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Posts Tagged ‘Elfenbeinturm’

Neudings erscheinen auch auf VICE Artikel über die Zustände in den Universitäten. Der Literaturwissenschaftler Ole Petras hat heute einen lesenswerten Text darüber geschrieben, dass die Studierenden seines Fachs, in dem es ja vor allem um das Lesen  von Büchern geht, keine Bücher mehr lesen, die nicht beim Prüfungsamt abgerechnet werden können, weil sie das sonst von der planmäßigen Erfüllung ihres workloads abhält.

Die Katze beißt sich hier übrigens in den Schwanz: Wenn die Möglichkeiten einer eingehenden Beschäftigung sinken, sinkt notwenig auch das Komplexitätsniveau und mit ihm die Relevanz des Faches. Ist dieser Status erstmal erreicht, kürzt die Politik ihre exzellenzbasierten Zuwendungen, wodurch sich die geschilderte Situation verschärft. Ich dramatisiere ein bisschen, aber es geht ja um Strukturen, nicht um Sonderfälle. Niemand möchte die alte Ordinarien-Universität zurückhaben, in der die Professoren nach Willkür und Gewissen schalteten. Aber die Eventualität von der Autorität einer verdienten Forscherin oder eines Forschers, in die Geheimnisse des Faches eingeführt zu werden, setzt eine andere Grundhaltung voraus als Angst. Die Durchdringung eines Faches braucht Zeit, Muße, Ruhe und lässt sich nur sehr bedingt komprimieren.

Ich schließe mit einem eigentlich überflüssigen Plädoyer für die offene Universität und ein entkrampftes Curriculum. Ferner schweige ich von der Situation der Heerscharen befristet angestellter Lehrkräfte. Es bleibt zur Zeit nichts als der Versuch, sich die eigene Begeisterung für den Gegenstand zu bewahren und in allen Fällen bürokratischen Irrsinns eine gesunde Resilienz an den Tag zu legen. Man kann nicht alles wegoptimieren. Und wenn es einen Bereich geben sollte, der von der (auch gesellschaftlich ja nicht sooo super laufenden) Ökonomisierung aller Lebensbereiche ausgenommen ist, dann die Universität. Der Elfenbeinturm, in dem wir einem beliebten Vorurteil zufolge noch immer sitzen, ist schon seit langer Zeit aus Plastik. Und wird einer Gummizelle immer ähnlicher. Was wir brauchen, ist ein Baumhaus. Und eine Neuordnung des Rabattsystems.

In unserer Studie Library Life gibt es übrigens auch ein Kapitel, das sich mit dem Verhältnis von Muße und Nutzen (in) der Wissenschaft als eine Frage beschäftigt, die schon in der Antike dahingehend diskutiert worden ist, ob Wissenschaft bzw. Gelehrsamkeit von otium (Muße) oder negotium (Geschäft) bestimmt sein sollte. Seneca hatte klar für das otium optiert. Wenn Schiller später die erbärmliche Gestalt des im 18. Jahrhunderts überall anzutreffenden „Brotgelehrten“ verächtlich machte, um den philosophischen Kopf zu adeln, der den Lohn für seine Mühe nicht (wie eben der Brotgelehrte) in Geld und Anerkennung, sondern allein in der Versenkung in seinen Gegenstand suche, so würden heute wohl die Meisten aus den „Heerscharen befristet angestellter Lehrkräfte“ auf ihr Brotgelehrtendasein liebend gern verzichten, um sich mußevoll dem hingeben zu können, was sie sich vom Studium ihres Fachs vielleicht einmal versprochen hatten. Macht sich dieses Versprechen heute schon vom Studium an verdächtig? Müßig jedenfalls wird der Rat zur Muße, wenn der Lohn, den sie verspricht, in keinem Arbeitsplan und Rabattsystem mehr abgerechnet werden kann.

Wie auch immer die Diskussion über die Reform der Universitäten ausgehen wird – man sollte Baumhäuser irgendwo im Curriculum mit unterbringen.

Mehr über Library Life gibt es hier.

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