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Posts Tagged ‘Heidegger’

Als im Frühjahr letzten Jahres die Plagiatsdebatte im Fall Guttenberg zu einem Aufstand im Elfenbeinturm führte, erhofften sich einige Beobachter und Kritiker davon die Geburt einer neuen vernetzten Öffentlichkeit. Was man sich davon erwarten durfte, blieb zunächst unklar. Heute wissen wir, dass seither zumindest die Zahl der Plagiatsjäger-Wikis stark zugenommen hat, die bereits einigen Politikern und Professoren das Amt gekostet haben. Wenn die Dissertation der Bildungsministerin nun in Verdacht steht, eine betrügerische Anmaßung zu sein, so herrscht im Fall Schavan – anders als bei Guttenberg – eher Zurückhaltung in der akademischen Welt. Neben den obligatorischen Beweisaufnahmen und Rücktrittsforderungen lassen sich  vermehrt Zweifel vernehmen, ob es sich bei Schavans Doktorarbeit tatsächlich um ein zu ahndendes Plagiat handelt.

Die Politik des Plagiats und das Bauernopfer

So sieht es für Tobias Bunde, einen der Autoren des offenen Briefes von Doktoranden an die Bundeskanzlerin in der Causa Guttenberg so aus, „als hätte Schavan zwar unsauber gearbeitet und nicht korrekt zitiert, aber Guttenbergs Arbeit war eine Collage aus fremden Ideen, das kann man nicht vergleichen.“ Die spürbare Zurückhaltung zeugt damit weniger davon, dass man nach all den Plagiatsskandalen schlicht „abgestumpft“ sei, sondern vielmehr von einem wachsenden Unbehagen an dem, was Frieder Vogelmann heute auf dem theorieblog als die „Politik des Plagiats“ beschreibt. Deren Konsequenz besteht, zugespitzt formuliert, darin: Würde man die Maßstäbe und Implikationen, mit den die Plagiatsjäger arbeiten, tatsächlich zur Norm erheben, wäre wissenschaftliche Arbeit bald nicht mehr vorstellbar.

Bezeichnend für die Problematik ist der spezifische Plagiatsvorwurf im Fall Schavans. Während es zunächst hieß, sie habe heimlich bei sich selbst abgeschrieben, d.h. einen früheren Aufsatz von sich zweitverwertet, beläuft sich der stärkste Anklagepunkt inzwischen auf eine Häufung sogenannter Bauernopfer. Damit wird ein Plagiatstyp bezeichnet, der darin besteht, dass man einen Autor zunächst korrekt zitiert, um dann den Rest des konsultierten Textes zu paraphrasieren, ohne dies kenntlich zum machen. Typischerweise werden dann die Quellen der Quelle so zitiert, als hätte man sie selbst gelesen. Das heißt, man zitiert nur Zitate, verschleiert aber den Weg, wie man an sie gelangt ist und erweckt so den Eindruck einer selbständigen Aneignung und Kenntnis der angegebenen Primärquellen.

Intertextualität und Geschreibe

Was in der Literatur unter dem Begriff der Intertextualität gefasst wurde (Julia Kristeva: „Jeder Text baut sich als Mosaik von Zitaten auf, jeder Text ist Absorption und Transformation eines anderen Textes“), wird in der Wissenschaft problematisch oder gar justiziabel, sofern man die entsprechenden Referenzen nicht kenntlich macht. In letzter Konsequenz müsste dies entweder zu einer Apotheose der Fußnote führen, die eine groteske Inflation aller Nachweise dessen nach sich zöge, worauf man keine Urheberschaft beanspruchen kann; oder zu dem, was sich mit Adorno als die Professionalisierung der Halbbildung bezeichnen lässt. Die Steigerung von letzterem ist die akademische Institutionalisierung dessen, was Heidegger das „Geschreibe“ nennt:

Gemäß der durchschnittlichen Verständlichkeit […] kann die mitgeteilte Rede weitgehend verstanden werden, ohne dass sich der Hörende in ein ursprünglich verstehendes Sein zum Worüber der Rede bringt. […] Das Geredete als solches zieht weitere Kreise und übernimmt autoritativen Charakter. […] In solchem Nach- und Weiterreden […] konstituiert sich das Gerede. Und zwar bleibt dieses nicht eingeschränkt auf das lautliche Nachreden, sondern breitet sich aus im Geschriebenen als das „Geschreibe“. Das Nachreden gründet hier nicht so sehr in einem Hörensagen. Es speist sich aus dem Angelesenen. Das durchschnittliche Verständnis des Lesers wird nie entscheiden können, was ursprünglich geschöpft und errungen und was nachgeredet ist. […] Hierzu bedarf es nicht einer Absicht der Täuschung. (Sein und Zeit, §. 35) (mehr …)

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