sexuality, desire und die heteronormative Matrix, sondern ganz grundsätzlich um die Frage „What is critique?„.

Trotz Parforceritt durch die Geschichte des Kritikbegriffs in der Philosophie, kam schon in den einleitenden Kurzvorträgen von Nikita Dhawan und María do Mar Castro Varela das Unterhaltungsmoment, das den gesamten Abend auszeichnete, nicht zu kurz. (mehr …)

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