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Posts Tagged ‘Märchen’

Oder: Kann das Internet für die Wissenschaft mehr sein als eine erweiterte Bibliothek? Ein Erfahrungsbericht

Auf dem Blog Das eigensinnige Kind unternimmt Wolfram Ette den Versuch, das gleichnamige Märchen der Brüder Grimm durch ein Verfahren der Kollektion und Konstellation kollaborativer Interpretation zu erkunden. Das Verfahren soll dem Gegenstand angemessen sein. Denn auch Märchen sind, wie Blogs, ein Produkt kollektiver Autorschaft. Der erste Eintrag beschäftigt sich mit dem Urvertrauen, dessen Fehlen ein Phänomen sei, dem sich auch ein Ausbleiben revolutionärer Zuversicht verdankt:

Keine Revolution ohne Urvertrauen. Der Mangel an Urvertrauen begleitet die deutsche Geschichte, und von diesem Mangel als einer kollektiven Krankheit erzählt »Das eigensinnige Kind«, das den Eigensinn in Zerstörung und Selbstzerstörung münden lässt.

Nachdem ich diese Zeilen las, kam mir Kluges Der lange Marsch des Urvertrauens aus seiner Chronik der Gefühle (Suhrkamp, Frankfurt/M. 2000)  in den Sinn. Kluge beschreibt dort das Urvertrauen als eine anti-realistische Mitgift jedes Lebewesens, die es mit einer existenzfördernden Illusionsfähigkeit, einem Eigensinn ausstattet, durch den es sich, trotz der Unbarmherzigkeit der Welt, nicht ohnmächtig fühlen muss:

das ist so wie in der Musik, eine gute Dissonanz ist ja etwas sehr starkes. Und diese Dissonanz […] ist […] eines der besten Musikstücke der Welt, ein Musikstück der Evolution sozusagen, dem wir da zuhören können und nicht nur zuhören, sondern wir machen diese Musik ja.

Diese Dissonanz hält das Leben offen für seinen Eigensinn. Und aus der Begegnung des Eigensinns mit dem Zufall können Überraschungen entstehen, die das Urvertrauen bestärken. Eine Gestalt solcher Überraschungen ist die Serendipität. Als ich nun – noch vom ganz Echo dieser Dissonanz erfüllt – mich dem Eigensinn meiner Twitter-Timeline zuwendete, setzte Klaus Kusanowsky gerade einen Tweet ab, angesichts dessen mir die Rekontextualisierung eines Zitats aus Kluges Text angebracht schien, woraufhin sich folgende, kleine Konversation entspann: (mehr …)

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Hat man ein Ohr für die Metaphern öffentlicher Rhetorik, so wird einem aufgefallen sein, dass sich seit einiger Zeit eine besondere Phrase großer Beliebtheit erfreut: nämlich, dass man etwas „auf den Weg gebracht“ habe – oder jedenfalls gerade dabei ist, es zu tun. Fragt man sich nach den Gründen dieser Beliebtheit, so drängen sich vor allem zwei Erklärungen auf, von denen eine die Entfaltung der Metapher und die andere ihr Zusammenhang mit einer anderen ist. Das erste könnte man den Hänsel und Gretel Komplex, das zweite das Rotkäppchen Syndrom nennen.

Der Hänsel und Gretel Komplex

Achtet man auf die genauen Umstände, in denen die Metapher … auf den Weg bringen … Konjunktur hat, so sind dies in der Regel Situationen, in denen von komplexen Maßnahmen die Rede ist, die bestimmte Verbesserungen einleiten oder dringende Notlagen abwenden sollen. Bezeichnend ist, dass man nicht von beschlossen oder auch geregelt, sondern eben in dieser vorsichtigen Weise davon spricht, etwas auf den Weg gebracht zu haben. Damit soll gesagt werden, dass die in Rede stehende Sache noch nicht abgeschlossen ist und ihr Erfolg sich also erst in Zukunft wird einstellen können; dass man aber jedenfalls alles in seiner Macht Stehende zu ihrem Gelingen beigetragen habe. Was in der Regel mit der Bewältigung unangenehmer Dinge zu tun hat. Spricht man hingegen von etwas Erfreulichem, setzt die auch in der letzten WM populär gewordene Abschlussrhetorik ein (den Abschluss suchen …, zum Abschluss bringen …).

Hänsel und Gretel, Darstellung von Alexander Zick (1845 - 1907)

Fragt man sich in dessen, was das eigentlich für ein Weg sei, auf den die Sache nun geführt worden ist und warum sie bis zu ihm gebracht werden musste, nun aber offenbar selbständig weiterlaufen kann,  wann sie schließlich an ihrem Ziel ankomme und wo genau das Ziel überhaupt ist, und warum man sie nicht gleich dahin brachte, so fällt auf, dass davon nie die Rede ist, auch nicht im unmetaphorischen Sinne. Hauptsache, die Sache wird verabschiedet. So entspringt der phraseologischen Meditation alsbald der Verdacht, dass das Verschweigen System hat. Womöglich ist das Ziel, was man für die Sache ausgab, gar nicht das, wohin sie schlussendlich gelangen soll. (mehr …)

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