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Posts Tagged ‘Erfahrung’

Neulich auf der Durchreise, in irgendeinem Café einer deutschen Provinzstadt, wurde ich Zeuge eines Gesprächs zwischen drei Frauen, Ende 50, Anfang 60 am Nebentisch.

Frau 1:   Der Mensch muss wieder dahin kommen, dass jeder machen kann, was er will.
Kurze Pause
Es geht um was anderes im Leben.

Frau 2:  Isch kenn mi net aus.

Frau 3:  Müssen wir noch was essen, wenn wir noch einen Jägermeister nehmen?

Frau 1:  Es hat alles Ursache und Wirkung. Das gilt auch fürs Geistige. Wenn du sagst, du bist blöd, dann wirst du`s auch.

Frau 3:  Von irgendwas kann die Menschheit immer untergehen.

schaukelbabuschka

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Ich lebte einmal in einem Haus, in dessen Erdgeschoss ein Ehepaar wohnte, das sich in ein mythisches Schwellenphänomen verwandelt hat. Es war der fleischgewordene Blick des Hauses. Alle Tage saß es am Fenster und verfolgte den Lauf der Dinge, musterte gelegentlich auftretende Ungewöhnlichkeiten mit demselben Gleichmut wie das alltägliche Treiben auf der Strasse. Regungsloser noch als seine Frau war der Alte. Immerzu rauchend starrte er unverwandt alles und jeden an, der vorüberging.

"Der Alte Mann und die Zigarette" (c) Dieter Bahr

Bemerkenswert an diesen Schwellengeistern war vor allem die Immunität ihres Blicks. Ich selbst habe ihn einmal in einem verwegenen Moment auf die Probe gestellt, den Indianerblick, um zu prüfen, wer von uns zuerst wegschaute. Da ich aber nicht stehen bleiben wollte, um die Prüfung in eine Demonstration zu verwandeln – ich befand mich gerade auf dem Heimweg – war ich es, der im Kräftemesse der Blicke unterlag, denn irgendwann hatte ich ja die Haustür erreicht und musste eintreten. Bis zu diesem Moment aber lagen die vier Augen auf mich geheftet, so wie sie es immer taten, wenn ich – oder auch jemand anderes kam – nur diesmal mit dem Unterschied, dass ich die Blicke bis zur letzten Sekunde erwiderte. (mehr …)

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"Zugabteile II", Foto: (c) KlauzZzZwischen Kassel-Willhelmshöhe und Berlin, 23. Februar 2012

Als ich in den Zug umstieg, der mich in die Hauptstadt zu einer interdisziplinären Konferenz über „Materialität, Ästhetik und Inszenierung von Rechtskörpern“ bringen sollte, kramte ich nach meinen Reisedokumenten. Ich hatte mir einen Fensterplatz reservieren lassen, da ich nicht riskieren wollte, für einen dreistelligen Betrag mehrere Stunden in einer aussichtslosen Lage verbringen zu müssen. Der Zug war ziemlich voll. Technisch gesprochen: optimales Fleischgewicht. Darauf war ich bereits von dem Bahnangestellten am Schalter vorbereitet worden. Seit ich das letzte Mal diesen Service in Anspruch genommen habe, ist der Preis für Reservierungen von 1 auf 4 Euro gestiegen. Die 300%ige Preissteigerung hatte ich allerdings gleichmütig hingenommen, da mir die Reisekosten ja ohnehin erstattet würden.

Als ich Platz 85 in Wagen 6 mit meinem dokumentierten Anspruch darauf erreichte, hatte sich der Zug bereits in Bewegung gesetzt. Ich stand vor einem 6er-Abteil, in dem sich eine Familie breit gemacht hatte. Zwei Mädchen saßen am Fenster, eins davon auf meinem Platz; die Mutter an der Tür mit ausgestreckten Beinen den Eintritt für jeden Neuankömmlich versperrend; der Vater gerade ein Picknick auf den übrigen noch unbesetzten Plätzen vorbereitend. Auf dem Boden lag allerlei Gepäck so verteilt, dass man nicht wusste, wie man ohne Umstände einen Fuß hätte in das Abteil setzen sollen.

„Hier ist alles schon voll“, erklärte die Mutter, nachdem ich es endlich gewagt hatte, die Tür aufzuziehen. „Es ist kein Platz mehr frei. Oder haben Sie…“

„…ich habe eigentlich eine Reservierung“, entgegnete ich in zurückhaltender Tonlage, während ich mit meinem Dokument nur andeutungsweise in die Richtung meines Platzes wies, weil ich mir noch nicht sicher war, wie ich im Weiteren vorgehen würde. Sollte ich meinen Anspruch durchsetzen? Das hätte bedeutet, die nötigen Selbstbehauptungsverfahren und Umräumvorgänge einzuleiten und vor allem, eines der beiden Mädchen vom Fenster zu vertreiben.

„Das geht nicht. Da sitzen schon die Kinder“, kürzte die Mutter meine Überlegungen ab. Der Vater pellte unverdrossen Frühstückseier. Ich blickte zu den beiden Mädchen. Da saßen sie und setzten mich mit ihrer Unschuld unter Druck. Die jüngere von beiden hätte meinen Forderungen weichen und auf einen langweiligeren Platz in der Mitte des Abteils wechseln müssen. Und dann? Vielleicht würde sie traurig oder sogar bockig und schließlich anfangen, herumzujammern. Oder es wäre ihr egal und sie würde bald vergnügt weiterspielen, jauchzen und eben so meine Ruhe stören. Eines war klar: Ich war ein unerwünschter Eindringling und meine Bedürfnisse nach einer entspannten Bahnfahrt waren mit den Ansprüchen der Familie in diesem Abteil nicht zu vereinbaren.

„Sie müssen sich woanders einen Platz suchen“, insistierte die Mutter, die mir indesssen noch zugestand, notfalls den Klappsitz, unter den sie nach wie vor ihre Beine streckte, freizugeben, so dass ich mich also auf den dürftigen Eckplatz im Eingangsbereich hätte quetschen können. Entweder ich machte jetzt also mit allem Nachdruck meinen Anspruch geltend, mit all den unvorhersehbaren Konsequenzen für den weiteren Fortgang der Reise, oder ich akzeptierte die ultima ratio in Gestalt zweier Gören. (mehr …)

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ApfelSchuld sein oder nicht schuld sein, das ist hier die Frage, der sich die folgenden Überlegungen widmen. Und zwar unter der vorläufigen These, dass sich die Schuldzuweisungen seit Adam und Eva verändert haben – aber nur ein bisschen. Wenn etwas schief ging, im Kleinen wie im Großen, wiesen lange Zeit als Männer erzogene Menschen die Schuld den Frauen oder einer konkreten Frau zu: Eva sollte schuld an der Vertreibung aus dem Paradies sein, weil sie Adam verführt habe; Helenas Schönheit schuld am Trojanischen Krieg und so weiter.

Diese Interpretationen wurden so erfolgreich tradiert, dass sie auch von den meisten als Frauen erzogenen Menschen als zutreffend akzeptiert wurden – und immer noch werden. Immer noch denken Frauen öfter als nötig, dass sie schuld an irgendetwas seien. Männer hingegen haben sich ein Stück weiterentwickelt. Sie sagen mittlerweile meist: „Der Apfel ist schuld.“ (Dass sie selbst eine gewisse Verantwortung tragen könnten, scheint immer noch vielen ein absurder Gedanke.)

Woher diese Behauptungen stammen? Nun, sie sind natürlich viel zu verallgemeinernd und in dieser Verabsolutierung nicht haltbar. Sie speisen sich aber aus vielen Beobachtungen im Kleinen (ohne dass ich das empirisch untersucht hätte, Widerspruch wird also gerne zur Korrektur der eigenen Weltsicht entgegen genommen). Hier drei Beispiele dieser Kleinstbeobachtungen: (mehr …)

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Wenn man dabei ist, ein jahrelanges Projekt fertigzustellen, gerät das Schreiben oft zu einer seltsamen Sache. Man wundert sich, wohin es einen gebracht hat und zweifelt gelegentlich ob das dort ist, wo man eigentlich hin sollte. Man merkt, dass man von der geplanten Reiseroute abgekommen ist und plötzlich geht es darum, wieder zum Ausgangspunkt zurückzukommen und durch den Akt der Rückkehr den sich dadurch schließenden Kreis als eine runde Sache auszuweisen, die so und nicht anders hatte verlaufen können. Das scheint ein allgemeines Gesetz zu sein. – Oder?

In der Deutschen Verlagsanstalt ist im letzten Jahr ein Buch über die Zehn Gebote des Schreibens erschienen, in dem erfolgreiche Autoren eben genau das tun: die zehn Gesetze aufstellen, die man beherzigen sollte, wenn man ein Buch schreibt. Dabei geht es natürlich vor allem um Romane. Aber warum sollte man auch als Wissenschaftler von den Kollegen aus der Literatur nichts darüber lernen können? – Das ist jetzt gar nicht mein Gedanke, sondern der meiner Freundin, die mir das Buch zu Weihnachten geschenkt hat. Diesem Gedanken will ich nun nachgehen und beschließe, mich unter die Fittiche eines Romanciers zu begeben (dabei fällt mir auf: gibt es gar keine weibliche Form von Romancier?).

Ich klappe das Buch auf und das Los fällt auf den italienischen Schriftsteller Alessandro Baricco, der den deutschen Lesern vor allem durch seinen – sogar verfilmten – Roman Seide (orig. Seta) bekannt geworden ist. Darüber hinaus schreibt Baricco auch Sachbücher u.a. über Musik und betreibt eine private Hochschule für Kreatives Schreiben. Er ist jetzt also mein Coach und dies sind seine Gebote: (mehr …)

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Als notorische Bahnreisende ist mir die Spezies der Autofahrer_innen eher fremd. Ich verstand also nur Bahnhof, als ich an einem ebensolchen, von mir häufig frequentierten Ort das folgende Schild las:

Was mensch als Autofahrer_in so alles erleben kann. Welche Welten mögen sich da wohl eröffnen, wenn man mit einem Auto einen Stellplatz ansteuert? Aber was vor allem hat es mit dem Zyklus des  Parkens auf sich?

Haben Autofahrer_innen so zwei Tage bevor sie parken wollen oder müssen grundlos schlechte Laune, sind schräg drauf und fangen wegen jedem Mist an zu heulen? Und schmerzt es dann erstmal einen Tag, wenn das Auto in den Stellplatz eingeparkt wurde, bis man entspannter loslassen kann und sich an die vorübergehend neue Weltsicht ohne Auto gewöhnt hat?

Wenn mich jemand aufklären könnte …

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Ich sitze im nachweihnachtlichen ICE, der mich in von meinem Kurzurlaub in Wien nach Frankfurt bringen soll. Wie meist in solchen Situationen verbringe ich meine Zeit damit, mich in ein gesellschaftstheoretisches Werk zu vertiefen und großzügig pink leuchtende Textmarkertinte darin zu verteilen. Schon in St. Pölten, 40 Minuten von Wien entfernt, setzt sich jemand auf den mir gegenüberliegenden Platz. Dieser jemand nimmt zunächst das Deutsche-Bahn-Gratismagazin „mobil“ in die Hand, blättert ein wenig darin herum und legt es nach 10 Minuten wieder auf den Tisch, um im Folgenden ausgiebig Löcher in die Luft zu starren. Kurz hinter Nürnberg – durch vier Stunden Starren dürfte die Luft schon löchriger sein als der sprichwörtliche schweizer Käse, durch vier Stunden Markieren ist dem ersten Stift bereits die pinke Farbe ausgegangen – treffen sich unsere Blicke und mein Gegenüber spricht mich an: „Sagen Sie, wird Ihnen das nicht irgendwann langweilig?“

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Seit einigen Jahren kann man im Bereich  „Kultur oder Wissenschaft“ ein neuartiges Phänomen beobachten, das sich einem veränderten medialen Verhältnis von Wissenschaft und Esoterik verdankt. Mir scheint es jedenfalls neu zu sein: der Übergang der Konkurrenz zweier Weltanschauungen in einen offenen Glaubenskrieg.

Weltanschaulicher Separatismus

Wenn die Esoterik – oder das, was skeptische Menschen schnell „esoterisch“ nennen – innerhalb der letzten Jahrzehnte ein verbreiteter Teil kollektiver oder privater Denk- und Lebensstile geworden ist, so hat sich diese Entwicklung weitgehend unbeschadet oder einfach parallel zu den wissenschaftlichen Diskursen vollziehen können. Beide Diskurs-Sphären entsprachen separierten Öffentlichkeiten. Was die „Esos“ sagten, konnte von Wissenschaftlern ignoriert, belächelt, verachtet oder auch mit heimlicher Sympathie aufgenommen werden, und was die Wissenschaftler sagten, konnten die Esos entweder in ihrem Sinne (um)interpretieren oder eben als die beschränkte Form von Rationalität betrachten, die man ja gerade zu überwinden versucht.

Für beide Seiten – die Anhänger wissenschaftlicher und spiritueller Weltanschauungen – gab es für eine ganze Weile eher selten Veranlassung, öffentlich miteinander in Kontakt zu treten. Man wusste voneinander, war aber in der Regel voneinander abgestoßen. Positionen, die zwischen beiden zu vermitteln versuchten, waren eher die Ausnahme und hatten es schwer, zumindest von den Wissenschaftlern ernst genommen zu werden. Die verhinderte Kommunikation war auch medientechnisch sanktioniert, insofern die Diskurse vor allem auf dem Papier unterschiedlicher Verlage und in separierten sozialen Kreisen stattfanden. Das hat sich nun geändert. Schuld daran ist das Internet. Es hat die Kontaktsperre aufgehoben – und die Meuten aufeinander losgelassen. (mehr …)

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Heute sind zwei sehr schöne Blogartikel über die Schwierigkeiten der wissenschaftlichen Arbeit erschienen, die ich Euch nicht vorenthalten möchte. Auf thinkingblueguitars.wordpress.com schreibt Daniel Hartley über das Schreiben einer Doktorarbeit und die Erfahrung der wachsenden Spannung zwischen einem Buch, die man eigentlich schreiben wollte und dem Buch, das es letztendlich wird.

The book you have written has come, but this other Book, the one inside your head, is the Book-to-come, the Book that never comes.

Während das Buch im Kopf  das eigentliche Buch des Herzens ist, das man nie erreichen wird, droht bisweilen aus den vorläufigen Notizen und Entwürfen, über denen man all die Zeit brütet, ein kleines hässliches Entlein zu schlüpfen, für das man am Ende verantwortlich sein wird. Ich übersetzte weiter etwas frei:

Umso mehr man schreibt und je schneller Zeit vergeht, desto enger beginnt man die Kluft zwischen dem Vorläufigen und dem Endgültigen zu empfinden. Man beginnt ein Schreiben im Futur Perfekt: Dieser Satz wird endgültig sein. (…) Du fühlst eine vorübergehende Kühnheit, verweilst am Ziffernblatt und tanzt mit den Stunden. Du begrenzt Deine Erwartungen, steigerst Deine Selbstdisziplin, arbeitest härter und lernst zu wetten. Es ist die Wette des Schreibens: Wer wagt, verliert. Doch wer den Verlust kommen sieht und ihn bejaht, gewinnt.

Über die Schwierigkeiten der wissenschaftlichen Arbeit schrieb heute auch Florian Freistetter auf scienceblogs.de. Zwar geht es dabei nicht um kultur- und geisteswissenschaftliches Schreiben, sondern um das Stocken und Scheitern naturwissenschaftlicher Experimente. Doch ist die Erfahrung der Mutlosigkeit, wenn die Arbeit nicht gelingen will, diesselbe.

Zum Trost und zur Ermutigung aller Leidensgenossen zitiert der bloggende Astronom einige Auszüge aus den „Tagebüchern des Heinrich Hertz“, dem wir die Entdeckung der elektromagnetischer Wellen verdanken, ohne die es weder Fernsehen, Radio noch Funktechnik gäbe. Wie die Tagebücher zeigen, war Hertzen’s Arbeit lange Zeit erfolglos und entmutigend. Hier einige Auszüge: (mehr …)

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»Cada um de nós é vários, é muitos, é uma prolixidade de si mesmos – Jeder von uns ist mehrere, ist viele, ist ein Übermaß an Selbsten.« (Fernando Pessoa)

Wann gäbe es eine Zeit, die besser geeignet wäre, diese Worte des portugiesischen Dichters verstehen zu lernen als JETZT?

Es ist Sommer. Es ist die Zeit der freien Wahl. Wer kann, reist in die Ferne – wer da bleiben muss, radelt beim ersten Sonnenstrahl an den See. Wenn es (wie in diesem Sommer) ununterbrochen regnet, schimpft man, stellt aber den Grill unter den Regenschirm und brutzelt trotzdem bis zum Umfallen. Mit triefend nassen Socken sitzt man auf den Festivals und schlürft Yogi-Tee und Rotwein.

Es ist Sommer, es ist die Zeit der Sehnsucht nach dem Knall, nach dem Unbekannten, nach dem, was man immer für sich gewünscht hat und verdammt noch mal auch wünschen dürfen muss, selbst wenn einem der Strich durch jede Rechnung gezogen wird. Genügsam und berechenbar, das kann man maximal im Winter sein, niemals jedoch im Sommer! Es ist nicht drin, das Leben vorbeiziehen zu lassen und vor dem Computer unbemerkt zu vergammeln.

Doch schon bei der Kombination ‚Sommer und Regen‘, bei den banalsten Dissonanzen zwischen Wunsch, Erwartungshaltung und Realitätserfahrung, kann es beginnen mit den multiplen Persönlichkeiten – ganz zu schweigen von unlösbaren Konflikten wie Urlaub versus Arbeit: Sanftmütige werden ungeduldig (wann hört der beschissene Regen auf?! – Ich hau den PC aus dem Fenster!), Zögerliche werden wagemutig (dann fahren wir eben nach Afrika! – Ich schmeiß die Diss hin!), Workaholics werden lustlos (SO habe ich mir das nicht vorgestellt!).

In verregneten Sommern wie diesen entfaltet sich der allumfassende Sinn von Pessoas Worten in ungeahnt konkreter Weise. (mehr …)

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