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Posts Tagged ‘Natur’

Michel Serres, Foto: Linda A. Cicero

Michel Serres’ Philosophie könnte folgendermaßen charakterisiert werden: Wenn zwei miteinander streiten, freut sich der Dritte. Diese entschiedene Verzerrung eines Denkens, das sich von der Wissensgeschichte über eine subversive synästhetische Theorie bis hin zu eben jenem Recht der Natur erstreckt, zehrt ihrerseits von Serres’ Begriff des Kommunikation, den er in den 60er und 70er Jahren in Anschlag zu bringen wusste, als die französische Avantgarde des (Post-)Strukturalismus dem Begriff der Produktion in diversen Theoriebildungen nachging. Hierbei war es ihm weniger darum zu tun, das Medium als eigentliche Nachricht zu ermitteln, als jenen Zwischenraum zu erkunden, der zwei disparate Seiten in Übertragungsphänomenen sowohl trennt als auch mittels eines mehr oder weniger variablen Codes verbindet.

Die Gespräche zum Wassermusikfestival im Haus der Kulturen der Welt, das dieses Wochenende in Berlin stattfand, brachten so nicht allein ein äußerst dynamisches und komplexes Denken eines Philosophen zum Vorschein, sondern vollzogen gleichsam in Echtzeit eine Theorie der Relation, deren Grundannahme darin besteht, den Abfall, das Rauschen, die Reibung, das Knistern, das Beiherspielende oder, wie Serres es einmal nannte: das Parasitäre, als notwendige Bedingung des nicht nur gesellschaftlichen Zusammenseins zu setzen.

Serres illustrierte dies mehrmals anhand des Übersetzens: Während er auf Französisch vortrug und das Publikum über Kopfhörer die Simultanübersetzung von u. a. Vincent v. Wroblewsky, dem Sartre-Übersetzer, genießen konnte, kommentierten Lorenz Engell oder Alexander Kluge auf Deutsch. Der Dritte, so Serres, bildet in diesen Gesprächen das notwendige Übel, den unerlässlichen Parasiten, der einerseits die Kommunikation zwischen beiden und dem anderen Dritten, sprich dem Publikum, ermöglicht sowie andererseits das Gerede verzerrt, verunreinigt, ja sogar veruntreut, manipuliert, verschleppt. (mehr …)

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Der an der Stanford University lehrende französische Philosoph Michel Serres, hat in seinem umstrittenen Buch „Le contrat naturel“ (1990) (dt. „Der Naturvertrag“, 1994) erörtert, wie bestimmte Objekte der Natur, etwa das Meer, zu Subjekten des Rechts werden können. Nun erklärt er in einem Interview mit der Tageszeitung:

In Anbetracht des aktuellen Desasters am Golf von Mexiko würde ich mir nichts dringlicher wünschen als einen Prozess vor einem internationalen Gericht, in dem BP im Namen des Meeres angeklagt wird. Hier hätte es einen ganz konkreten Sinn, wenn das Naturobjekt ein Rechtsubjekt wäre.

Michel Serres, Foto: Linda A. Cicero

In seinem neuen Buch Le mal propre: polluer pour s’approprier? (2008) (dt. „Das eigentliche Übel“, 2009), stellt Serres die Frage, warum wir unsere Umwelt verschmutzen. Dabei geht der Philosoph davon aus, dass Umweltverschmutzung die selbe Funktion hat wie tierisches Reviermarkieren und begründet darauf eine Theorie des Eigentumsrechts.

Das zentrale Axiom beruht auf der Doppeldeutigkeit des Begriffs propriété (Eigentum/Sauberkeit) und lässt sich vermutlich kaum ins Deutsche übertragen: Le propre, c’est le sale (ungefähr: Das Eigene ist das Verschmutzte). Etwas zu verschmutzen, bedeutet, sich etwas anzueignen, etwas in Besitz zu nehmen. Auf die Katastrophe am Golf von Mexiko angewendet, könnte man sagen: BP ist durch den Akt der Verschmutzung gerade dabei, den Golf von Mexiko in Besitz zu nehmen. (mehr …)

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Das Freibad überfüllt, Schattenplätze am See Mangelware und eigentlich hat man gerade auch gar nichts Wichtiges zu lesen, was den Aufenthalt im Freien anstelle der Präsenz am Schreibtisch rechtfertigen würde… vom Hautkrebsrisiko, der Ozonbelastung und anderen Nebenwirkungen dieser hochsommerlichen Tage mal ganz abgesehen. Was tun? Das schlechte Gewissen geflissentlich ignorieren und auf in den Kampf um ein kleines Fleckchen Individualität in der bunten Masse der übrigen Sonnenanbeter! Oder…

…den Schreibtisch in der fast stockfinster abgedunkelten Wohnung trotzdem ignorieren und sich in Fjodor Godunow-Tscherdynzew (bitte von diesem Namen nicht abschrecken lassen!) verwandeln, den Protagonisten in Vladimir Nabokovs Roman Die Gabe. Wer der Meinung ist, sich auf irgendeiner Wiese faul der Sonne auszusetzen sei pure Zeitverschwendung, verkennt den erhabenen Moment der Verschmelzung mit der Natur, eines neuen Selbst-Bewusstseins, der in diesem Akt begründet liegt:

Wenn ich morgens diese Welt des Waldes betrat, dessen Bild ich sozusagen aus eigener Kraft über das Niveau jener anspruchslosen Sonntagseindrücke (Papierabfälle, Horden von Ausflüglern) erhoben hatte, aus denen sich für die Berliner der Begriff ‚Grunewald‘ zusammensetzte; wenn ich an diesen heißen sommerlichen Wochentagen auf seine Südseite, in seine Tiefe zu unberührten, versteckten Stellen ging, empfand ich kein geringeres Entzücken, als wenn sich drei Kilometer von meiner Agamemnonstraße entfernt das Urparadies befunden hätte. Sobald ich zu einem meiner Lieblingswinkel kam, der wie durch Zauberei den freien Zustrom des Sonnenlichts mit dem Schutz durch das Gebüsch vereinte, zog ich mich bis auf die Haut aus, legte mich rücklings auf die Wolldecke und schob die unnötige Badehose in den Nacken. (mehr …)

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