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Posts Tagged ‘Laing’

Auf seinem Blog The Catjects Project hat Dirk Baecker heute, anlässlich des 90. Geburtstags von George Spencer-Brown, einen lesenswerten Artikel über die Philosophie des Mathematikers geschrieben, der im deutschsprachigen Raum vor allem durch Luhmann bekannt wurde. Neben einer kurzen Einführung in die Logik seines „Formkalküls“ gibt Baeckers Text auch einige interessante biographische Details und Anekdoten zu besten, beginnend mit einer Kindheitserinnerung des jungen George Spencer Browns:

Im Alter von vier Jahren zerstört George jeden Abend ein Spinnennetz, das in einem Busch vor seinem Fenster hing. In aller Frühe steht er auf, um die Spinne dabei beobachten zu können, wie sie dieses Netz wieder neu spann. Jeden Morgen kommt er zu spät. Das Netz ist jedes Mal längst wieder gebaut. Er will wissen, wie es die Spinne schafft, einen horizontalen Faden zu spinnen. Und er wusste bereits, so erzählt er später, dass man eine Form zerstören muss, wenn man herausfinden will, wie sie zustande kommt.

Beruht Spencer-Browns Logik darauf, immer die „Rückseite“ von Unterscheidungen mitzudenken, also den Einschluss des Ausgeschlossenen, und damit auch den Wiedereintritt des Unterschiedenen in die Form der Unterscheidung (re-entry), so könnte man diese Erinnnerung als einen re-entry des Destruktiven ins Unbewusste des vernetzten Denkens interpretieren. Beruht dieses auf der universalisierenden Anstrengung, alles in Formen strukturierter Konnektivität, also auch das Nicht-Vernetzte nur als Noch-nicht-Verknüpftes zu denken, so manifestiert sich in der De-struktion des Spinnennetzes auch zugleich eine Destruktion der Denkfigur. Der Stock, der durch die Webe fährt, nimmt den Spinnenfäden noch den letzten Schein, den das Kalkül der Konnektivtät auf die Fangvorrichtung wirft. Spinnennetze haben keine Knoten.

Bemerkenswerter Weise berichtet Baecker kurz darauf von der Beziehung Spencer-Browns zu dem schottischen Psychiater Ronald D. Laing, einem Gründer der anti-psychiatrischen Bewegung. Seinem Buch Knots (1970) scheine der Mathematiker viel zu verdanken. Seine Meditation über die „Knoten“ menschlicher Beziehungen beginnt Laing – nach einem fast schopenhauer’schen Innuendo über „these webs of maya“ – mit den bemerkenswerten Versen:

They are playing a game. They are playing at not
playing a game. If I show them I see they are, I
shall break the rules and they will punish me.
I must play their game, of not seeing I see the game.

Es ist erstaunlich, wie es Laing gelingt, in diesen vier Versen die komplexe Verflechtung der Selbstreflexivität des Bewusstseins und der Selbstreferentialität sozialer Beziehungen zu einem Gespinst von Worten zu verdichten, die paradoxe Verwicklungen artikulieren sollen, von denen Laing in seiner Vorbemerkung sagt:

Words that come to mind to name them are: knots, tangles, fankles, impasses, disjunctions, whirligogs, binds.

To fankle ist ein schottischer Ausdruck für entangle, also das, was einem passiert, der (jemandem) ins Netz geht. Wenn Sozial-sein Verstrickt-sein ist, dann sind Laings Knots so etwas wie ein poetisches Strickmusterkompendium psychosozialer Verwicklungen, die im Schema der Konnektivität nicht aufgehen. Denn man kann sich aus solchen Vernetzungen nicht einfach ent-netzen. ‚Offline‘ gehen ist keine Option hier. Nachdem der kleine Spencer-Brown das Spinnennetz zerstört hatte, musste der juvenile Mathematiker jeden Morgen feststellen, dass es inzwischen wieder ’nachgewachsen‘ war. Er hätte auch versuchen können, die Spinne zu fangen. Aber dann hätte er nicht beobachten können, wie sie die Netze spinnt.

R. D. Laing in 1983, perusing the The Ashley Book of Knots (1944)

R. D. Laing (1983) konsultiert Ashleys Enzyklopädie der Knotenkunde (1944)

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