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Posts Tagged ‘Metapher’

Robert Menasse erzählt die EU als von Menschen gemacht – und deshalb tragikomisch

Foto der Spiegelung von Publikum und Bühne in der Glasdecke des AtriumsAls ich Unter den Linden in Berlin dieses repräsentative Atrium mit gewöhnungs­bedürftiger Akustik betrete, trauere ich ja doch ein wenig der intimen Atmosphäre im Buchhändler­keller nach, wo ich vor etlichen Jahren Robert Menasse bei seiner Lesung aus Ich kann jeder sagen lauschte und wo man von allen Plätzen jede Träne im Augenwinkel des Autors erkennen konnte. Aber natürlich sei ihm der Deutsche Buchpreis gegönnt, er hat ihn verdient! Und so gehe ich wenigstens in der literatur­interessierten Menge unter, als Robert Menasse zu Beginn erst einmal ein Foto von uns schießt. Er sei ja auf Facebook und weil er da nichts Persönliches schreibe, wisse er nie, was er reinstellen soll, also postet er Fotos seines „geliebten Publikums“.

Dann aber setzt er sich zu Moderator Thomas Böhm (von den „Literatur­agenten“ auf Radio 1) auf die Bühne und erzählt von der Entstehung seines Romans Die Hauptstadt bzw. vor allem von Brüssel und Europa. Vieles davon konnte man literarisch eingebettet schon bei der Lektüre seines Romans erfahren, in der Mündlichkeit hat es jedoch erneut seinen Reiz – insbesondere Menasses schön österreichische Aussprache von „Schwein“. (mehr …)

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11:00 Halle 3 West

Ein Häuflein Journalist_innen wartet geduldig 20 Minuten vor dem Raum „Apropos“, in dem eine Pressekonferenz zu „Urhebervertragsrecht in der Diskussion“ angekündigt war, bis sie zu dem Schluss kommt, dass diese wohl auch nicht c.t. anfängt, sondern ausfällt. Die verbleibende Zeit kann also mit Schlendern verbracht werden, denn langweilig wird es auf der Buchmesse nie. In Halle 5.1 kann man beispielsweise die Auswirkungen der Wirtschaftskrise in Italien sehen, nehmen doch die Stände der italienischen Verlage deutlich weniger Raum ein als die letzten Jahre. Nur der sizilianische Verleger von Andrea Camilleri hat seine Standgröße verdreifacht. Auf dem blauen Sofa vor Halle 5.1 sitzt die Buchpreisträgerin Ursula Krechel. Gefragt, was sie mit ihrem nun international wahrgenommenen Buch Landgericht für ein Bild vom heutigen Deutschland vermittele, antwortet sie: „Ich baue das Fundament ein bisschen um. Und durch den literarischen Blick auf einen Remigranten schärfe ich hoffentlich auch den Blick auf heutige Migranten.“ Auch die haben eigene Anliegen und Traumata, für die man sich interessieren sollte, statt immer nur Integration zu fordern. Integration in was für eine Gesellschaft eigentlich? Entsprechend dieser engagierten Worte schreibt Krechel auch als Lyrikerin „keine Gedichte über schönes Wetter“, wie sie selbst betont.

12:00 Halle 5.0 Weltempfang (mehr …)

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ApfelSchuld sein oder nicht schuld sein, das ist hier die Frage, der sich die folgenden Überlegungen widmen. Und zwar unter der vorläufigen These, dass sich die Schuldzuweisungen seit Adam und Eva verändert haben – aber nur ein bisschen. Wenn etwas schief ging, im Kleinen wie im Großen, wiesen lange Zeit als Männer erzogene Menschen die Schuld den Frauen oder einer konkreten Frau zu: Eva sollte schuld an der Vertreibung aus dem Paradies sein, weil sie Adam verführt habe; Helenas Schönheit schuld am Trojanischen Krieg und so weiter.

Diese Interpretationen wurden so erfolgreich tradiert, dass sie auch von den meisten als Frauen erzogenen Menschen als zutreffend akzeptiert wurden – und immer noch werden. Immer noch denken Frauen öfter als nötig, dass sie schuld an irgendetwas seien. Männer hingegen haben sich ein Stück weiterentwickelt. Sie sagen mittlerweile meist: „Der Apfel ist schuld.“ (Dass sie selbst eine gewisse Verantwortung tragen könnten, scheint immer noch vielen ein absurder Gedanke.)

Woher diese Behauptungen stammen? Nun, sie sind natürlich viel zu verallgemeinernd und in dieser Verabsolutierung nicht haltbar. Sie speisen sich aber aus vielen Beobachtungen im Kleinen (ohne dass ich das empirisch untersucht hätte, Widerspruch wird also gerne zur Korrektur der eigenen Weltsicht entgegen genommen). Hier drei Beispiele dieser Kleinstbeobachtungen: (mehr …)

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Internet, überkomplex

Internet, überkomplex

Gestern hat Sascha Lobo in seiner S.P.O.N.-Kolumne über metaphorische Simplifizierungen der digitalen Welt geschrieben. Dabei warnt er vor der Verführungskraft der Sprache. Was in Wirklichkeit komplex und kompliziert sei, werde durch Metaphern vereinfacht und schließlich falsch verstanden, vor allem das Internet:

Metaphern funktionieren nur als Welterklärung für Anfänger. Insbesondere für das überkomplexe Internet. […] Die Einstiegsdroge Metapher verleitet zum simplizistischen Weltbild und dazu, Zusammenhänge zu konstruieren, die nur für die Metapher, aber nicht in der Realität funktionieren.

Zwar beginnt Lobo seine Überlegungen damit, dass das Internet und vermutlich jedes Medium, wie alle technologischen Innovationen zunächst immer nur metaphorisch begriffen werden, weil es für das Neue nicht sofort geeignete Begriffe gebe. So wurde der Diskurs über das Internet in den 1990ern durch nautische und verkehrstechnische Metaphern geprägt. Aus den metaphorischen Fossilien dieser Zeit generiert sich denn auch der Titel von Lobos Artikel: „Wenn Surfer auf der Datenautobahn brausen.“

Zugangserschwerungsmetapher

Internetsperre, symbolisch

Internetsperre, symbolisch

Doch befasst sich Lobos nicht mit die Frage, ob nun Datenmeer oder Datenautobahn die bessere Metapher oder beide gleichermaßen für die Bezeichnung des Internets ungeeignet seien. Seine Kritik zielt vielmehr auf eine politische motivierte Medienmetaphorik – für die er, pars pro toto, „das berüchtigte Stoppschild als volksnahe Bezeichnung für Ursula von der Leyens Netzsperren“ ins Feld führt. Dabei fragt sich, ob gerade dieses Beispiel gut gewählt ist. Denn das besagte Stoppschild sollte ja nach dem geplanten „Zugangserschwerungsgesetz“ beim Aufruf gesperrter Webseiten mit kinderpornografischem Inhalt auf dem Bildschirm des kriminellen oder fehlgeleiteten Internetnutzers angezeigt werden. Wenn dieser aber ein Stoppschild tatsächlich sieht, ist es dann überhaupt noch eine Metapher? Oder nicht einfach nur ein Symbol, ein ikonisches Zeichen, dass allenfalls etwas Falsches suggeriert? Oder ist das nur eine kleinliche Frage, die zur Sache nichts wesentliches beiträgt? (mehr …)

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(c) Manager Magazin

Die Märkte, in Aufregung

Wenn seit dem Ausbruch der Finanzkrise zunehmend davon die Rede ist, dass man die „Märkte beruhigen“ müsse, so weiß man nicht immer genau, ob da von einem fiebrigen Patienten die Rede ist, der durch ständige Telefonate, Krisensitzungen und Beschlüsse von Regierungen umsorgt und getröstet werden muss; oder von einem wütenden Drachen mit giftigem Odem, der ein ganzes Königreich zu verwüsten droht, wenn er nicht regelmäßig eine Jungfrau zu Fressen bekommt. Wer den Job erledigen muss, ist allerdings klar: „Die Politik muss die Märkte beruhigen.“

Aber wollen „die Märkte“ überhaupt beruhigt werden? Eigentlich finden sie es ja ganz „Super, wenn die Börsen schwanken“. Wetten auf fallende Kurse ermöglichen immerhin satte Gewinne. Gegen eine Regulierung der Finanzmärkte, z.B. durch eine Finanztransaktionssteuer, regen sich jedenfalls erhebliche Widerstände. Die Rede von der Beruhigung der Märkte enthält damit eine doppelte Irreführung. Denn sie täuscht darüber hinweg, wer oder was „die Märkte“ überhaupt sind. Es sind ja im wesentlichen Spekulanten und keine volkswirtschaftlichen Größen. Letztlich ist die Phrase nur ein Euphemismus für das Dilemma, dass man den Einfluss der Spekulation auf die Volkswirtschaft beschränken müsste, aber nicht kann. Doch befinden sich auch die Märkte in einem Dilemma. Denn der Bankrott ganzer Volkswirtschaften kann schnell den Bankrott ganzer Banken nach sich ziehen. Die dann ihrerseits wieder gerettet werden müssen – durch den Rettungsschirm, für den die Staaten wiederum Schulden auf dem Finanzmarkt aufnehmen (hier: Deutschlands Schuldenuhr). In dem Dilemma bekundet sich also so etwas wie ein „Gleichgewicht des Schreckens“.

Kalter Krieg der Schulden

Während des Kalten Krieges nannte man so das Atompatt zwischen den Nuklearmächten. Im Englischen heißt das „Gleichgewicht des Schreckens“ mutual assured destruction, also die „wechselseitige zugesicherte Zerstörung“, kurz: mad, was eben auch „verrückt“ oder „wahnsinnig“ heißt. Hinter dem Wahnsinn der atomaren Abschreckung stand natürlich eine rationale Logik: Eine Nuklearmacht hielt die andere durch eine ultimative Drohung vor dem Erstschlag ab, indem man sich wechselseitig einen alles vernichtenden Zweitschlag zusicherte. Für dieses „Gleichgewicht des Schreckens“ hatte der Mathematiker und Nobelpreisträger John F. Nash (bekannt durch den Spielfilm A Beautiful Mind) ein spieltheoretisches Modell entwickelt, das sogenannte „Nash-Gleichgewicht“ oder Nash equilibrium. Eine einseitige Aufkündigung dieses Gleichgewichts hätte das absolute Scheitern beider Parteien zur Folge gehabt. So sind sie gerade durch ihre Feindschaft zu einer unfreiwilligen Kooperation gezwungen.

Weltweite Staatsverschuldung

Weltweite Staatsverschuldung

Durch den Zusammenbruch des Ostblocks endete der Kalte Krieg und die Westmächte gelten als dessen Sieger. Denn die westlichen Demokratien haben sich als diejenigen Volkswirtschaften erwiesen, die den Rüstungswettlauf länger ökonomisch durchhalten konnten. Betrachtet man heute indessen den Stand der weltweiten Staatsverschuldung, könnte man sich fragen, „wer den Kalten Krieg tatsächlich verloren hat“ (Olaf Held). Nach dem weltweiten Sieg des Kapitalismus und seiner Krisen scheint sich das Gleichgewicht des Schreckens einfach nur auf eine andere Ebene verlagert zu haben.  (mehr …)

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Netz-Werk

Am Wochenende wagte ich einen Blick auf meine Stromrechnung des letztes Jahres.  Mich überraschte weniger die Höhe des Betrags, den ich zu zahlen hatte, sondern vielmehr dessen Aufschlüsselung in vier Kostenarten.

So errechnete ich, dass 2/3  gar nicht direkt für die bereitgestellte      („verbrauchte“) Anzahl von Kilowattstunden veranschlagt werden, sondern neben den Steuern und Abgaben, die das eine Drittel ausmachen, auch noch für  die Nutzung der Stromleitungen als „Netzentgelte“ (28%), den Einbau, Betrieb und Wartung des Zählers, den „Messstellenbetrieb“ (4%) und zuletzt für die Messung der Zählerdaten (1%) berechnet werden.

Ein durch die Zahlen plötzlich präsentes Netzwerk, ohne dass wir völlig aufgeschmissen wären. Energie hat seinen Preis, nicht nur im Verbrauch. Was alles geleistet werden muss, um „Stromausfälle“ auf ein Minimum zu reduzieren, konnte ich mir nur entfernt vorstellen.  Mit dem riesigen Aufwand und der daraus resultierenden Wertschöpfung fühlen sich die Stromproduzenten  legimitiert, kräftige Gewinne einzuheimsen.  Energieversorger müssen schon viel falsch machen, um in ernsthafte finanzielle Schwierigkeiten zu geraten. Und wenn ich mir ansehe, dass ich jetzt wieder kräftig in Leuchtkörper investiert habe, dann wird mir bewusst, wie sehr doch vor den Zeiten der buchstäblich großen Erleuchtung abendlicher Kerzenschein geschätzt werden musste, der heute mit Hilfe von Ein-Euro-Artikeln, nicht weit entfernt von Wühltischen, günstig in die gute Stube geholt werden kann.

Aus der Steckdose

Ist die abgebildete Geschenkidee nicht ein origineller Verweis darauf, dass die Steckdose nicht ausschließlich zum „Netzzugang“ bestimmt sein muss?

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Kürzlich erhielt ich von einer befreundeten Forscherin eine Email mit der Nachricht über ein bevorstehendes Metaphern-Festival an der Universität Stockholm. Ob wir nicht Gummistiefel und Zelt einpacken und nach Schweden fahren sollen.

Etwas verblüfft wusste ich nicht so recht, was ich auf die Frage antworten sollte. Ein Campingausflug in den skandinavischen September ist sicherlich alles andere als langweilig. Ein Bild mit vielen bunten Blättern, Lagerfeuer, Lachs und Knäckebrot entstand vor meinem geistigen Auge – das allerdings leicht zu tränen anfing, als das Wort ‚Festival‘ seinen Schatten über die imaginierte Herbstidylle zu werfen begann.

Auf einmal stürzt sich der Schatten in die bunten Laubhaufen, um daraus Scharen von Metaphernforschern zu formen, die sich immer dichter um das prasselnde Lagerfeuer drängen. „Warum ‚züngelt‘ die Flamme eigentlich?“, fragt eine der Laubgestalten. Daraufhin ein raschelndes Gelächter. Wie beleidigt schlägt die Flamme empor. Einige erkennen den Ernst der Frage und geben zur Antwort: „Weil sie die Nacht verschlingen will.“

Das ermutigt eine Gestalt aus der hinteren Reihe ein Gedicht Friedrich Nietzsches zu zitieren:

Ja, ich weiß, woher ich stamme:
Ungesättigt gleich der Flamme
glühe und verzehr ich mich.
Licht wird alles, was ich fasse,
Kohle, alles, was ich lasse
– Flamme bin ich sicherlich.

Die eben noch gelacht haben, treten nun zögerlich ein paar Schritte vom Feuer zurück und richten ihre Blicke auf die ominöse Vortragskünstlerin: „Was erlauben Sie sich?“, rascheln sie. Und alle, die bisher ernst geblieben waren, brechen in ein knisterndes Gelächter aus.

Plötzlich erhebt mit prasselnder Stimme das Feuer eine lodernde Frage. Ob man in das Gelächter nicht nur aus-, sondern auch einbrechen könne? Was die Gesellschaft hastig auseinanderstieben lässt. „Wollen doch mal sehen, wer hier wen verkohlt!“, zürnt das gefräßige Element. Und was an Blättern nicht zu Boden fällt, wird zu einem Raub der Flammen.

Benommen sehe ich den Funken nach, die in den nächtlichen Himmel aufsteigen und meinen Tagtraum mit sich nehmen. Wo war ich nochmal? – Ach ja. Der Schatten. Auf der Träne meines geistigen Auges. Angesichts der Email. Über das Festival – der Metaphern.

Der Schatten verzieht sich augenblicklich, als mir die Worte Wayne C. Booths einfallen, der bereits 1978 auf einem bedeutenden Metaphern-Symposium an der University of Chicago erklärte: „what we are doing in this symposium appears as part of an intellectual movement“. Dies wollte Booth durchaus als objektive Prognose verstanden wissen. Denn er hatte auf Grundlage bibliographischer Daten eine exponentiell anwachsene Zahl von Metaphernforschern festgestellt:

„I have in fact extrapolated with my pocket calculator to the year 2039; at that point there will be more students of metaphor than people.“ (Wayne C. Booth, Metaphor as Rhetoric 1978)

Was mir bisher als ein ironischer Kommentar zu einem wissenschaftlichen Hype erschien, erschließt sich mir nun als das Zeugnis einer bemerkenswerten Weitsicht. Die intellektuelle Bewegung der Metaphernforscher begnügt sich nicht mehr mit Symposien: „It started as internal departmental seminars on the character and occurrence of metaphors, but has grown into an international symposium on figurative language“, heißt es auf der Webseite der Stockholmer Universität. Nun ist es also ein Festival. Noch ist es ein Festival.

Festivals sind nur der Anfang. (mehr …)

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Weihnachten steht vor der Tür und damit auch der Jahreswechsel. Die Tage zwischen dem alten und dem neuen Jahr sind eine Zeit für sich: Das Alte geht, das Neue ist noch nicht da, irgendwie lebt man in einer ‚Zeit dazwischen’.

Ich habe mir erzählen lassen, dass es in Russland ein Sprichwort gibt, demnach eine windige Neujahrsnacht auf eine reiche Nussernte im kommenden Herbst verweisen soll.

Ich weiß nun nicht, ob das stimmt, aber es ist ein schönes Bild für das Changieren zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in diesen Tagen:

Egal wie windig und unangenehm die Neujahrsnacht auch sein mag (das Jetzt), gibt es die Aussicht auf einen erfreulichen Ausgleich im kommenden Herbst (die Zukunft), auch wenn nicht auszuschließen ist, dass man, wenn es soweit ist, vergessen haben kann, wie der Wind zum Jahreswechsel gestanden hat (die Vergangenheit). Man wird sich dann vermutlich leichter damit abfinden können, dass es Dinge gibt, die man hätte wissen können und doch nicht weiß, die man hätte machen oder beachten können und nicht gemacht oder beachtet hat.

Wer sich hingegen genau erinnert und später einen klaren Zusammenhang zwischen den damaligen Windverhältnissen in der Silvesternacht und der zukünftigen (dann gegenwärtigen) Fruchtbarkeit der Nussbäume herzustellen vermag, lebt zwar in der Sicherheit einer einzelnen (vielleicht wichtigen) Erkenntnis, die das dann Gegenwärtige an das Vergangene bindet und derart einen Konnex der Sinnhaftigkeit stiftet, doch die Ungewissheiten und offenen Fragen des Zukünftigen werden sich weiterhin stellen. So ist das Leben: Es gibt keine klaren Sicherheiten und Verbindlichkeiten zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Da ich nicht viele Hoffnungen hege, dass ich es nicht vergessen werde, zu Silvester darauf zu achten, wie stürmisch die Nacht wird und weil ich erst recht Bedenken trage, ob ich mich zur kommenden Nussernte wirklich darauf besinnen werde, halte ich es eher mit Ingeborg Bachmann, die für den Wechsel zwischen Altem und Neuem einen radikalen Weg wählt:

Wenn einer fortgeht, muss er den Hut

mit den Muscheln, die er sommerüber

gesammelt hat, ins Meer werfen

und fahren mit wehendem Haar,

er muss den Tisch, den er seiner Liebe

deckte, ins Meer stürzen,

er muss den Rest des Weins,

der im Glas blieb, ins Meer schütten,

er muss den Fischen sein Brot geben

und einen Tropfen Blut ins Meer mischen,

er muss sein Messer gut in die Wellen treiben

und seinen Schuh versenken,

Herz, Anker und Kreuz,

und fahren mit wehendem Haar!

Dann wird er wiederkommen.

Wann?

Frag nicht.

(Ingeborg Bachmann, Auszug aus: Lieder von einer Insel)

So ist das Kommen und Gehen zwischen den Jahren eine Zeit für sich, ein wenig wirr, ein wenig süß und irgendwie beruhigend in seiner ganzen Unhaltbarkeit.

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Rettungsschirm (c) N24

Rettungsschirm (c) N24

Seit dem Beginn der Finanzkrise erfreut sich eine Metapher großer Beliebtheit in den Medien: der Rettungsschirm. Als ein Fond zur Abwendung des Bankrotts von Banken, Unternehmen, schließlich Staaten und zuletzt auch einer ganzen Währung, beginnt seine Konjunktur spätestens Ende 2008, wie die Google Timeline eindrücklich zeigt. So brachte es der Rettungschirm auch zum achtplatzierten Wort des Jahres 2008. Wie und wann genau die Metapher erstmals zur Phrase gedrechselt bzw. zur „Worthülse gedreht“ wurde, läßt sich nur vermuten. Aber seit „die staatliche Förderbank KfW ihren ersten Rettungsschirm „spannte“ , werden weitere Schirme „aufgespannt“ und „erweitert“ (oder auch nicht), man „schlüpft“ oder „flüchtet“ unter sie – einige werden bisweilen unter sie „gedrängt“ , während andere vielleicht nicht mehr „darunter passen“ .

Rettungsschirm (c) taz

Rettungsschirm (c) taz

Nun fragt sich, was genau die Metapher eigentlich besagen soll. Geht man von den Bildern aus, zu den die Metapher reichlich Anlass bot, handelt es sich um eine Art Regenschirm, mit dem man jemanden ausstattet, um ihn, zumindest vorerst, ins Trockene zu bringen. Entweder bis der Regen vorbei ist, oder bis der Schutzbedürftige ein sicheres Obdach gefunden hat. Die Finanzkrise wäre demnach so etwas wie ein meteorologischer Zwischenfall, ein Wolkenbruch, der irgendwelche Unglücksraben sozusagen kalt von oben erwischt. Schlimmer aber kann es kaum sein. Bei einer Sintflut müsste man ja allmählich zu nautischen Metaphern aus dem Umkreis von Rettungsbooten oder gar der Arche Noah übergehen. Der Boden unter den Füßen ist also noch fest und man muss nur zusehen, dass die nicht wetterfesten Fußgänger sich keine Erkältung oder Schlimmeres zuziehen.

Rettungschirm (c) ZDF

Rettungschirm (c) ZDF

Spätestens, seit mit dem drohenden Bankrott kriselnder EU-Staaten nicht nur die Gesundheit einzelner Unternehmen und der Bestand von Arbeitsplätzen, sondern die Existenz der gemeinsamen Währung auf den Spiel steht, scheint sich das Bild gewandelt zu haben. Nun erscheint der Rettungschirm zunehmend nicht mehr als Regenschutz, sondern als Fallschirm, wie eine aktuelle Visualisierung des ZDF in der Berichterstattung von heute eindrücklich zeigt (timecode: 01:53). Nun geht es also nicht mehr nur um nasse Füße und durchweichte Häute. Wir befinden uns im freien Fall. Der Boden kommt näher und zwar immer schneller. Und irgendwie muss es nun wohl gelingen, unterwegs noch schnell an einen Fallschirm zu kommen. Unvorbereitet in ein Gewitter zu geraten, kann ja jedem mal passieren. Und auf gnädige Passanten, die einen bei sich „unterschlüpfen“ lassen, darf man auch immer hoffen. Wie aber bei 9,81 m/s2 an einen Fallschirm kommen? (mehr …)

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Hat man ein Ohr für die Metaphern öffentlicher Rhetorik, so wird einem aufgefallen sein, dass sich seit einiger Zeit eine besondere Phrase großer Beliebtheit erfreut: nämlich, dass man etwas „auf den Weg gebracht“ habe – oder jedenfalls gerade dabei ist, es zu tun. Fragt man sich nach den Gründen dieser Beliebtheit, so drängen sich vor allem zwei Erklärungen auf, von denen eine die Entfaltung der Metapher und die andere ihr Zusammenhang mit einer anderen ist. Das erste könnte man den Hänsel und Gretel Komplex, das zweite das Rotkäppchen Syndrom nennen.

Der Hänsel und Gretel Komplex

Achtet man auf die genauen Umstände, in denen die Metapher … auf den Weg bringen … Konjunktur hat, so sind dies in der Regel Situationen, in denen von komplexen Maßnahmen die Rede ist, die bestimmte Verbesserungen einleiten oder dringende Notlagen abwenden sollen. Bezeichnend ist, dass man nicht von beschlossen oder auch geregelt, sondern eben in dieser vorsichtigen Weise davon spricht, etwas auf den Weg gebracht zu haben. Damit soll gesagt werden, dass die in Rede stehende Sache noch nicht abgeschlossen ist und ihr Erfolg sich also erst in Zukunft wird einstellen können; dass man aber jedenfalls alles in seiner Macht Stehende zu ihrem Gelingen beigetragen habe. Was in der Regel mit der Bewältigung unangenehmer Dinge zu tun hat. Spricht man hingegen von etwas Erfreulichem, setzt die auch in der letzten WM populär gewordene Abschlussrhetorik ein (den Abschluss suchen …, zum Abschluss bringen …).

Hänsel und Gretel, Darstellung von Alexander Zick (1845 - 1907)

Fragt man sich in dessen, was das eigentlich für ein Weg sei, auf den die Sache nun geführt worden ist und warum sie bis zu ihm gebracht werden musste, nun aber offenbar selbständig weiterlaufen kann,  wann sie schließlich an ihrem Ziel ankomme und wo genau das Ziel überhaupt ist, und warum man sie nicht gleich dahin brachte, so fällt auf, dass davon nie die Rede ist, auch nicht im unmetaphorischen Sinne. Hauptsache, die Sache wird verabschiedet. So entspringt der phraseologischen Meditation alsbald der Verdacht, dass das Verschweigen System hat. Womöglich ist das Ziel, was man für die Sache ausgab, gar nicht das, wohin sie schlussendlich gelangen soll. (mehr …)

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