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Posts Tagged ‘Kurzgeschichte’

In einigen Instituten wird man als Doktorand für die eigene psychische und psychologische Situation während der Promotionsphase sensibilisiert.

„Achten Sie auf Ihre Auszeiten“, riet uns die Mentorin eindringlich, als ich mit anderen Doktoranden an einem Kurs teilnahm, der uns helfen sollte, ein Bewusstsein für unsere Arbeitsweise und den ‚Lebensabschnitt Promotion’ zu bekommen.

„Drei Jahre sind eine lange Zeit. Wenn Sie da sieben Tage die Woche vierundzwanzig Stunden lang arbeiten wollen, werden Sie das nicht lange durchhalten.“ Sie sah uns eindringlich an und ergänzte: „Depressionen sind – zu irgendeinem Zeitpunkt – eher die Regel als die Ausnahme.“

Alle lachten. Es fühlte sich jeder jung und motiviert, kraftvoll und intelligent sowieso. Aber die Mentorin wurde ernst und sagte in einer Art bedrohlicher Prophezeiung: „Sie lachen. Noch. Lassen Sie erstmal zwei Jahre vergehen, dann verstehen Sie, was ich meine.“ Da lachte keiner mehr.

So etwas bekamen wir also am Anfang gesagt, und ich weiß nicht, wie es den anderen ging, aber ich für meinen Teil habe es ziemlich schnell wieder vergessen.

***

Am Ende ist dann folgendes passiert: Es begann zu schneien und das neue Jahr hatte begonnen. Jahreswechsel sind immer ein guter Grund für Depressionen, sagt die Schwester meiner Oma.

Da frage man sich, was man eigentlich alles geschafft habe, was man also alles nicht geschafft habe und wann man das bitte schön im nächsten Jahr schaffen soll, und warum eigentlich schon wieder.

Die Schwester meiner Oma spricht dann in der Regel vom Fensterputzen. Das ist ihr schon schwer gefallen, nachdem sie achtzig geworden war und danach wurde es nicht besser.

Ich sitze meistens, wenn sie so etwas erzählt, bei meiner Oma auf der Couch, nippe an einer Tasse lauwarmen Kaffees und stimme der Schwester meiner Oma zu, die jetzt zweiundachtzig ist. „Hm“, sage ich, „das ist schon ein Problem.“

Ich überlege, ob ich ihr anbieten sollte, die Fenster zu putzen, aber dann frage ich mich, wann ich dazu eigentlich Zeit finden soll und was passiert, wenn meine eigene Oma vielleicht auch noch …

Ich sage dann ein wenig beschämt: „Warum holst Du Dir denn keinen, der es für Dich macht? Es gibt da so Agenturen …“
„Pappalapapp“, fährt die Schwester meiner Oma auf, „wo denkst Du hin! Weißt Du, was das kostet? Na, die Fenster, das schaff ich schon noch allein. Wenn es dabei nur bliebe …“

Meistens verabschiedet sich die Schwester meiner Oma im Anschluss an solche Gespräche von uns und tritt aufgeregt und schwerfällig den Heimweg an. Es warten noch die Apfelstückchen, die sie einkochen muss, und die Freundin ihres Enkels bringt das Urenkelchen vorbei, das doch so gern Schokoladenpudding isst, weswegen sie noch einmal in den Edeka müsse, und das alles bei dem Schnee …

„Eine alte Frau ist kein D-Zug“, lacht sie, winkt ab, „ach na ja“, und verlässt uns unter feuchten Küssen.
Das ist mein Zeichen. „Du, ich muss los“, sage ich mit einem Blick auf die Uhr. „Tut mir leid.“ – „Schon gut“, antwortet meine Oma und streicht mir zärtlich übers Haar.
„Bis bald!“ rufe ich und renne, schon etwas verspätet, in die Universität.

***

Zwei Tage später lag ich mit einer Depression im Bett. Ich war, als ich in die Universität aufbrach und anschließend zu meiner Oma und später wieder ins Institut lief, dermaßen in Eile gewesen, dass ich, obwohl ich ständig überlegt hatte, was ich noch alles erledigen müsse, meine Stiefel nicht gefunden hatte.

Gedankenlos griff ich die nächsten besten, die mir in den Weg kamen. Nach zehn Minuten im Schnee hatte ich nasse Füße.

Als ich mit der Erkältung im Bett lag, konnte ich mich nicht entspannen. Beständig dachte ich daran, was ich noch alles zu erledigen hätte und wann ich das jemals schaffen sollte, wenn ich jetzt nicht in der Lage dazu war.

Verschwitzt und verschnupft imaginierte ich einen überdimensionalen Terminkalender, der die Zeit schluckte und mich schließlich mit Haut und Haaren verschlang.

Im Traum trat Aristoteles zu mir und blätterte in einem Jahrtausende umfassenden Terminkalender. Er sagte: „Entschuldigen Sie bitte, wir haben unsere Diskussion über das Problem der Wahrscheinlichkeit noch nicht zu Ende geführt. Ich fürchte allerdings, es gibt da ein Zeitproblem, für das ich mich herzlich entschuldigen möchte.“

Er räusperte sich verlegen. Ich hatte das Gefühl, er wollte mir eine unangenehme Frage stellen.

„Mein Lehrer Platon hat mir gesteckt“, fing er umständlich an, „dass meine Schriften und damit auch meine Überlegungen zu diesem Problem demnächst verloren gehen werden. Man wird sie erst, warten Sie –“, er blätterte im Kalender, „na ja, ich würde sagen, man wird sie erst in circa eintausend Jahren wieder finden.“ Er sah mich entschuldigend an. „So gesehen macht es wenig Sinn, unsere Diskussion jetzt fortzuführen.“

Ich schaute erstaunt in sein Gesicht. Er lächelte milde: „Hätten Sie etwas dagegen, wenn wir unser Gespräch vertagen? Es wäre mir angenehmer, wenn wir einen Termin, sagen wir in tausend Jahren finden könnten, vielleicht Mitte oder Ende des fünfzehnten Jahrhunderts.“

Das war also die heikle Frage. „Oder besser noch ein Jahrhundert später?“ fügte er unschlüssig hinzu.

Ich zog ebenfalls meinen Kalender hervor und blätterte. „Wie wäre es im Jahr 1610?“ fragte ich.
Er nickte erleichtert: „Ja, sehr gut. Dann kann zwar mein Freund Torquato Tasso nicht mehr dabei sein, aber das macht nichts. Sagen wir also 1610, Ende Januar, vielleicht der neunundzwanzigste? Dreizehn Uhr, wie gehabt?“

„Ja“, stimmte ich zu. „Das passt mir gut.“
„Wunderbar. Haben Sie vielen Dank für Ihr Verständnis!“ Aristoteles gab mir höflich die Hand. Wir verabschiedeten uns voneinander und freuten uns auf das Wiedersehen.

***

Als ich erwachte, erschien mir das Problem der Wahrscheinlichkeit in einer neuen diachronen Perspektive: von der Antike, über die italienische Renaissance bis ins 19. Jahrhundert.

„Wie interessant“, dachte ich und kritzelte eine Notiz auf einen Zettel neben meinem Bett. „Dem werde ich nachgehen, wenn ich wieder gesund bin.“

Damit drehte ich mich um und dachte plötzlich an den Einführungskurs. Dass man am Ende eine Depression bekommt, weil man drei Tage mit einer Erkältung im Bett liegt, hatte ich mir damals nicht vorstellen können.

„Wenn de Minsch to tiedig in ‘n Dau geiht, denn het he den ganzen Dag natt Föt“, hätte meine Oma vielleicht gesagt, wenn der Mensch zu zeitig in den Tau geht, hat er den ganzen Tag nasse Füße.

Leider hören die Sprichwörter an der wichtigen Stelle immer auf – was macht man denn, wenn man die nassen Füße hat? Ich schnupfte und dachte an den Rat der Mentorin: „Nehmen Sie sich Ihre Auszeit!“

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Halb versunken saß sie mit übereinander geschlagenen Beinen in einem alten schäbigen Sessel. Die Veranstaltung sollte gleich beginnen, sie wartete. Ihr Rock war sicherlich nicht kurz, doch die unbequeme Sitzhaltung hatte ihn höher rutschen lassen, als einem das hätte lieb sein sollen.

Gezwängt, doch störrisch um Haltung ringend, lümmelte sie auf dem Podium, vor ihr ein zur Hälfte gefüllter Saal. Theatralisch – oder war es die Nervosität? – fuhr sie immerfort durch ihr wasserstoffblondgefärbtes Haar, das von den Jahrzehnten einer Kaltwelle zerstört worden war. „Kann es losgehen?“, fragte sie mit leicht krächzender Stimme in das Mikrophon. Ein unangenehmes Fiepen zerschnitt den Raum. Erschrocken sah sie das Mikrofon an, dann den Techniker. Der gab ein Zeichen, sie soll den Abstand zwischen sich und dem Toneingang beachten. „Ach ja“, kicherte sie und warf mit einem zustimmenden Lächeln den Kopf zur Seite, so dass ihr das Haar ins Gesicht sprang. Sie wirkte irgendwie gestört.

Ich hatte keine Erwartungen an diesen „Abend der nächtlichen Wissenschaft“ – es war eine neue Reihe in unserem Club und alle meine Freunde gingen hin. Es würde Buchpräsentationen geben und Diskussionen, wissenschaftlich alles irgendwie, aber auch mit viel Wein und Zigarettenrauch. Ein selbstredend „schönes Konzept“, das sagten alle – bis ich eben dort saß und diese Frau sah. Das konnte doch nur peinlich werden. Aber gut, warum denn nicht?

Der Saal füllte sich, und es traten der Ko-Moderator und der Referent auf die Bühne. Der Referent war ein älterer, eher schüchtern und sehr kultiviert wirkender Herr in einem Jackett mit Ellenbogenflicken, der heute eine seiner vielen Publikationen vorstellte. Alle drei Personen auf der Bühne trugen Professorentitel, obwohl man ihnen das, ehrlich gesagt, nicht ansah, aber so stand es im Programm.

„Ja, also …“, hub die Dame an und verdrehte die Augen. „Wir begrüßen Sie sehr herzlich, Herr Selter, schön dass Sie kommen konnten.“ Die Floskeln gingen dem Ko-Moderator zu schleppend voran. Er wollte direkt zur Sache kommen und stellte die erste provokante Frage: „Was glauben Sie eigentlich, Herr Selter, warum man Ihr Buch lesen und dafür auch noch Geld bezahlen sollte?“

Der Referent schwieg betreten. Man sah ihm an, dass er nach der Begrüßung eine andere Frage erwartet hatte.

Die Moderatorin sah ungläubig auf den Gast, dann ins Publikum, dann ergriff sie für den Referenten das Wort: „Er behauptet ja gar nicht, dass man es lesen soll, nicht wahr, Herr Selter? Wir sind es doch, die denken, man sollte es mal gelesen haben.“ Sie zwinkerte den Gast aufmunternd an: „Aber warum eigentlich?“

Der Referent hatte sich gesammelt: „Also wissen Sie …“, hub er an.

Doch bevor er antworten konnte, hatte sich der Ko-Moderator schon wieder zu Wort gemeldet: „Da möchte ich Ihnen mal eine Stelle nennen, die ich überhaupt nicht verstanden habe. Vielleicht können Sie uns die erklären?“

Er blätterte im Buch. „Hier schreiben Sie also auf Seite 372 … Nicht genug, dass die moderne Gesellschaft mit turbokapitalistischen Verfallserscheinungen zu kämpfen hat – Sie behaupten hier geradezu, die Jugend brauche eine neue autoritäre Führung, eine – wie schreiben Sie hier? – eine »verkörperlichte, sinnlich erfahrbare, Normen und Werte verkörpernde Autoritätsinstanz, die wieder sensibilisiert für scheinbar ausgediente Modelle der Humanität«, Seite 372. Das war ein Zitat.“ Der Moderator tippte auf die Seite.

Ich sah meinen Begleiter verständnislos von der Seite an. Wo war das Zitat gewesen? Er schien es auch nicht einordnen zu können.

Die Dame begann zu kichern. Der Referent sah sie bestürzt an. Sie fuhr flatterig mit der Hand durchs Haar und sagte: „Entschuldigen Sie, dass wir gleich ans Eingemachte gehen, aber wenn wir jetzt schon so weit sind …“ Sie sah für eine Sekunde fragend ins Publikum, wandte sich wieder an das Plenum und sagte zum Referenten mit einer unvermuteten Kälte: „Das ist eine Stelle, die tatsächlich auch mich mehr als stutzig gemacht hat. Was hat man sich eigentlich unter einer verkörperlichten Autoritätsinstanz vorzustellen? Woher leiten Sie diese Autorität ab, was – – “

„Soll das etwa ein neuer Hitler sein?“  kam es gereizt vom Ko-Moderator.

Der Referent schaute nach links zur Moderatorin, nach rechts zum Ko-Moderator, beide in ihre mächtigen Sesseln gedrungen, er selbst konnte sich seinerseits kaum rühren in diesem Sitz-Ungetüm. Die beiden Gastgeber sahen auf ihn, die Mikrophone schon leicht in der Hand schlagend und Antworten fordernd.

„Hören Sie“, rang der Referent um Worte, „ich bin Sozialwissenschaftler … ich habe in der Frankfurter Schule …“, mit einem Ruck stieß er sich einige Zentimeter aus den Tiefen des Sessels hervor und schaute den Moderator voll tosender Empörung an: „Sie wollen mir doch nicht im Ernst unterstellen, ich argumentierte für einen, wie Sie so lapidar meinen, wie Sie so bodenlos, ich wiederhole bo-den-los! daherplappern – für einen neuen Hitler – Ich weiß gar nicht, wo Ihr Verstand ist – Sie – – – “

„Bitte erklären Sie`s uns, wenn`s nicht so ist“, forderte der Ko-Moderator kühl und schaute ihn angriffslustig an. „Sie müssen gestehen, Herr Selters“ –

„Selter“, parierte der Referent.

„Pardon, natürlich“, entschuldigte sich der Ko-Moderator knapp. „Sie müssen aber zugeben, Herr Selter, dass das, was Sie hier schreiben, nicht nur ungenau und in höchstem Grade irrational ist –  so wie wir Sie im übrigen gerade eben auch erleben durften – – Es ist, was Sie hier schreiben auch noch zutiefst gefährlich! Ich möchte fast sagen …“

Die Moderatorin bemerkte schon, dass sich ihr Kollege in Rage reden würde. Erneut versuchte sie den Referenten zu einer Antwort zu bewegen und den Moderator zu bremsen: „Gerd, nun lass ihn doch erst mal antworten …“.

„Jetzt lassen Sie mich doch erst einmal antworten“, forderte nun auch der Referent, das Stichpunkt der Moderatorin dankbar aufgreifend, mit hochrotem Kopf. „Wenn Sie mich nicht mal ausreden lassen, dann kann ich ja gleich wieder gehen – !“

„Dann antworten Sie mir doch bitte klar und deutlich auf meine Frage: Wie kann man heutzutage eigentlich noch verantworten, so etwas zu schreiben?“, fragte der Moderator mit Nachdruck.

Die Moderatorin kicherte wieder und flüsterte: „Und dafür Geld verlangen.“ Der Referent wurde blass.

„Wenn Sie mir in dieser Weise Fragen stellen, die gar keine Fragen sind, dann antworte ich nicht“, erwiderte er nun seinerseits störrisch. „Hören Sie, so wie Sie fragen, wissen Sie doch schon, was Sie hören wollen. Sie werden doch aber noch mir die Freiheit zugestehen, dass ich entscheide, was ich Ihnen antworten und was ich denken muss.“

„Wer hier von Freiheit spricht, fragt sich“, zischte der Ko-Moderator und nahm einen Schluck Rotwein aus seinem Glas.

Der Referent hob kapitulierend die Hände: „Ich denke, es hat wenig Sinn diese Diskussion fortzuführen. Was ist das für ein Gespräch, was ist das für eine Gesprächskultur? Ich muss schon sagen.“ Er wollte sich erheben und gehen.

Blitzschnell wandte sich die Moderatorin an ihn: „Also, um diese Gesprächskultur tatsächlich noch einmal in eine Kultur des Gesprächs zu überführen -“

„Ich habe also keine Gesprächskultur, Barbara?“, harkte sonor der Ko-Moderator nach.

Die Moderatorin schnalzte empört mit der Zunge, ignorierte diesen Einwand und blätterte stattdessen im Buch. Sie schlug eine Doppelseite auf: „Ich habe hier so hübsche Blumen-Abbildungen gefunden …“ Sie hielt das aufgeschlagene Buch zum Publikum, ohne dass die Abbildungen erkennbar wurden.

Dann fuhr sie fort: „Diese Blumenmetaphorik scheint mir wohl aus dem 19. Jahrhundert zu sein und ich würde gern noch mit Ihnen den gesellschaftspolitischen Bezug zur Wilhelminischen Zeit, sowie ihre Auswirkungen auf das 20. Jahrhundert besprechen …“

„Das sind die Anfänge einer floralen faschistoiden Sozio-Ökologie“, ließ sich der Ko-Moderator vernehmen, „die zarten Pflänzchen einer neuen autoritären Jugendkultur um 1900 …“

Der Referent erhob sich, „das lasse ich mir nicht länger bieten!“ Die Moderatorin zog ihn am Hosenbein „Herr Selter, seien Sie nicht gleich eingeschnappt, wir wollen doch nur diskutieren…“

Der Ko-Moderator lehnte sich zurück, lächelte süffisant dem Publikum zu und erklärte: „Wir sind hier eben nicht in Princeton – “, und als die Moderatorin vorschlug, wenn nicht über die floralen Abbildungen, so doch wenigstens über die Darstellungen auf Seite 507 zu sprechen, winkte der Ko-Moderator dem Kellner und bestellte ein weiteres Glas Wein.

Als ich später mit meinen Freunden nach Hause ging, sagten alle, es wäre ein cooler Abend gewesen, ein bisschen wie in einer Comedy-Show und dass man sich wirklich überlegen sollte, an der Uni zu bleiben. Wir lachten und sagten, das hätten wir von der Frau mit der Kaltwelle gar nicht gedacht, so mitzumischen. Obwohl sie auch irgendwie gestört wirkte.

„Und dann“, sagte noch jemand, „habt Ihr gesehen, dass ihr Rock hoch gerutscht war?“

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