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Posts Tagged ‘Genetik’

Die Fußball-WM steht vor Tür oder besser vor dem Kontinent. Denn anstatt in heimischen Gefilden müssen unsere Soccer-Gurus ihre Fähigkeiten diesmal auf dem afrikanischen „SubKontinent“ unter Beweis stellen. Neben allerlei fußball-martialischer Ästhetik erwartet den hoffnungsvollen Zuschauer dabei auch die eine oder andere Lektion in Sachen Biologie und Genetik. Im Interview mit dem Tagesspiegel ließ Bundestrainer Joachim „Jogi“ Löw seine Expertise bereits anklingen und konstatierte in Bezug auf den zukünftigen Gruppengegner Ghana:

Physisch haben die Afrikaner vielleicht durch ihre Genetik allen anderen etwas voraus.

Da der Jogi als Vertreter der postkolonialen Biologie(wissenschaft)en nach 1945 sich aber durchaus der Problematik des Genetikbegriffs bewusst ist, präzisiert er an anderer Stelle seine Vorstellungen weiter:

Die Afrikaner haben enorme Vorteile, weil sie genetisch bedingt eine unglaubliche Ausdauer, Schnelligkeit und körperliche Präsenz mitbringen.

Die jeweiligen Interviewpartner und anwesenden Pressevertreter scheinen mit dieser Form der Rhetorik kein Problem zu haben. Mit Verweis auf den BundesJogi zitieren sie das deutsche Sieger-Gen und könnten somit dazu beitragen, dass das Konzept des Postkolonialismus auch in Deutschland endlich einer breiten Öffentlichkeit verständlich wird.

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Manchmal drängt das innere Kopfschütteln nach außen und ich spüre den Windhauch auf den Wangen. Zum Beispiel vor Kurzem, als ich unter der Rezension eines Sammelbandes zu Judenbildern in Literatur und Film, in dem gerade die Konstruiertheit ‚des Juden‘ (im namenlosen Singular) herausgestellt wurde,  den Link „Bin ich Jude? Genetische Herkunftsanalysen, Judentum DNA-Test“ fand. Dort wird mit Aussagen wie

Im Gegensatz zu Dokumenten sind genetische Informationen fehlerfrei.

mit dem Wunsch der Menschen nach „Gewissheit“ über ihren ‚Ursprung‘ gerechnet und Geld verdient – schließlich kostet so ein Test ab 105 Euro aufwärts. Indirekt wird mit solchen Behauptungen auch die Aussagekraft von Natur- vs. Kulturwissenschaften verhandelt. Obwohl die Schweizer Firma zugibt, dass sich über die Jahrhunderte nur eine „gewisse“ genetische Homogenität herausgebildet habe und „[j]e nach genetischem Profil […] eine eindeutige Zuteilung nicht möglich“ sei, verspricht sie doch, „über Ihre wahre Abstammung“ zu informieren.

Mich interessiert vor allem mein Urstamm, zu welchem Volk ich gehöre,

soll mir eingeredet werden, und unter den Top 4 scheint neben jüdischer Abstammung die von Wikingern, Kelten und Germanen zu stehen, wie die Verlinkung nahelegt.

Angeblich sollen die genetischen Studien zeigen, dass Rassismus Unsinn ist, weil nur sechs Prozent aller Deutschen väterlicherseits germanischen Ursprungs sind, während jeder Zehnte jüdische Vorfahren habe. Die Fixierung auf die ‚Wahrheit der Gene‘ aber birgt m.E. die Gefahr, erst recht so etwas wie ein ‚jüdisches Gen‘ zu postulieren und gesellschaftlich, familiär, religiös, kulturell und politisch bedingte, historisch gewachsene Differenzen zu essentialisieren. Die folgende Begründung aus dem Artikel zum Thema auf Hagalil.com erschließt sich mir logisch jedenfalls nicht sofort:

Durch die sich wiederholenden Judenverfolgungen und -verdrängungen entwickelte sich über die Jahrhunderte eine gewisse genetische Homogenität, die durch einen DNA-Test sichtbar wird.

Der Artikel auf dieser Internetplattform zu jüdischen Themen wird übrigens auch von der Schweizer Firma verlinkt, allerdings unter einer eigenen URL, die ihnen erlaubt, nur eigene Werbung um den Artikel herum zu schalten. Fazit: Mit dem Ausspielen der Naturwissenschaft gegen die Geistes- und Kulturwissenschaften lässt sich hier offensichtlich Geld machen – dass es unbedingt zu einer höheren ‚Wahrheit‘ führt, würde ich bezweifeln.

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