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Posts Tagged ‘Netzwerk’

Der Kot ist die zusammengepresste Summe sämtlicher Indizien gegen uns. (Elias Canetti, „Masse und Macht“ 1960)

Sewer Cloud by Philipp Ronnenberg

Canettis Befund über den immanenten Zusammenhang von Macht- und Verdauungsvorgängen erlangt in Zeiten von Prism, Tempora & Co durch eine zukunftsweisende Technologie gänzlich neue Bedeutung. Im Rahmen seiner Entwicklung von Post Cyberwar Networks hat der Konzeptkünstler Philipp Ronnenberg die Sewer Cloud ersonnen, die Daten in DNA speichert, die in urbanen Kanalisationen herumschippert:

The insertion of data into the DNA is developed, amongst other reasons, to solve the problem of data storage. 1 gram of DNA is capable of storing up to 700 terabytes of data. This scientific development could provide alternative uses and novel ways of exposure of data. […]

The Sewer Cloud is a living, self-reproducing data network in the sewerage system of London. This living network is based on the insertion and extraction of data into the algae species Anabaena bacteria, which lives in water.

Data insertion and extraction out of algae could be regarded as a ‘grey area’ act; it would be legal to do so, but a lot of content that one could find in this network could be illegal. Corner shops would be providing machines where the extractions and insertions would take place. – (gefunden auf nerdcore.de)

Mit der informationstechnischen Erschließung städtischer Abwässer eröffnet die Sewer Cloud nicht nur enorme Möglichkeiten für big data, sondern – natürlich – auch ganz neue Herausforderungen für allfällige Überwachungsmaßnahmen und quasi die Kompostierung personenbezogener Daten. Es dämmert die Post-Privacy Ära der Toilette. – Wenn Elias Canetti das geahnt hätte:

der privateste Augenblick ist jener der Absonderung; wirklich allein ist man nur mit seinem Kot.

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„Der Physiker und Professor für komplexe Netzwerkrecherche Albert-László Barabási sieht aus wie ein sehr sympathischer Typ, der kein Wässerchen trüben kann. Man sollte sich aber besser vor ihm fürchten,“ kommentiert der Perlentaucher in seiner aktuellen Magazinrundschau einen Vortrag, den der prominente Netzwerktheoretiker kürzlich auf Edge.org gehalten hat.

Barabási hat sich in den letzten Jahrzehnten mit vielen Arbeiten auf dem Gebiet der aufsteigenden network science hervorgetan. Die Grundidee dieser jungen Wissenschaft ist es, die gesamte physikalische, biologische, soziale und technische Welt durch Netzwerkstrukturen zu beschreiben und ihr Ziel besteht darin, die mathematischen Gesetzmäßigkeiten herauszufinden, nach denen sie funktioniert. Damit sollen dann auch Vorhersagen über das Verhalten komplexer Systeme möglich werden. Was Barabási begeistert, ist die Aussicht, mittels mathematischer Modelle solche Netzwerkstrukturen auch beherrschen zu können: „Eine Frage, die mich in den letzten zwei Jahren fasziniert hat ist: Können wir irgendwann die Daten nutzen, um Systeme zu kontrollieren? Wenn Du die Macht hast, Vorraussagen zu machen, wirst Du letztendlich auch den Punkt kommen, sie kontrollieren zu können.“

Um dieses Ziel zu erreichen, ist der Netzwerkforscher nun auf der Suche nach Daten, vielen Daten, den big data, die man braucht, wenn man die ganze Leben berechnen will. Barabási erklärt in seinem Vortrag, dass es diese Daten im Grunde schon gibt. Leider seien die meisten davon in privater Hand. Die Rede ist von Facebook, Google und Mobilfunkanbietern. Durch die zunehmende digitale Vernetzung wissen sie immer genauer, worüber die Leute sprechen, wo sie sind, was wie machen, wann und wie oft. So dreht sich die Phantasie des Wissenschaftlers also darum, wie man an diese Daten herankommen könnte. Diese Überlegungen Barabásis sind es auch, vor denen sich der Perlentaucher zu fürchten beginnt:

„Daten sind heute die Goldmine der Wissenschaft. Damit ändert sich auch die Einstellung, wie wir mit den Daten umgehen. Wir leben in einer unstabilen Situation, in der der Zugang zu Daten nicht genau ausgearbeitet ist. Es gibt gesetzliche Grenzen. Viele Firmen kümmern sich nicht um ihre Daten oder benutzen sie nicht für wissenschaftliche Zwecke. Das muss irgendwie aufhören. Mir ist aber unklar, wie. Ich weiß nicht, ob die amerikanische Regierung Google oder Facebook dazu zwingen wird, ihre Daten mit Wissenschaftlern zu teilen. Die wissenschaftliche Gemeinschaft muss einen Weg finden, dieses Problem zu lösen.“

Es ist gewissermaßen eine politische Utopie des Laplaceschen Dämons digitaler Provenienz, die der Netzwerkforscher hier formuliert; also die Vorstellung, dass man per Gesetzesbeschluss oder Gesellschaftsvertrag Zugang zu allen Daten bekäme, die über die Gegenwart vorhanden sind, um mittels dieser Daten zukünftige Ereignisse vorherzusagen und so eine maximale Kontrolle über die Lebensbedingungen der Netzwerkgesellschaft zu erlangen. Kybernetik 3.0.

In dieser Utopie verschränken sich offenbar zwei Motive miteinander. (mehr …)

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In Zeiten kollabierender Regime und drohender Staatsbankrotte steigt der Bedarf an prognostischen Kompetenzen. Zuverlässige Informationen über den künftigen Verlauf geopolitischer Entwicklungen versprechen aussichtsreiche Zukunftsperspektiven und gute Chancen, sich mit entsprechendem Wissensvorsprung im ausbrechenden Chaos besser zurechtzufinden oder sogar noch einen Vorteil daraus zu ziehen. Was Rating-Agenturen für den Finanzmarkt und sozio-ökonomische Indizes für die Entwicklungshilfe leisten, haben Wissenschaftler nun durch ein neuartiges Verfahren ergänzt. Wie Zeit Online vor einer Woche berichtete, haben Heidelberger Forscher einen neuen geopolitischen Indikator entwickelt: Den sogenannten ‘Disputindex’, der die Stabilität einzelner Staaten anhand kontroverser Wikipedia-Artikel kalkuliert.

Digitale Schwarm-Intelligenz als Orakel

Was zunächst sehr suspekt klingt, findet die Zeit-Autorin Gianna-Carina Grün letztendlich doch überzeugend:

Ihr ‘Disputeindex’ mutet auf den ersten Blick ein wenig skurril an: Er misst, wie oft von einem umstrittenen Wikipedia-Beitrag auf die Wikipedia-Hauptseite eines Landes verlinkt wurde. Aber der Index funktioniert. Er kann überraschend zutreffende Aussagen darüber treffen, wie es um die geopolitische Stabilität in dem betreffenden Land bestellt ist.

Mit anderen Worten: Wenn ein Wikipedia-Artikel aus irgendeinem Grund umstritten ist und ein solcher Artikel aus irgendeinem Grund auf ein Land verweist, dann wird dies als ein Indiz dafür gewertet, dass etwas mit dem Land nicht stimmt. Als umstritten gilt ein Artikel, wenn entweder die Neutralität eines bestimmten Artikels von der Autoren-Community aberkannt wurde und/oder bestimmte Inhalte und Formulierungen des Artikels auf der Diskussionsseite verhandelt werden. Dabei wurde die kritische Untergrenze, also der Minimalwert der nötigen Verweise, auf 20 Links festgelegt. Je mehr solcher Links sich detektieren und summieren lassen, desto höher kalkuliert der ‚Disputeindex’ das Destabilisierungsrisiko eines Landes.

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