Feeds:
Beiträge
Kommentare

Posts Tagged ‘Internet’

Während die Konferenz Zugang gestalten dieses Jahr im Hamburger Bahnhof eine „Zwischenbilanz der unterschiedlichen Projekte zur Digitalisierung des kulturellen Erbes“ zog (vgl. die Eindrücke von der letztjährigen Konferenz im Jüdischen Museum Berlin), beschäftigte sich zeitgleich nicht allzu weit entfernt auch der Literaturbetrieb mit der Digitalisierung. Die Deutsche Literaturkonferenz hatte am 13. November zu einem Symposium mit dem Titel „Voll digital. 10 Jahre E-Books: Schreiben, Lesen und Verlegen“ ins Grimm-Zentrum der Humboldt-Universität eingeladen.

Blick zum Rednerinnenpult vor vollbesetzten Zuschauerreihen

Die Schriftstellerin Nina George beim Symposium „Voll digital“ am 13.11.2014

Auch hier ging es um Zugang und wie er sich gestaltet bzw. wie wir ihn gestalten sollten. Kathrin Schmidt erzählte in ihren einführenden, wohlgewählten Worten, wie sie selbst nach und nach erst Zugang finden musste zum elektronischen Buch. Mittlerweile kann sie mit E-Books jedoch so gut ihrem Vielleserinnentum frönen, dass ihr Mann nur noch einmal im Jahr statt monatlich neue Regalbretter anbringen muss. Auch habe sich das Spektrum ihrer Lektüre erweitert, weil sie nun virtuell auch zu Büchern ‚greife‘, die sie eher nicht auf dem Wohnzimmertisch liegen lassen würde, um Diskussionen zu vermeiden. Um welche Bücher es sich dabei handeln könnte, ließ Kathrin Schmidt offen.

Nina George, ebenfalls Schriftstellerin, führte in ihrem späteren Beitrag aus, dass sich die Warengruppe 483 – Buchhandelsbegriff für Erotika – als E-Book besonders gut verkaufe. (mehr …)

Read Full Post »

Am Donnerstag und Freitag wurde auf der Tagung „Zugang gestalten“ im Jüdischen Museum Berlin über Verantwortung für den und Probleme mit dem Zugang zum kulturellen Erbe im digitalen Zeitalter diskutiert.

Pastoral ging es los und mensch fragte sich, ob das kulturelle Erbe so viele rhetorische Kunstpausen braucht, wie Dr. Klimpel sie einstreute. Hängt das damit zusammen, dass ihm als Junge in der Stadtbücherei niemand Gratismentalität vorgeworfen hat? Mit dem gesponsorten Mate-Drink und den Twitterkommentaren vor sich, sah mensch dem Tag aber trotzdem gespannt entgegen …

Read Full Post »

Ein internationales Forscherteam hat die Wikipedia in 13 Sprachausgaben nach den umstrittensten Einträgen durchforscht. Auf diese Weise hoffe man, mehr über das menschliche Zusammenleben zu erfahren,wie einer der Mitautoren erklärt (Süddeutsche Zeitung). Aber was sollte man da erfahren können?

Vor ziemlich genau zwei Jahren erschien auf Zeit Online ein Artikel über eine Heidelberger Forschergruppe, die den sogenannten „Dispute Index“ entwickelt hat, demzufolge die Umstrittenheit eines Wikipedia-Artikels ein Indikator für die geopolitische Instabilität des Landes ist, auf das er verweist. (Blogkow berichtete: Die Biochemie der Weltgeschichte: Wikipedia als geopolitisches Orakel).

Wenn sich nun das Ranking des internationalen Forscherteams der umstrittensten deutschen und englischen Wikipedia-Artikel mit der Hypothese des Heidelberger „Dispute-Index“ verknüpfen lässt (was voraussetzen würde, dass dieser auch für die Umstrittenheit des betreffenden Landesartikels selbst gilt), würde das bedeuten, dass derzeit Kroatien, USA, EU, Kosovo und Mazedonien besonders von geopolitischer Instabilität bedroht sind.

Stimmt die Hypothese der Heidelberger Forscher, könnte man nun durch Einfügen oder Entfernen entsprechender Links im Internetlexikon maßgeblich Einfluss auf den Lauf der Weltgeschichte nehmen, wie er sich in der Prognose darstellt. Die zu erwartende Umstrittenheit solcher Eingriffe müsste dann unvermeidlich den Edit- zum Cyberwar eskalieren. Die Folgen wären nicht auszudenken.

Read Full Post »

Der Kot ist die zusammengepresste Summe sämtlicher Indizien gegen uns. (Elias Canetti, „Masse und Macht“ 1960)

Sewer Cloud by Philipp Ronnenberg

Canettis Befund über den immanenten Zusammenhang von Macht- und Verdauungsvorgängen erlangt in Zeiten von Prism, Tempora & Co durch eine zukunftsweisende Technologie gänzlich neue Bedeutung. Im Rahmen seiner Entwicklung von Post Cyberwar Networks hat der Konzeptkünstler Philipp Ronnenberg die Sewer Cloud ersonnen, die Daten in DNA speichert, die in urbanen Kanalisationen herumschippert:

The insertion of data into the DNA is developed, amongst other reasons, to solve the problem of data storage. 1 gram of DNA is capable of storing up to 700 terabytes of data. This scientific development could provide alternative uses and novel ways of exposure of data. […]

The Sewer Cloud is a living, self-reproducing data network in the sewerage system of London. This living network is based on the insertion and extraction of data into the algae species Anabaena bacteria, which lives in water.

Data insertion and extraction out of algae could be regarded as a ‘grey area’ act; it would be legal to do so, but a lot of content that one could find in this network could be illegal. Corner shops would be providing machines where the extractions and insertions would take place. – (gefunden auf nerdcore.de)

Mit der informationstechnischen Erschließung städtischer Abwässer eröffnet die Sewer Cloud nicht nur enorme Möglichkeiten für big data, sondern – natürlich – auch ganz neue Herausforderungen für allfällige Überwachungsmaßnahmen und quasi die Kompostierung personenbezogener Daten. Es dämmert die Post-Privacy Ära der Toilette. – Wenn Elias Canetti das geahnt hätte:

der privateste Augenblick ist jener der Absonderung; wirklich allein ist man nur mit seinem Kot.

Read Full Post »

Oder: Kann das Internet für die Wissenschaft mehr sein als eine erweiterte Bibliothek? Ein Erfahrungsbericht

Auf dem Blog Das eigensinnige Kind unternimmt Wolfram Ette den Versuch, das gleichnamige Märchen der Brüder Grimm durch ein Verfahren der Kollektion und Konstellation kollaborativer Interpretation zu erkunden. Das Verfahren soll dem Gegenstand angemessen sein. Denn auch Märchen sind, wie Blogs, ein Produkt kollektiver Autorschaft. Der erste Eintrag beschäftigt sich mit dem Urvertrauen, dessen Fehlen ein Phänomen sei, dem sich auch ein Ausbleiben revolutionärer Zuversicht verdankt:

Keine Revolution ohne Urvertrauen. Der Mangel an Urvertrauen begleitet die deutsche Geschichte, und von diesem Mangel als einer kollektiven Krankheit erzählt »Das eigensinnige Kind«, das den Eigensinn in Zerstörung und Selbstzerstörung münden lässt.

Nachdem ich diese Zeilen las, kam mir Kluges Der lange Marsch des Urvertrauens aus seiner Chronik der Gefühle (Suhrkamp, Frankfurt/M. 2000)  in den Sinn. Kluge beschreibt dort das Urvertrauen als eine anti-realistische Mitgift jedes Lebewesens, die es mit einer existenzfördernden Illusionsfähigkeit, einem Eigensinn ausstattet, durch den es sich, trotz der Unbarmherzigkeit der Welt, nicht ohnmächtig fühlen muss:

das ist so wie in der Musik, eine gute Dissonanz ist ja etwas sehr starkes. Und diese Dissonanz […] ist […] eines der besten Musikstücke der Welt, ein Musikstück der Evolution sozusagen, dem wir da zuhören können und nicht nur zuhören, sondern wir machen diese Musik ja.

Diese Dissonanz hält das Leben offen für seinen Eigensinn. Und aus der Begegnung des Eigensinns mit dem Zufall können Überraschungen entstehen, die das Urvertrauen bestärken. Eine Gestalt solcher Überraschungen ist die Serendipität. Als ich nun – noch vom ganz Echo dieser Dissonanz erfüllt – mich dem Eigensinn meiner Twitter-Timeline zuwendete, setzte Klaus Kusanowsky gerade einen Tweet ab, angesichts dessen mir die Rekontextualisierung eines Zitats aus Kluges Text angebracht schien, woraufhin sich folgende, kleine Konversation entspann: (mehr …)

Read Full Post »

Es klingt wie im Science-Fiction-Film, aber es wird demnächst Realität: Ende 2013 sollen die ersten Google Glasses auf den Markt kommen und eine neue Area des wearable computing einleiten.

Allerdings formiert sich Widerstand gegen eine Technologie, die als fantastischer Freizeitspaß vermarktet wird. Für die Protestgruppe Stop the Cyborgs stellt die neue Technik ein ernsthaftes Problem für die Zivilgesellschaft und den Schutz der Privatsphäre dar. Grund genug, sich das Szenario einer durchtechnisierten Welt anzuschauen.

Google Glass – Der Blick in die „erweiterte Realität“

Seit Jahren tüftelt Google an einer Hightech-Brille, die Informationen aus dem Internet direkt in die Alltagswelt des Brillenträgers überträgt und seine Wahrnehmung erweitern soll (augmented reality).

Griff man bei Städtetouren früher auf Reiseführer oder auf sein Smartphone zurück, um Informationen zu Gebäuden oder Denkmälern zu erhalten, so projiziert Google Glass solche Daten direkt auf die Netzhaut des Auges. Im Blickfeld des Trägers blendet sich ein Kästchen mit den gewünschten Informationen ein, die gelesen werden, während man vor dem Gebäude steht. Wie das funktioniert? Per Spracherkennung. Fährt man beispielsweise über die Brooklyn Bridge und fragt: „How long is this Brigde?“, gibt die Brille die Antwort.Funktionsumfang-von-Google-Glass-745x559-ede57612e9bc1fb7

(mehr …)

Read Full Post »

Als im Frühjahr letzten Jahres die Plagiatsdebatte im Fall Guttenberg zu einem Aufstand im Elfenbeinturm führte, erhofften sich einige Beobachter und Kritiker davon die Geburt einer neuen vernetzten Öffentlichkeit. Was man sich davon erwarten durfte, blieb zunächst unklar. Heute wissen wir, dass seither zumindest die Zahl der Plagiatsjäger-Wikis stark zugenommen hat, die bereits einigen Politikern und Professoren das Amt gekostet haben. Wenn die Dissertation der Bildungsministerin nun in Verdacht steht, eine betrügerische Anmaßung zu sein, so herrscht im Fall Schavan – anders als bei Guttenberg – eher Zurückhaltung in der akademischen Welt. Neben den obligatorischen Beweisaufnahmen und Rücktrittsforderungen lassen sich  vermehrt Zweifel vernehmen, ob es sich bei Schavans Doktorarbeit tatsächlich um ein zu ahndendes Plagiat handelt.

Die Politik des Plagiats und das Bauernopfer

So sieht es für Tobias Bunde, einen der Autoren des offenen Briefes von Doktoranden an die Bundeskanzlerin in der Causa Guttenberg so aus, „als hätte Schavan zwar unsauber gearbeitet und nicht korrekt zitiert, aber Guttenbergs Arbeit war eine Collage aus fremden Ideen, das kann man nicht vergleichen.“ Die spürbare Zurückhaltung zeugt damit weniger davon, dass man nach all den Plagiatsskandalen schlicht „abgestumpft“ sei, sondern vielmehr von einem wachsenden Unbehagen an dem, was Frieder Vogelmann heute auf dem theorieblog als die „Politik des Plagiats“ beschreibt. Deren Konsequenz besteht, zugespitzt formuliert, darin: Würde man die Maßstäbe und Implikationen, mit den die Plagiatsjäger arbeiten, tatsächlich zur Norm erheben, wäre wissenschaftliche Arbeit bald nicht mehr vorstellbar.

Bezeichnend für die Problematik ist der spezifische Plagiatsvorwurf im Fall Schavans. Während es zunächst hieß, sie habe heimlich bei sich selbst abgeschrieben, d.h. einen früheren Aufsatz von sich zweitverwertet, beläuft sich der stärkste Anklagepunkt inzwischen auf eine Häufung sogenannter Bauernopfer. Damit wird ein Plagiatstyp bezeichnet, der darin besteht, dass man einen Autor zunächst korrekt zitiert, um dann den Rest des konsultierten Textes zu paraphrasieren, ohne dies kenntlich zum machen. Typischerweise werden dann die Quellen der Quelle so zitiert, als hätte man sie selbst gelesen. Das heißt, man zitiert nur Zitate, verschleiert aber den Weg, wie man an sie gelangt ist und erweckt so den Eindruck einer selbständigen Aneignung und Kenntnis der angegebenen Primärquellen.

Intertextualität und Geschreibe

Was in der Literatur unter dem Begriff der Intertextualität gefasst wurde (Julia Kristeva: „Jeder Text baut sich als Mosaik von Zitaten auf, jeder Text ist Absorption und Transformation eines anderen Textes“), wird in der Wissenschaft problematisch oder gar justiziabel, sofern man die entsprechenden Referenzen nicht kenntlich macht. In letzter Konsequenz müsste dies entweder zu einer Apotheose der Fußnote führen, die eine groteske Inflation aller Nachweise dessen nach sich zöge, worauf man keine Urheberschaft beanspruchen kann; oder zu dem, was sich mit Adorno als die Professionalisierung der Halbbildung bezeichnen lässt. Die Steigerung von letzterem ist die akademische Institutionalisierung dessen, was Heidegger das „Geschreibe“ nennt:

Gemäß der durchschnittlichen Verständlichkeit […] kann die mitgeteilte Rede weitgehend verstanden werden, ohne dass sich der Hörende in ein ursprünglich verstehendes Sein zum Worüber der Rede bringt. […] Das Geredete als solches zieht weitere Kreise und übernimmt autoritativen Charakter. […] In solchem Nach- und Weiterreden […] konstituiert sich das Gerede. Und zwar bleibt dieses nicht eingeschränkt auf das lautliche Nachreden, sondern breitet sich aus im Geschriebenen als das „Geschreibe“. Das Nachreden gründet hier nicht so sehr in einem Hörensagen. Es speist sich aus dem Angelesenen. Das durchschnittliche Verständnis des Lesers wird nie entscheiden können, was ursprünglich geschöpft und errungen und was nachgeredet ist. […] Hierzu bedarf es nicht einer Absicht der Täuschung. (Sein und Zeit, §. 35) (mehr …)

Read Full Post »

Older Posts »