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Posts Tagged ‘Gesellschaft’

Nun, da die Wahl hierzulande ganz anagrammatisch zu einem Schlund-Date wurde (mehr zu Anagrammen auf Wikipedia), fiel mir wieder ein, dass ich mich im Juni auf amüsantere Art mit dem Land beschäftigt habe, in dem ich lebe.

Auf dem Weg zu einem Workshop mit dem Titel »Versfuß mit Pferdefuß« lautete eine der Aufgaben zur spielerischen Vorbereitung eigentlich, ein Anagramm-Gedicht aus dem Wort »Deutschland« zu machen. Im Zug hatte ich jedoch weder eine Schere zum Ausschneiden und Verschieben von Buchstaben dabei, noch war die Internetverbindung im Niemandsland zwischen Spandau und Braunschweig gut genug, einen der verfügbaren Online-Anagramm-Rechner zu verwenden. Der Anagramm-Generator auf sibiller.de hätte mir beispielsweise unter anderem folgende Gedichtzeilen ausgespuckt:

DEUTSCHLAND
SCHALTEND DU
STACHELND DU
LATSCHEND DU

Also vertrieb ich mir die Reisezeit stattdessen mit dem Verfassen von Akrosticha über unser Land. Eines hatte tatsächlich schon mit der bevorstehenden Wahl zu tun, geisterte mir doch noch die morgendliche Radionachricht durch den Kopf, dass eine große Partei sich gerade für einen Wahlspruch mit zugehörigem Twitter-Hashtag entschieden habe. Das ergab in meiner Fingerübung dann Folgendes: (mehr …)

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Wichtiger Hinweis:

Aufgrund erhöhten Postaufkommens kann es auf absehbare Zeit zu Verzögerungen bei der Bearbeitung kommen. Bitte sehen sie deshalb von Rückfragen zum Sachstand ab.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.

Als Teil des Briefkopfes einer großen Bundesbehörde klärt dieser Hinweis seine Leser über die doppelte Überflüssigkeit ihrer Nachfragen zum Sachstand auf. Denn erstens wird man sowieso keine Auskunft zum Sachstand erhalten und zweitens hält man den Sachstand ja gerade in den Händen, nämlich in der Form des Briefinhaltes. Selbst wenn man den Sachstand nicht verstanden hat, bleiben Nachfragen zwecklos, denn jede Nachfrage erzeugt ja einen neuen Sachstand, über den Auskunft zu geben sich immer schon erübrigt haben wird. Jeder Versuch, die weitere Kommunikation in absehbarer Zeit zu beschleunigen, wird also zwingend zu einer Verzögerung der Kommunikation auf unabsehbare Zeit führen.

Da der Leser nun aber weiß, dass die Vermeidung von Sachstandsnachfragen das erhöhte Kommunikationsaufkommen reduzieren wird, heißt das ja, dass die Voraussetzung der Information durch die Information selbst beseitigt worden ist. So dass nach der Lektüre des wichtigen Hinweises mit verminderten Verzögerungen in der Bearbeitung zu rechnen ist. Daraus folgt, dass Rückfragen zum Sachstand nun eine bessere Chance auf Beantwortung haben werden. Weil das aber alle Leser des wichtigen Hinweises denken werden, wird das erhöhte Postaufkommen einen Sachstandsrückfragenstau erzeugen, so dass es auf absehbare Zeit zu Verzögerungen bei der Bearbeitung kommen wird.

Die Sachstandsrückfragenstaumeldung erzeugt also erst den Stau, dessen doppelte Überflüssigkeit zur Stockung dessen verhilft, worüber Auskunft zu geben sich immer schon erübrigt haben wird.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.

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„Der Physiker und Professor für komplexe Netzwerkrecherche Albert-László Barabási sieht aus wie ein sehr sympathischer Typ, der kein Wässerchen trüben kann. Man sollte sich aber besser vor ihm fürchten,“ kommentiert der Perlentaucher in seiner aktuellen Magazinrundschau einen Vortrag, den der prominente Netzwerktheoretiker kürzlich auf Edge.org gehalten hat.

Barabási hat sich in den letzten Jahrzehnten mit vielen Arbeiten auf dem Gebiet der aufsteigenden network science hervorgetan. Die Grundidee dieser jungen Wissenschaft ist es, die gesamte physikalische, biologische, soziale und technische Welt durch Netzwerkstrukturen zu beschreiben und ihr Ziel besteht darin, die mathematischen Gesetzmäßigkeiten herauszufinden, nach denen sie funktioniert. Damit sollen dann auch Vorhersagen über das Verhalten komplexer Systeme möglich werden. Was Barabási begeistert, ist die Aussicht, mittels mathematischer Modelle solche Netzwerkstrukturen auch beherrschen zu können: „Eine Frage, die mich in den letzten zwei Jahren fasziniert hat ist: Können wir irgendwann die Daten nutzen, um Systeme zu kontrollieren? Wenn Du die Macht hast, Vorraussagen zu machen, wirst Du letztendlich auch den Punkt kommen, sie kontrollieren zu können.“

Um dieses Ziel zu erreichen, ist der Netzwerkforscher nun auf der Suche nach Daten, vielen Daten, den big data, die man braucht, wenn man die ganze Leben berechnen will. Barabási erklärt in seinem Vortrag, dass es diese Daten im Grunde schon gibt. Leider seien die meisten davon in privater Hand. Die Rede ist von Facebook, Google und Mobilfunkanbietern. Durch die zunehmende digitale Vernetzung wissen sie immer genauer, worüber die Leute sprechen, wo sie sind, was wie machen, wann und wie oft. So dreht sich die Phantasie des Wissenschaftlers also darum, wie man an diese Daten herankommen könnte. Diese Überlegungen Barabásis sind es auch, vor denen sich der Perlentaucher zu fürchten beginnt:

„Daten sind heute die Goldmine der Wissenschaft. Damit ändert sich auch die Einstellung, wie wir mit den Daten umgehen. Wir leben in einer unstabilen Situation, in der der Zugang zu Daten nicht genau ausgearbeitet ist. Es gibt gesetzliche Grenzen. Viele Firmen kümmern sich nicht um ihre Daten oder benutzen sie nicht für wissenschaftliche Zwecke. Das muss irgendwie aufhören. Mir ist aber unklar, wie. Ich weiß nicht, ob die amerikanische Regierung Google oder Facebook dazu zwingen wird, ihre Daten mit Wissenschaftlern zu teilen. Die wissenschaftliche Gemeinschaft muss einen Weg finden, dieses Problem zu lösen.“

Es ist gewissermaßen eine politische Utopie des Laplaceschen Dämons digitaler Provenienz, die der Netzwerkforscher hier formuliert; also die Vorstellung, dass man per Gesetzesbeschluss oder Gesellschaftsvertrag Zugang zu allen Daten bekäme, die über die Gegenwart vorhanden sind, um mittels dieser Daten zukünftige Ereignisse vorherzusagen und so eine maximale Kontrolle über die Lebensbedingungen der Netzwerkgesellschaft zu erlangen. Kybernetik 3.0.

In dieser Utopie verschränken sich offenbar zwei Motive miteinander. (mehr …)

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Internet, überkomplex

Internet, überkomplex

Gestern hat Sascha Lobo in seiner S.P.O.N.-Kolumne über metaphorische Simplifizierungen der digitalen Welt geschrieben. Dabei warnt er vor der Verführungskraft der Sprache. Was in Wirklichkeit komplex und kompliziert sei, werde durch Metaphern vereinfacht und schließlich falsch verstanden, vor allem das Internet:

Metaphern funktionieren nur als Welterklärung für Anfänger. Insbesondere für das überkomplexe Internet. […] Die Einstiegsdroge Metapher verleitet zum simplizistischen Weltbild und dazu, Zusammenhänge zu konstruieren, die nur für die Metapher, aber nicht in der Realität funktionieren.

Zwar beginnt Lobo seine Überlegungen damit, dass das Internet und vermutlich jedes Medium, wie alle technologischen Innovationen zunächst immer nur metaphorisch begriffen werden, weil es für das Neue nicht sofort geeignete Begriffe gebe. So wurde der Diskurs über das Internet in den 1990ern durch nautische und verkehrstechnische Metaphern geprägt. Aus den metaphorischen Fossilien dieser Zeit generiert sich denn auch der Titel von Lobos Artikel: „Wenn Surfer auf der Datenautobahn brausen.“

Zugangserschwerungsmetapher

Internetsperre, symbolisch

Internetsperre, symbolisch

Doch befasst sich Lobos nicht mit die Frage, ob nun Datenmeer oder Datenautobahn die bessere Metapher oder beide gleichermaßen für die Bezeichnung des Internets ungeeignet seien. Seine Kritik zielt vielmehr auf eine politische motivierte Medienmetaphorik – für die er, pars pro toto, „das berüchtigte Stoppschild als volksnahe Bezeichnung für Ursula von der Leyens Netzsperren“ ins Feld führt. Dabei fragt sich, ob gerade dieses Beispiel gut gewählt ist. Denn das besagte Stoppschild sollte ja nach dem geplanten „Zugangserschwerungsgesetz“ beim Aufruf gesperrter Webseiten mit kinderpornografischem Inhalt auf dem Bildschirm des kriminellen oder fehlgeleiteten Internetnutzers angezeigt werden. Wenn dieser aber ein Stoppschild tatsächlich sieht, ist es dann überhaupt noch eine Metapher? Oder nicht einfach nur ein Symbol, ein ikonisches Zeichen, dass allenfalls etwas Falsches suggeriert? Oder ist das nur eine kleinliche Frage, die zur Sache nichts wesentliches beiträgt? (mehr …)

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(c) Manager Magazin

Die Märkte, in Aufregung

Wenn seit dem Ausbruch der Finanzkrise zunehmend davon die Rede ist, dass man die „Märkte beruhigen“ müsse, so weiß man nicht immer genau, ob da von einem fiebrigen Patienten die Rede ist, der durch ständige Telefonate, Krisensitzungen und Beschlüsse von Regierungen umsorgt und getröstet werden muss; oder von einem wütenden Drachen mit giftigem Odem, der ein ganzes Königreich zu verwüsten droht, wenn er nicht regelmäßig eine Jungfrau zu Fressen bekommt. Wer den Job erledigen muss, ist allerdings klar: „Die Politik muss die Märkte beruhigen.“

Aber wollen „die Märkte“ überhaupt beruhigt werden? Eigentlich finden sie es ja ganz „Super, wenn die Börsen schwanken“. Wetten auf fallende Kurse ermöglichen immerhin satte Gewinne. Gegen eine Regulierung der Finanzmärkte, z.B. durch eine Finanztransaktionssteuer, regen sich jedenfalls erhebliche Widerstände. Die Rede von der Beruhigung der Märkte enthält damit eine doppelte Irreführung. Denn sie täuscht darüber hinweg, wer oder was „die Märkte“ überhaupt sind. Es sind ja im wesentlichen Spekulanten und keine volkswirtschaftlichen Größen. Letztlich ist die Phrase nur ein Euphemismus für das Dilemma, dass man den Einfluss der Spekulation auf die Volkswirtschaft beschränken müsste, aber nicht kann. Doch befinden sich auch die Märkte in einem Dilemma. Denn der Bankrott ganzer Volkswirtschaften kann schnell den Bankrott ganzer Banken nach sich ziehen. Die dann ihrerseits wieder gerettet werden müssen – durch den Rettungsschirm, für den die Staaten wiederum Schulden auf dem Finanzmarkt aufnehmen (hier: Deutschlands Schuldenuhr). In dem Dilemma bekundet sich also so etwas wie ein „Gleichgewicht des Schreckens“.

Kalter Krieg der Schulden

Während des Kalten Krieges nannte man so das Atompatt zwischen den Nuklearmächten. Im Englischen heißt das „Gleichgewicht des Schreckens“ mutual assured destruction, also die „wechselseitige zugesicherte Zerstörung“, kurz: mad, was eben auch „verrückt“ oder „wahnsinnig“ heißt. Hinter dem Wahnsinn der atomaren Abschreckung stand natürlich eine rationale Logik: Eine Nuklearmacht hielt die andere durch eine ultimative Drohung vor dem Erstschlag ab, indem man sich wechselseitig einen alles vernichtenden Zweitschlag zusicherte. Für dieses „Gleichgewicht des Schreckens“ hatte der Mathematiker und Nobelpreisträger John F. Nash (bekannt durch den Spielfilm A Beautiful Mind) ein spieltheoretisches Modell entwickelt, das sogenannte „Nash-Gleichgewicht“ oder Nash equilibrium. Eine einseitige Aufkündigung dieses Gleichgewichts hätte das absolute Scheitern beider Parteien zur Folge gehabt. So sind sie gerade durch ihre Feindschaft zu einer unfreiwilligen Kooperation gezwungen.

Weltweite Staatsverschuldung

Weltweite Staatsverschuldung

Durch den Zusammenbruch des Ostblocks endete der Kalte Krieg und die Westmächte gelten als dessen Sieger. Denn die westlichen Demokratien haben sich als diejenigen Volkswirtschaften erwiesen, die den Rüstungswettlauf länger ökonomisch durchhalten konnten. Betrachtet man heute indessen den Stand der weltweiten Staatsverschuldung, könnte man sich fragen, „wer den Kalten Krieg tatsächlich verloren hat“ (Olaf Held). Nach dem weltweiten Sieg des Kapitalismus und seiner Krisen scheint sich das Gleichgewicht des Schreckens einfach nur auf eine andere Ebene verlagert zu haben.  (mehr …)

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