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Posts Tagged ‘Gießen’

Schon länger habe ich in meiner Pendelexistenz ein Problem mit der Polizei. Nicht weil ich selbst vom Aussehen her in die rassistischen Raster falle, nach denen Polizist_innen an Bahnhöfen Personenkontrollen durchführen. Sondern weil es mich jedes Mal moralisch empört und irgendwie hilflos dastehen lässt, wenn ‚Stichprobenkontrollen‘ so offensichtlich nach rassistischen Kriterien erfolgen. Noch im Sommer hatte ich mich bei Pro Asyl erkundigt, was ich gegen dieses Fremdschämen am Bahnhof tun könnte. Die freundliche Antwort gab meinem Schamgrund zwar einen Namen – „so was nennt man racist profiling und ist leider nicht neu“ – musste aber noch davon ausgehen, dass es nicht illegal ist und dass es individuell wenig Möglichkeiten gibt, das einzuschränken. Es gehe deshalb vor allem darum, die Öffentlichkeit immer wieder darauf aufmerksam zu machen, wie Flüchtlinge durch absurde Auflagen wie die Residenzpflicht eingeschränkt und bei Verstößen dagegen unnötig kriminalisiert werden. Diese Aufmerksamkeit versuchen auch die Betroffenen selbst durch Protestaktionen herzustellen.
Nun hat vorgestern immerhin das Oberverwaltungsgericht Rheinland-Pfalz entschieden,

dass die Bundespolizei im Rahmen von Personenkontrollen in Zügen Personen nicht anhand ihrer „Hautfarbe“ auswählen darf (Aktenzeichen 7 A 10532/12.OVG).
Das Gericht hat einer solchen Praxis eine klare Absage erteilt und sie für nicht vereinbar mit dem deutschen Grundgesetz erklärt. (Pressemitteilung des Deutschen Instituts für Menschenrechte)

Vielleicht stoße ich nun bald nicht mehr auf rassistische Polizeikontrollen. Wie schnell solche Entscheidungen allerdings in der Polizeipraxis ankommen, bleibt abzuwarten. Immerhin können aufmerksame Bürger_innen sich nun – sollte mensch wieder unfreiwillig Zeug_in werden – auf dieses Urteil berufen und die Beamt_innen an die Unzulässigkeit von racist profiling erinnern.

Das kann aber nur der Anfang sein. (mehr …)

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das ist doch kein wetter!

Damit es nicht zu emotional wird, beschränke ich mich aufs Zitieren derer, die das professionell beurteilen:

Deutschland erlebte 2011 einen trüben, besonders im Südwesten kühlen und vor allem im Osten nassen Juli. Es war der erste zu kühle Monat in diesem Jahr. Im Vorjahr hatte der Juli noch mit viel Sonnenschein und großer Hitze aufgetrumpft. Das meldet der Deutsche Wetterdienst (DWD) nach ersten Auswertungen der Ergebnisse seiner rund 2 000 Messstationen.

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Mit der Job-Casting-Kampagne „Pitch Dir Deinen Job“ hat die Gießener Marketingfirma EOL Group GmbH in Kooperation mit der Gießener Zeitung einen Job-Contest ‚besonderer Art’ veranstaltet, der die Arbeitswelt in Gießen innovativ beleben sollte.

Werbebild EOL

Werbebild der EOL

Von September bis Dezember 2010 waren Arbeitssuchende aufgefordert, sich unentgeltlich an einer breit angelegten Online-Marketing Kampagne für die Stadt Gießen zu beteiligen, deren Abschluss nun erfolgreich gefeiert wird.

Womit die EOL lockte, war „die Chance [!] auf einen coolen Arbeitsplatz“.  „Gib alles für Gießen und Deinen Traumjob!“ hieß die verheißungsvolle Devise der Ausschreibung.

Mitmachen ist alles, gewinnen Glück

Um ihre Kompetenzen für einen potentiellen Job in der Zukunft unter Beweis zu stellen, sollte von den Teilnehmern ein umfassendes Marketing-Konzept erstellt werden, das in Form einer Mobile App (zum Runterladen auf das Handy) neuen Bürgern und Touristen das Eingewöhnen und die Orientierung in der Stadt Gießen erleichtert. Einen interaktiven Stadtplan, eine Übersicht zu Radwegen, Öffnungszeiten von Behörden und Institutionen sowie Ausgehempfehlungen und Restaurantkritiken sollte die Anwendung bieten.

Der Fantasie der Bewerber waren „keine Grenzen gesetzt“, wie die Ausschreibung motivierend betonte.

Sieben Phasen bis zum Vorstellungsgespräch

Das Job-Casting versprach einen hautnahen Einblick in die Planungs- und Umsetzungsphasen des Projektmanagements von EOL und forderte die Bewerber auf, zu „zeigen, was in ihnen steckt“.

Dementsprechend wurde der Contest in sieben Phasen aufgeteilt, bei denen arbeitswillige „Business Development Manager, Project Manager, Web-Designer und Ad Writer, Content-Manager und viele mehr“ ihre Vorschläge und Arbeitsergebnisse direkt bei der Marketingfirma EOL einreichten, um so ihre „Chance auf einen Arbeitsplatz“ wahrzunehmen.

Unmittelbar nach dem Start der jeweiligen Casting- bzw. Arbeitsphase wurden im Internet Aufgaben frei geschaltet, die die Bewerber bestmöglich und unter Einsatz ihrer gesamten Kreativität und Human Resources in Heimarbeit zu erfüllen hatten. Dem besten Teilnehmer wurde nicht nur ein Porträt in der Gießener Zeitung in Aussicht gestellt, sondern neben einer „Siegerprämie von 150 Euro“ zusätzlich auch ein „Jobangebot von der EOL“.

Schade nur, dass in den Geschäftsbedingungen der Firma darauf hingewiesen wurde, dass die Arbeitssuchenden mit ihrer Teilnahme am Casting „sämtliche Rechte – soweit gesetzlich zulässig – an den eingereichten Arbeitsergebnissen an die EOL Group GmbH ab[treten]; diese nimmt die Abtretung an“. Außerdem stellten die Teilnahmebedingungen unmissverständlich klar:

Kein Teilnehmer hat einen Anspruch auf ein Vorstellungsgespräch oder einen Job bei der EOL Group GmbH. Die EOL Group GmbH entscheidet alleine, welche Teilnehmer zum Vorstellungsgespräch eingeladen werden oder ein Jobangebot bekommen.

Dass dem einzelnen ‚Gewinner’ der jeweiligen Casting-Phase eine Siegerprämie von 150 Euro winkte, kann wohl eher als Hohn denn als Entlohnungsgerechtigkeit gewertet werden.

Vielmehr konnte sich die EOL mit dem siebenteiligen Contest vom Know-How Arbeitssuchender aus unterschiedlichsten Bereichen inspirieren lassen – von der Projektentwicklung über die Textgestaltung bis hin zur Programmierung –, ohne dass den Teilnehmern irgendeine Form von Jobsicherheit versprochen werden musste. Von der fragwürdigen Wertschätzung all jenen Arbeitssuchenden gegenüber, die sich dem Aufwand unterzogen, Ideen zu entwickeln und diese der Firma kostenfrei zur Verfügung zu stellen, sei gar nicht erst gesprochen.

Gewinn Deinen Mini-Job!

Werbewirksam wurde parallel zum Job-Casting ein Gewinnspiel veranstaltet (mehr …)

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Ab Oktober wird es wieder viele neue Studierende und Promotionswillige nach Gießen locken. Für Auswärtige wird sich dabei – von den exzellenten Studienbedingungen einmal abgesehen – vor allem die Frage stellen: Wie wird es in der neuen Heimat sein? Was kann ich dort erwarten?

Gießen mag auf den ersten Blick keine Weltstadt von Klasse sein, doch die Schönheit liegt bekanntlich im Detail. Das war vor knapp 170 Jahren nicht anders als heute, wie wir aus einer Stadtbeschreibung von Gießen aus dem Jahre 1841 lernen können.

Gießen, Kupferstich 1841 (zum Vergrößern anklicken)

Damals verfasste Eduard Duller ein reizendes Büchlein mit dem einladenden Titel Gießen und seine Umgebungen. Supplement zum malerischen und romantischen Deutschland. Es öffnet jedem Hinzugezogenen, der willens ist, die neue Heimat unvoreingenommen zu entdecken, die Augen.

Regel Nummer 1:

Man geht nie irre, wenn man das Auge des Künstlers zum ästhetischen Kompass nimmt. (S. 5)

Entsprechend konzentriert sich die Stadtbeschreibung zunächst auf die ländliche Umgebung Gießens. Hier herrschen Ruhe und Frieden. Der Autor zeigt sich begeistert von der damals wie heute eindrucksvollen Landschaft:

Seht, welch ein eigenthümlicher Zauber ist über die Landschaft ausgegossen, deren Mittelpunkt die Stadt Giessen einnimmt, – der Zauber idyllischer Ruhe, unter deren lindem Odem sich das Herz so wohl und heiter fühlt, während das Auge mit Befriedigung auf der Schönheitslinie der Bergeshöhen ruht, welche den Horizont schliessen! (S. 5)

Obwohl Provinzstädte bei einigen Akademikern unbeliebt sind, ist die ländliche Umgebung doch ein großer Pluspunkt, denn:

Auch der reine und erhebende Genuss der Naturschönheit ist dem akademischen Bürger in der Provinzialstadt mehr erleichtert als in der Residenz [resp. Großstadt]. […] Dann hallet jeder kühle Wald, jede Felsenwand und jede Ruine vom Rundgesang der akademischen Jünglinge [heute auch Frauen] und […] die Natur ist der grosse Salon, wo es keines Thees und keines Opernenthusiasmus bedarf, um die Herzen zu erwärmen […]. (S. 9)

Ich verweise an dieser Stelle auf die GCSC-Wandervögel, eine AG des Graduiertenzentrums, die sich der Erkundung von Wäldern und Umgebungen Gießens verschrieben hat und sich über neue Mitglieder jederzeit freut.

Die Schönheit der Natur habe laut Duller aber auch einen entscheidenden Einfluss auf das Wesen der Menschen. Der Sinn für das Schöne, so erklärt uns der Autor, sei ein „sehr bezeichnendes Merkmal“ der Gießener (S. 39):

Ja, der Schönheitssinn ist hier in Giessen zu Hause, und er äussert sich in doppelter Weise, nämlich als warme Empfänglichkeit für die Reize der Natur und als rege Theilnahme für die Werke der Kunst. […] [Der Gießener] theilt seine Liebe zwischen beiden und die Kunst kommt dabei nicht zu kurz. (S.39 f.)

Aha, Gießen also eine heimlich Kunstmetropole! Oder hat die Verklärung der Erinnerung dabei dem Autor einen Strich durch die Rechnung gemacht? In der Architektur findet Duller jedenfalls wenig Ästhetik, wofür aber eine Stadt nichts könne, denn dies sei zu großen Teilen das Erbe der „Altvordern“ (S. 34). Gewissermaßen traditionell gibt es demzufolge in Giessen einen

scharfen Gegensatz zwischen den Neubauten an und vor den Thoren und dem Inneren der Stadt. […] Man möchte glauben: das Haus sei hier nicht des Menschen wegen erbaut worden, sondern habe vor ihm schon dagestanden und der Mensch sich in allen wunderlichen Capricen des Hauses fügen müssen. (S. 43)

Doch natürlich waren architektonische Utopien vor 170 Jahren anders gestrickt. (mehr …)

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Zu den besonderen Sehenswürdigkeiten des Gießener Umlands gehört zweifelsohne der an der östlichen Stadtgrenze gelegene Wurstpalast. Inmitten des Europaviertels hebt sich diese kulinarische Attraktion wie eine Oase der Lebenslust prunkvoll hervor.

Wurstpalast Gießen (zum Vergrößern anklicken)

So dient der Wurstpalast nicht nur dem hungrigen Wander- und Radel-Adel als traditionelle Raststätte, um standesgemäß zu speisen. Er bietet auch den Arbeitern der umliegenden Werkhallen eine willkommene Kantine für den Verzehr nahrhafter Fleischwaren. Gerade im Sommer sieht man fröhliche Menschen in geselliger Laune lachend und schmausend vor den Toren des Palastes rasten und in trunkener Lebensfreude Wurstpellen und kleine Fläschchen mit Erfrischungsgetränken leeren.

Eines Tages aber war der lukullische Ort plötzlich wie ausgestorben. (mehr …)

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„Where’s the fucking money?!“ (The Dude)

Die Geschehnisse im östlichen Mittelmeer, die Anfang Juni die Welt kurzzeitig aus den Angeln zu heben schienen, haben – man mag es kaum glauben – einen Gießener Lokal- und Unibezug. Denn es begab sich recht genau ein Jahr zuvor, dass in der Alten Universitätsbibliothek unserer mehr oder minder schönen Stadt eine gänzlich unschöne Veranstaltung stattfand. Worum es dabei gehen sollte, ließ schon das Plakat erahnen: (mehr …)

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Tea-Time

Mitten in Gießen. Ich schlecke ein Eis und stoße auf ein Schaufenster. Da sehe ich das innovative Produkt, dass ich mir vorher wohl niemals hätte vorstellen können:  den neuen Tea-boy:

der Tea-Boy

Das Richtige für den vergesslichen Teebeutel-Teetrinker, oder für den Pedanten, der gerne auf die Sekunde genau abstimmen möchte, wie lange sein Krümeltee ziehen soll.  Das ist  eine Geschenkidee, wie sie für den Alltag, der immer mehr aus „Slots“ und „Zeitfenstern“ besteht, doch gar nicht schlecht ist. Eine Bereicherung der Alltagskultur! Oder etwa nicht?

Für den feinsinnigen Teetrinker gibt es eine Alternative: ein Buch zum Tee. Ja, seit ein paar Monaten gibt es die Kulturgeschichte des Tees (immerhin auch in der UB in Gießen verfügbar). Ein Historiker namens Martin Krieger spürt all das auf, was wir über dieses immer wieder verzaubernde Heißgetränk wissen müssen.  Nicht dass das Wissen über Handelswege und Anbaugebiete  für die Praxis entscheidend wäre, doch eine gewisse Wissensaura gehört zum richtigen Teetrinker genauso dazu wie zum erprobten Weintrinker. Man beachte: die Betonung sollte zumindest auf  „Aura“ liegen. Denn kultiviertes Tee-Trinken rührt weniger vom fundierten Wissen und schon gar nicht von kuriosen Produktinnovationen her, über die man in 20 Jahren wohl nur noch lachen wird. Vielmehr ist doch entscheidend, eine passende Kulturgeschichte in Buchform zum Verweilen griffbereit zu haben. Im Gegensatz zum Eisschlecken vor dem Schaufenster ist das Verweilen vor dem Stövchen problemlos möglich.

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