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Posts Tagged ‘Plagiat’

Der Philosophiehistoriker Stefan Heßbrüggen hat in einem Beitrag auf carta.info versucht, die neue „Ergänzung der Empfehlung der Deutschen Forschungsgemeinschaft DFG zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis“ (PDF) so zu verstehen, „dass ich die Tragweite und den Anwendungsbereich dieser Norm verstehe. Um es vorwegzunehmen: dieser Versuch wird scheitern.“

Die bereits kontrovers diskutierte „Empfehlung 17“ richtet sich auf den Umgang mit Hinweisen auf wissenschaftliches Fehlverhalten durch akademische Whistleblower, die sich nun unter Umständen selbst des wissenschaftlichen Fehlverhaltens strafbar machen können. Heßbrüggen zeigt die weitreichenden Komplikationen und Probleme auf, die diese Regelung mit sich bringt und kommt zu dem Schluss:

Die DFG hat […] eine in ihrem Geltungsbereich unklare, in ihren Zielen widersprüchliche und in ihren Folgen schädliche Empfehlung verabschiedet, die nicht nur das Verhältnis von Wissenschaft und Öffentlichkeit, sondern auch die Öffentlichkeit der Wissenschaft selbst schwer beschädigt.

In einem Beitrag auf seinem Blog differentia bemerkt Klaus Kusanowsky im Hinblick auf die umstrittene Empfehlung:

dass eigentlich die Bürokratie als staatlich legitimiertes Verfahren der Exklusion von Personen das Problem ist und nicht die Relevanz des Wissens. […] War ehedem die Gewinnung sicheren Wissens die Aufgabe wissenschaftlicher Methoden, so scheitert die Wissenschaft heute daran, dass sie für die Verteidung von Reputationssicherheit keine geeigneten Methoden hat.

Der Ausweg könnte sein, eine Wissenschaft ohne Bürokratie zu finden.

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Als im Frühjahr letzten Jahres die Plagiatsdebatte im Fall Guttenberg zu einem Aufstand im Elfenbeinturm führte, erhofften sich einige Beobachter und Kritiker davon die Geburt einer neuen vernetzten Öffentlichkeit. Was man sich davon erwarten durfte, blieb zunächst unklar. Heute wissen wir, dass seither zumindest die Zahl der Plagiatsjäger-Wikis stark zugenommen hat, die bereits einigen Politikern und Professoren das Amt gekostet haben. Wenn die Dissertation der Bildungsministerin nun in Verdacht steht, eine betrügerische Anmaßung zu sein, so herrscht im Fall Schavan – anders als bei Guttenberg – eher Zurückhaltung in der akademischen Welt. Neben den obligatorischen Beweisaufnahmen und Rücktrittsforderungen lassen sich  vermehrt Zweifel vernehmen, ob es sich bei Schavans Doktorarbeit tatsächlich um ein zu ahndendes Plagiat handelt.

Die Politik des Plagiats und das Bauernopfer

So sieht es für Tobias Bunde, einen der Autoren des offenen Briefes von Doktoranden an die Bundeskanzlerin in der Causa Guttenberg so aus, „als hätte Schavan zwar unsauber gearbeitet und nicht korrekt zitiert, aber Guttenbergs Arbeit war eine Collage aus fremden Ideen, das kann man nicht vergleichen.“ Die spürbare Zurückhaltung zeugt damit weniger davon, dass man nach all den Plagiatsskandalen schlicht „abgestumpft“ sei, sondern vielmehr von einem wachsenden Unbehagen an dem, was Frieder Vogelmann heute auf dem theorieblog als die „Politik des Plagiats“ beschreibt. Deren Konsequenz besteht, zugespitzt formuliert, darin: Würde man die Maßstäbe und Implikationen, mit den die Plagiatsjäger arbeiten, tatsächlich zur Norm erheben, wäre wissenschaftliche Arbeit bald nicht mehr vorstellbar.

Bezeichnend für die Problematik ist der spezifische Plagiatsvorwurf im Fall Schavans. Während es zunächst hieß, sie habe heimlich bei sich selbst abgeschrieben, d.h. einen früheren Aufsatz von sich zweitverwertet, beläuft sich der stärkste Anklagepunkt inzwischen auf eine Häufung sogenannter Bauernopfer. Damit wird ein Plagiatstyp bezeichnet, der darin besteht, dass man einen Autor zunächst korrekt zitiert, um dann den Rest des konsultierten Textes zu paraphrasieren, ohne dies kenntlich zum machen. Typischerweise werden dann die Quellen der Quelle so zitiert, als hätte man sie selbst gelesen. Das heißt, man zitiert nur Zitate, verschleiert aber den Weg, wie man an sie gelangt ist und erweckt so den Eindruck einer selbständigen Aneignung und Kenntnis der angegebenen Primärquellen.

Intertextualität und Geschreibe

Was in der Literatur unter dem Begriff der Intertextualität gefasst wurde (Julia Kristeva: „Jeder Text baut sich als Mosaik von Zitaten auf, jeder Text ist Absorption und Transformation eines anderen Textes“), wird in der Wissenschaft problematisch oder gar justiziabel, sofern man die entsprechenden Referenzen nicht kenntlich macht. In letzter Konsequenz müsste dies entweder zu einer Apotheose der Fußnote führen, die eine groteske Inflation aller Nachweise dessen nach sich zöge, worauf man keine Urheberschaft beanspruchen kann; oder zu dem, was sich mit Adorno als die Professionalisierung der Halbbildung bezeichnen lässt. Die Steigerung von letzterem ist die akademische Institutionalisierung dessen, was Heidegger das „Geschreibe“ nennt:

Gemäß der durchschnittlichen Verständlichkeit […] kann die mitgeteilte Rede weitgehend verstanden werden, ohne dass sich der Hörende in ein ursprünglich verstehendes Sein zum Worüber der Rede bringt. […] Das Geredete als solches zieht weitere Kreise und übernimmt autoritativen Charakter. […] In solchem Nach- und Weiterreden […] konstituiert sich das Gerede. Und zwar bleibt dieses nicht eingeschränkt auf das lautliche Nachreden, sondern breitet sich aus im Geschriebenen als das „Geschreibe“. Das Nachreden gründet hier nicht so sehr in einem Hörensagen. Es speist sich aus dem Angelesenen. Das durchschnittliche Verständnis des Lesers wird nie entscheiden können, was ursprünglich geschöpft und errungen und was nachgeredet ist. […] Hierzu bedarf es nicht einer Absicht der Täuschung. (Sein und Zeit, §. 35) (mehr …)

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Zur Wiederauferstehung des Autors aus dem Geist der Publikationsliste

Auf Differentia denkt Klaus Kusanowsky über „die beinahe besinnungslose Verlängerung von Publikationslisten“ als ein systemtheoretisch zu durchschauendes „Verhaltensmuster des akademischen Bluffens“ nach, dessen Regel ich an dieser Stelle gern als eine Art vorgezogenes Intermezzo in das ABC des Schreibens einschieben möchte:

Die sich daran knüpfende Maxime lautet: verlängere auf Teufel komm raus die Liste deiner Publikationen und verbreite gleichzeitig die Behauptung, dass es auf Qualität und nicht auf Quanität ankäme, weil du dich darauf verlassen kannst, dass die Menge deiner Publikationen ohnehin keiner lesen kann; und je mehr du schreibst, um so wahrscheinlicher bestätigt sich diese Vermutung. Da alle andere genauso handeln und du selbst genauso wenig eine Chance hast, die Publikationen aller anderen zu lesen, kann es dir vortrefflich gelingen, einen Kenntnisreichtum zu simulieren, indem du dich auf wenige Zitate beschränkst, welche du obendrein leicht durch ein Zettelkastenprogramm organisieren und verfügbar machen kannst. So kannst du erstens deine Unkenntnis verschleiern und zweitens alle anderen der selben Unkenntnis verdächtigen, ohne allerdings darüber Klarheit zu gewinnen, weil alle anderen an der Verlängerung der Intransparenz genauso mitwirken wie du selbst.

Mit den Publikationslisten verlängert sich natürlich auch dieses Leiden der Wissenschaft an sich selbst. Ob das Internet dem Spuk ein Ende setzen könnte, wie Kusanowsky zu vermuten oder jedenfalls zu hoffen scheint? Mag sein. Es wird wohl davon abhängen, ob die Möglichkeiten, die das Internet bietet, den institutionalisierten Bluff aufrechtzuerhalten, zu steigern (GoogleBooks, eJournals, Volltextsuche, etc.) oder selbst noch einmal zu simulieren, nicht größer und praktikabler sein werden als die Chancen und Hoffnungen, die sich mit der Produktion kollaborativer Hypertexte seit den 1990ern und mit dem Tod des Autors bereits seit den 1960er Jahren verbinden.

Was an den Maßstäben der Vernunft gemessen idiotisch erscheint, erweist sich dann vielleicht doch als eine Art List der Vernunft, die in den Listen ihrer Autoren und bluffenden Mündel noch immer die Simulation ihrer Wiederauferstehung als Untote feiert: Publikationslisten sind nur der Anfang.

P.S. Wer den letzten Satz zitiert, bekommt eine kenntnisreiche Fußnote in meinem nächsten Artikel. Oder jedenfalls einen Eintrag in meinem Zettelkasten. Irgendein Publikationszwang ergibt sich bestimmt.

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Gestern hat das Oberlandesgericht Frankfurt ein abschließendes Urteil in einem schon seit fünf Jahren andauernden Rechtsstreit zwischen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und der Sueddeutschen Zeitung, und dem Perlentaucher gefällt. Die beiden Zeitungen hatten das Internetmagazin verklagt, weil sie sich in ihren Urheberrechten verletzt sahen. Ihre Klage wurde nun weitgehend zurückgewiesen, doch verbinden sich mit dem Urteil neue Unklarheiten und Probleme in Bezug die zukünftige Praxis des Zitierens.

Streitpunkt ist dabei die Bücherschau des Perlentauchers, in der eine tägliche Übersicht zu den Rezensionen in den Feuilletons der großen Tages- und Wochenzeitungen erscheint. Dabei geben die Autor_innen kurze Zusammenfassungen zu den Buchbesprechungen und zitieren aussagekräftige Formulierungen der Rezensent_innen. In der Zitationspraxis haben die Kläger nun eine Urheberrechtsverletzung gesehen. Denn weil der Perlentaucher seine Rezensionsnotizen an den Buchhändler buecher.de verkauft, der diese als Produktinformationen seinen Kunden zur Verfügung stellt, sehen die Zeitungen darin eine unrechtmäßige Bereicherung Dritter auf ihre Kosten.

Während das Gericht nun die Rechtmäßigkeit des Geschäftsmodells des Perlentauchers grundsätzlich bestätigt hat, wurde den Zeitungen in einigen Punkten dennoch Recht auf Schadenersatz gewährt. Denn mit der Zitation bestimmter Wendungen, die als besonders „originell“, „einprägsam“ oder „künstlerisch“ anzusehen sind, käme die Rezensionsnotiz dem Original zu nahe und stelle daher eine Urheberrechtsverletzung, mit anderen Worten eine Raubkopie dar.

In eigener Sache berichtet der Perlentaucher:

Aus dem Urteil folgt, dass Formulierungen wie „weltanschauliches Anliegen“ oder „langatmige Ausbreitung von Altbekanntem“ künftig nur noch mit Vorsicht zitiert werden dürfen. Solche Formulierungen von Buchrezensenten waren von der FAZ und SZ im Verfahren gegen den Perlentaucher nun also mit gewissem Erfolg als besonders „originell“, „einprägsam“ oder „künstlerisch“ dargestellt worden. Was genau man zitieren darf und was nicht und in welchem Umfang, wird sich erst aus der ausführlichen Urteilsbegründung ersehen lassen. (Meine Herv.)

Auf die Begründung darf man nun also tatsächlich sehr gespannt sein. Denn eine solche Regelung würde ja nicht nur bedeuten, dass ein Urheberrecht auf Sprachmaterial unterhalb der Werk-, ja sogar Satzebene durchgesetzt wird, wie man es etwa schon von markenrechtlichen Ansprüchen etwa auf Firmennamen oder Slogans kennt. Wenn man also eine „originelle“, „einprägsame“ oder „künstlerische“ Formulierung zitiert, könnte man in Zukunft schnell als Raubkopierer gelten: und folglich jeder Satz, in dem die Wortgruppe „weltanschauliches Anliegen“ ohne die entsprechenden Anführungszeichen vorkommt, als Plagiat.

Da ist in der Tat „Vorsicht“ geboten. Aber wie soll man „mit Vorsicht zitieren“ in dem Zusammenhang verstehen? Florisdumal hätte da einen Vorschlag: „Vielleicht reicht es ja, wenn die Perlentaucher-Autor_innen die Tasten nur ganz sachte drücken.“

Ja, ganz sachte und behutsam drücke ich nun also auch auf den Publizieren-Button, in der Hoffnung durch die Zitation der inkriminierten Zitate mich nun keines zukünftiges Urheberrechtsverstoßes schuldig gemacht zu haben.

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»Ach du grüne Neune!
Bist du bescheuert?«
»Calm down.«
»Du hast sie wohl nicht mehr alle!«
»Eh, nun hab dich nicht so.«
»Fick dich!«
»Genug jetzt. Hol mal tief Luft.«
»Ich hab genug Luft, du Depp!«
»Ja, ich merk’s.«
»Kackfresse. Leck mich!«
»Möchtest du mir vielleicht mal erklären, was genau das Problem ist?«
»Nein, das müsste dir ja wohl klar sein!«
»Oh nein, das ist es keineswegs.«
»Penner! Querkopf! Rüpel!«
»Sagst du mir jetzt endlich mal, was los ist?«
»Tu ich nicht, denk gefälligst nach!«
»Und worüber genau? Vielleicht gibst du mir wenigstens einen Anhaltspunkt?«
»Wozu? X-mal dasselbe mit dir!«
»Yvonne, was ist mit dir?«
»Zieh aus!«

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Of course you can have online everything free of charge,

but for good reason you have decided for a book.

alphascript

Copypress Commons

Wer ist Frederic P. Miller? Wer das heute noch nicht weiß, wird es sicherlich morgen schon tun. Oder er ist kein aufmerksamer Wissenschaftler. Denn der Hans Dampf in allen Gassen der Forschung ist einer der produktivsten Autoren unserer Zeit. Und er kennt sich in nahezu allen Wissensgebieten aus. Ein Universalgelehrter am Fließband der Druckerei. Mittlerweise gibt es 16.311 Titel bei Amazon.de von ihm, sogar 20.149 Bücher bei goodreads, die auch fast alle Bestnoten von ihren Lesern erhalten. Ein Phänomen der Mann. Aus der Forschungslandschaft ist er inzwischen kaum noch wegzudenken. Keine ernstzunehmende Bibliothek kann es sich leisten, auf seine Publikationen zu verzichten.

Miller hat auch viele fleißige Kollegen. Lambert M. Surhone zum Beispiel, wie André Vatter auf basicthinking.de berichtet:

Gibt man seinen Namen bei Amazon ein, poppt einem das Suchergebnis entgegen: insgesamt 21.568 Einträge. Dasselbe gilt übrigens auch für seine beiden Kollegen Miriam T. Timpledon und Susan F. Marseken. Ich habe es nicht im Kopf, doch ich glaube, dass Stephen King als der wohl produktivste Autor unserer Zeit gilt – er bringt es bei Amazon auf gerade einmal 2.888 Ergebnisse

Debora Weber-Wulff fand am 23.11.2011 auf amazon.com sogar 230.556 Publikationen des Autors Lambert M. Surhone, der im Schwesterverlag Betascript veröffentlicht. Heute gibt es von Surhone bereits 233.899 Bücher. Das sind mal eben 3.342 neue Bücher in 10 Wochen. 334 Bücher pro Woche. 47 Bücher pro Tag. Bei acht Stunden Schlaf entspricht das 3 Büchern pro Stunde. Wow! Ich bin froh, wenn ich mal so viele Seiten am Tag schreibe. Wie schaffen die das nur? (mehr …)

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Ist der Fall Guttenbergs ein Sieg der Wissenschaft? Markiert der Aufstand im Elfenbeinturm die Geburt einer „neuen vernetzten Öffentlichkeit“? Welche Bedeutung hat die akademische Revolte für Kultur oder Wissenschaft? Notizen zu einer offenen Debatte.

Protest- und Triumphnoten

Mag der Fall Guttenbergs in die Geschichtsbücher eingehen, im Gesichtsbuch ist er längst verewigt. Mehr noch, der Fall scheint sich einzureihen in die denkwürdige Serie der „Facebook-Revolutionen“. Während unter dem Label die Bedeutung des Internets für die Aufstände in der arabischen Welt kontrovers diskutiert wird, wird nun auch hierzulande ein Sieg des Netzes über die Politik gefeiert.

KTG sei „der erste Minister, den das Internet gestürzt hat“ schreibt Robin Meyer-Lucht auf carta: „Der Rücktritt von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg ist eine Schlappe für die Bild-Zeitung und ein Beleg für den wachsenden Einfluss kollektiver Informationsverarbeitung im Internet.“

„Netz schlägt Bild“, twittert auch Netzwelt-Ressortleiter Christian Stöcker und titelt auf Spiegel Online: „Netz besiegt Minister“. Die digital mobilisierte Wissenselite Deutschlands habe den beliebtesten Politiker des Landes zu Fall gebracht. Das mochte auch das „Springer-Schlachtschiff“ nicht mehr verhindern.

Markus Beckedahl von netzpolitik ist da skeptischer. Seiner Meinung nach waren „das Internet und kollektive Prozesse wie das Guttenplag-Wiki oder andere Aktionen […] wichtige Bestandteile, die dann zum Rücktritt führten. Aber ohne die traditionellen Medien wäre das so nicht passiert.“ Nichtsdestotrotz sieht er „eine gewachsene vernetzte neue Öffentlichkeit, wo das Internet nicht mehr wegzudenken ist.“ (siehe auch Beckedahls Interview in der Berliner Zeitung)

Nicht das Internet allein ist an allem schuld, aber ohne das Netz wäre nichts gegangen alles anders verlaufen, darin ist man sich weitgehend einig. Vor allem der von Doktoranden initiierte offene Brief an Angela Merkel mag hierbei eine entscheidende Rolle gespielt haben. Inzwischen drückt er den Unmut von mehr als 60.000 Unterzeichnern aus. Dabei war er nicht die erste und einzige, nur die eindrucksvollste Artikulation einer wachsenden Unzufriedenheit der akademischen Welt mit dem Verhalten ihrer Regierung.

Am 22.02.2011 forderten die Sprach- und Literaturwissenschaftler der LMU München den Bayerischen Staatsminister für Wissenschaft, Forschung und Kunst Dr. Wolfgang Heubisch in einem offenen Brief dazu auf, dem öffentlichen Eindruck entgegenzutreten, es handele sich in dieser Sache „um einen Kavaliersdelikt wie Falschparken […], das im Wissenschaftsbetrieb allerorten üblich sei“, und „nur ausnahmsweise von Linksradikalen aufgedeckt“ werde.

Am selben Tag rief Lutz Hachmeister, habilitierter Medienhistoriker und ehemals Leiter des Grimme-Instituts, weitere promovierte Wissenschaftler dazu auf, sich seiner Erklärung anzuschließen: „um für die Wissenschaft und die intellektuelle Würde zu retten, was zu retten ist, werden wir unseren Doktortitel solange nicht führen, solange Freiherr zu Guttenberg noch als Minister dieses Land vertritt.“

Dem „Offenen Brief“ der Doktoranden vom 24.02. folgt am 28.02 eine „Erklärung von Hochschullehrerinnen und Hochschullehrern„, in dem sich hunderte Professoren über das Vorgehen des Ministers entrüsten. Die sich vermehrenden, aber vereinzelten Protestaktionen ließen in vielen Foren und Blogs bald die Frage aufkommen, warum man sich nicht koordiniere, um die Kräfte zu bündeln.

Doch dafür blieb keine Zeit mehr. Der Minister kam der Bildung einer geballten Allianz der Wissenschaft zuvor und erklärte gestern überraschend seinen Rücktritt. Umso bemerkenswerter scheint der Erfolg der medialen Selbstorganisation akademischer Initiativen in der „vernetzten neuen Öffentlichkeit“, die alle etablierten Dispositive der politischen Machtspiele außer Kraft setzte.

Der Freitag gratuliert:

es waren genau die Universitären, die oft belächelten Gelehrten, die Elfenbeinturmbewohner, die Nicht-Bild-Leser, die hier die Machtprobe gegen die Bild-Zeitung und einen Bild-gestützten Umfrageliebling gewagt und gewonnen haben. […] Sie haben ihren Begriff von Wahrheit und Ehre verteidigt und sich selbst darauf verpflichtet. Dem Wissenschaftsbetrieb kann das nur gut tun.

Während der Sieg der vernetzten akademischen Öffentlichkeit über ein scheinbar übermächtiges politisch-mediales Bündnis gefeiert wird, regen sich nun aber auch warnende und skeptische Stimmen. Trotz der ermutigenden Ereignisse artikulieren sie ein gewisses Unbehagen an den Umständen und Folgen der akademischen Netz-Revolte. (mehr …)

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