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Posts Tagged ‘Kultur’

Nun, da die Wahl hierzulande ganz anagrammatisch zu einem Schlund-Date wurde (mehr zu Anagrammen auf Wikipedia), fiel mir wieder ein, dass ich mich im Juni auf amüsantere Art mit dem Land beschäftigt habe, in dem ich lebe.

Auf dem Weg zu einem Workshop mit dem Titel »Versfuß mit Pferdefuß« lautete eine der Aufgaben zur spielerischen Vorbereitung eigentlich, ein Anagramm-Gedicht aus dem Wort »Deutschland« zu machen. Im Zug hatte ich jedoch weder eine Schere zum Ausschneiden und Verschieben von Buchstaben dabei, noch war die Internetverbindung im Niemandsland zwischen Spandau und Braunschweig gut genug, einen der verfügbaren Online-Anagramm-Rechner zu verwenden. Der Anagramm-Generator auf sibiller.de hätte mir beispielsweise unter anderem folgende Gedichtzeilen ausgespuckt:

DEUTSCHLAND
SCHALTEND DU
STACHELND DU
LATSCHEND DU

Also vertrieb ich mir die Reisezeit stattdessen mit dem Verfassen von Akrosticha über unser Land. Eines hatte tatsächlich schon mit der bevorstehenden Wahl zu tun, geisterte mir doch noch die morgendliche Radionachricht durch den Kopf, dass eine große Partei sich gerade für einen Wahlspruch mit zugehörigem Twitter-Hashtag entschieden habe. Das ergab in meiner Fingerübung dann Folgendes: (mehr …)

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»Darf ich fragen, was Sie da lesen?«, will mein Sitznachbar im Kinosaal des Palazzo delle Esposizioni in Rom wissen, wo derzeit kostenlos Filme aus den 1970er Jahren gezeigt werden. »Der Titel ist ja eher verstörend, dabei ist das doch eine ganz vernünftige Autorin. Kennen Sie sie?« Der ältere Herr wirkt beunruhigt.

Buchcover von Elena Loewenthal: Contro il giorno della memoriaJa, ich habe einige Romane von Elena Loewenthal, der italienischen Autorin und Dozentin für Jüdische Studien in Mailand, gelesen. Doch ihre Streitschrift Contro il Giorno della Memoria (Gegen den Holocaust-Gedenktag) habe ich eben erst in der Buchhandlung entdeckt. Bis der Film beginnt lese ich gerade die Einleitung: Sie wolle keinesfalls eine Polemik starten. Sie begründet ihr Plädoyer für das Vergessen und ihre Ansicht, dass Erinnern nichts bringt, dass es allein dem Zufall zu verdanken sei, wenn sich die Geschichte nicht wiederhole, mit ihrer persönlichen Erfahrung: Die Erinnerung an die Shoah sei für sie ohnehin ständig präsent, man könne ihr gar nicht entgehen, so sehr man es sich wünscht. Insbesondere scheint sie an der gegenwärtigen Form des Gedenkens erstens zu stören, dass der Gedenktag immer mehr zum »Event« wird, jedes Jahr etwas Neues, das Vorjahr noch Übertreffendes, veranstaltet werden müsse. Zweitens werde er missverstanden: Statt die Shoah als Teil der eigenen, italienischen Geschichte zu begreifen, werde das Gedenken als eine Art Hommage an die Juden externalisiert und das wiederum als eine Art der Wiedergutmachung empfunden, so dass manche aufgrund vermeintlicher Undankbarkeit seitens der Juden an diesem Tag sich gar besonders legitimiert sehen, antisemitische Polemiken loszulassen.  (mehr …)

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Am Donnerstag und Freitag wurde auf der Tagung „Zugang gestalten“ im Jüdischen Museum Berlin über Verantwortung für den und Probleme mit dem Zugang zum kulturellen Erbe im digitalen Zeitalter diskutiert.

Pastoral ging es los und mensch fragte sich, ob das kulturelle Erbe so viele rhetorische Kunstpausen braucht, wie Dr. Klimpel sie einstreute. Hängt das damit zusammen, dass ihm als Junge in der Stadtbücherei niemand Gratismentalität vorgeworfen hat? Mit dem gesponsorten Mate-Drink und den Twitterkommentaren vor sich, sah mensch dem Tag aber trotzdem gespannt entgegen …

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Meine Wahl

begann heute morgen damit, rot links liegen zu lassen und schwarz zu folgen: solange, bis es mit schwarz nur noch abwärts ging…
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Da war ich aber noch längst nicht dort angelangt, wo ich eigentlich hinwollte. Also habe ich gelb eine Chance gegeben, mich ein Stück zu begleiten. Das hat einige Zeit auch ganz gut funktioniert. Aber plötzlich ging es weder mit schwarz, rot, gelb, noch mit blau – ja, noch nicht einmal mit grün
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(was im Wald erstaunlich selten anzutreffen war!) weiter.

Die Farben-Wahl war gescheitert – eine Alternative musste her, aber welche? Die Auswahl war nicht gerade gering:

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und als ob diese Möglichkeiten nicht schon genügt hätten, gabelten sich die Wege immer in mindestens 3 Richtungen, versehen mit stets neuen Wegmarkierungen (aber nur selten mit Ortsangaben):

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An klare  (rot oder weiß oder rot-weiß-rot etc.) bzw. gar keine Wegmarkierungen (stattdessen: Steinmännchen) im (Hoch)Gebirge gewöhnt, schien es, dass ich an der Farben- und Symbolpracht der Nassauischen Schweiz scheitern sollte – keine 600m ü. NN! Das konnte nicht sein.

Ich beschloss, den Waldbewohnern mehr zu vertrauen, als den vermeintlich eindeutigen Hinweisen auf architektonische Meisterleistungen und folgte von nun an dem Wildschwein

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 Paradox, vielleicht, war ich doch auf dem Weg zu einem Tempel im Taunus, der mir umso geheimnisvoller vorkam, je länger sich die Suche nach ihm gestaltete… Zwei Stunden später allerdings und etliche Kilometer weiter (nicht zuletzt ‚dank‘ einer Schleife, als ich vorübergehend die Wildschweinfährte verloren hatte) durfte ich erleichtert feststellen:

Das anfängliche Wahl-Dilemma hatte doch noch ein gutes Ende gefunden. Deshalb kann ich nur allen empfehlen: Folge dem Wildschwein und es führt dich zum Tempel!

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»A… Stopp!«, halte ich mein innerliches »Aber« an, das zu einer Grundsatzdiskussion anheben will. Schließlich bin ich doch übers Wochenende aufs Land gefahren, um mich zu erholen. Den Kopf aus- und ein paar Muskeln anspannen, damit für die Herausforderungen der nächsten Monate wieder Energie da ist.

Blick durch Blattwerk auf einen klaren SeeIch bleibe also entspannt, was mich aber nicht daran hindert, mich zu wundern. Offenbar bewege ich mich in der Stadt üblicherweise in so weit ‚aufgeklärten‘ Kreisen, dass die mir hier auf dem Land entgegenprallenden stereotypen Erwartungen an ’normale‘ Arbeitsteilung der Geschlechter wie aus einer anderen Zeit zu kommen scheinen. In der Stadt wurde meine männliche Begleitung jedenfalls noch nie per Handschlag dafür bedauert, kein Taschengeld zu bekommen, nur weil ich den Eintritt für beide zahle.

Auch der Humor des jungen und mit guter Stimme ausgestatteten Musikers in einem anderen Etablissement hier auf dem Land baut relativ einseitig auf Männer-Frauen-Witzen auf. (mehr …)

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Dieses Buch kann man nicht rezensieren. Man kann es nur zitieren. Denn alles, was man beim Lesen über das Buch denkt, artikuliert es kurz darauf selbst.

„Gerald Linds literarisches Debüt Zerstörung ist, die Terminologie des Textes aufgreifend, ein Phallogozentrismus auto(r)erotischer Art, eine gut geölte Selbstauratisierungs- und -inszenierungsmaschine, eine Galerie des megalomanischen Self-Making, ausschließlich bestückt mit autohagiographischen Texten, das eigenikonographierte Portrait of the Academic as Angry Young Artist, ein Anti-Entwicklungsroman mit sich verlaufendem Handlungsbogen.“

Blaues Buchcover von Gerald Lind: Zerstörung, mit einer 13 darauf.

Buchcover © Neofelis Verlag

So charakterisiert die „Patentrezension“, die das Buch im „Appendix I“ gleich mitliefert, das Romandebüt des promovierten Österreichers. Vom Verlag als „Roman“ verkauft, steht im Buch selbst: „Ich scheiße auf einen Untertitel. Ich scheiße auf eine gattungspoetische Deklaration.“ Ein Benennungsvorschlag für die Textsorte findet sich dann in einer Fußnote der „I. Hauptrede“, die in Form einer Seminararbeit über den Roman Zerstörung von Gerald Lind verfasst ist: Es handelt sich ihr zufolge um einen „intratextuelle[n] Paratext“. Da der Text zum Paratext nicht existiert bzw. beide in eins fallen, tragen mit Kürzeln belegte Zitate aus dem in den Hauptreden analysierten Roman Zerstörung (wenn sie nicht aus einem anderen Teil des Buches übernommen sind) die Seitenzahl der Seite, auf der sie zitiert werden. Der „Themenkomplex Literatur und/als wissenschaftliches Schreiben“, um den und in dem der ‚Roman‘ somit kreist, wird natürlich ebenfalls vom Autor selbst benannt (S. 69) und ausführlicher beschrieben (S. 109 f.).

Dieser Exorzismus eines promovierten Germanisten und Kulturwissenschaftlers, der das aufgesogene Wissen durch Zerstörung wieder loswerden, aus dem Denk- und Schreibgefängnis der Wissenschaft ausbrechen will, um literarisch schreiben zu können, fing nach Aussage des Autors auf der Rückfahrt von einer Konferenz an, wo er alles listete, was ihn nervt: (mehr …)

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Der Philosophiehistoriker Stefan Heßbrüggen hat in einem Beitrag auf carta.info versucht, die neue „Ergänzung der Empfehlung der Deutschen Forschungsgemeinschaft DFG zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis“ (PDF) so zu verstehen, „dass ich die Tragweite und den Anwendungsbereich dieser Norm verstehe. Um es vorwegzunehmen: dieser Versuch wird scheitern.“

Die bereits kontrovers diskutierte „Empfehlung 17“ richtet sich auf den Umgang mit Hinweisen auf wissenschaftliches Fehlverhalten durch akademische Whistleblower, die sich nun unter Umständen selbst des wissenschaftlichen Fehlverhaltens strafbar machen können. Heßbrüggen zeigt die weitreichenden Komplikationen und Probleme auf, die diese Regelung mit sich bringt und kommt zu dem Schluss:

Die DFG hat […] eine in ihrem Geltungsbereich unklare, in ihren Zielen widersprüchliche und in ihren Folgen schädliche Empfehlung verabschiedet, die nicht nur das Verhältnis von Wissenschaft und Öffentlichkeit, sondern auch die Öffentlichkeit der Wissenschaft selbst schwer beschädigt.

In einem Beitrag auf seinem Blog differentia bemerkt Klaus Kusanowsky im Hinblick auf die umstrittene Empfehlung:

dass eigentlich die Bürokratie als staatlich legitimiertes Verfahren der Exklusion von Personen das Problem ist und nicht die Relevanz des Wissens. […] War ehedem die Gewinnung sicheren Wissens die Aufgabe wissenschaftlicher Methoden, so scheitert die Wissenschaft heute daran, dass sie für die Verteidung von Reputationssicherheit keine geeigneten Methoden hat.

Der Ausweg könnte sein, eine Wissenschaft ohne Bürokratie zu finden.

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