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Posts Tagged ‘Plagiat’

aus gegebenem Anlass

Ich sage es lieber gleich: An den folgenden Überlegungen ist nichts originell. Jedenfalls nicht in dem Sinne, dass sie auf original von mir stammenden Gedanken beruhen würden. Nein, das ist alles nur geklaut. [1] Allerdings nutze ich nicht nur ordnungsgemäß eine Fußnote, um die Quelle anzugeben, sondern ich habe mir sogar die Mühe gemacht, ein anderes Beispiel zu wählen, damit der Klau nicht gleich auffällt: Man Ray-Plagiate im Web 2.0. Ja, auch plagiieren will gelernt sein. Und vielleicht entsteht durch die leichte Variation in der Aneignung dann doch ein sogenannter Mehrwert. Es geht mit der Kunst des Plagiats also um einen möglichen derzeitigen Wandel von Autorschaftskonzepten: weg vom Originalgenie und hin zu positiv gewerteter Nachahmung?

Vielleicht kann man auch sagen: zurück zur Kunst der Nachahmung. Denn in gewissem Sinne lässt sich hier eine Ideenähnlichkeit zwischen einem vorbürgerlichen, adligen Kunstverständnis und der sogenannten Postmoderne ausmachen. Nicht nur in der ritualisierten Nachahmung religiöser Kunst, auch in der stärker ästhetisch ausgerichteten Kunstproduktion war das copy + paste berühmter Kunstwerke lange gang und gäbe und die Plagiatoren hochangesehen, machten sie ein Bild doch erst überregional bekannt. Anders als heute, wo wir nicht nur per Flugzeug recht geschwind das Original in Museum xy aufsuchen können, sondern auch per Bildband oder Internetbildersuche uns schnell einen Eindruck davon verschaffen können, war das früher schließlich nicht so einfach möglich.

Erst das Bürgertum wertete das Originalgenie auf, und zwar sowohl aus psychologischen als auch aus ökonomischen Gründen. Die frühen aufstrebenden Bürger hatten im Gegensatz zum Adel keine lange Familiengenealogie vorzuweisen. Kam es bei adligen Stammbäumen gerade darauf an, dass die nachfolgenden Generationen möglichst als Nachahmungen ihrer Stammväter zu erkennen waren – zu nennen wäre etwa die berühmte Habsburger Lippe – so musste das Bürgertum aus Mangel an berühmten Vorfahren und in Abgrenzung zum Adel geradezu zwangsläufig das Neue positiv setzen, um sich psychologisch Legitimität zu verschaffen. Der ökonomische Grund wiederum war das Urheberrecht: Nur für Originale gab es Geld.

Doch vielleicht war die Moderne nur ein historischer Sonderfall. Vielleicht ist dieses bürgerliche Intermezzo schon wieder vorbei bzw. hat das Bürgertum mittlerweile selbst seine Traditionen, die es bloß noch nachzuahmen gilt. Dies geschieht nicht nur in der offiziellen Kunstszene, wo zeitgenössische Künstler_innen ihre eigenen früheren Werke oder die Werke anderer Künstler_innen abmalen. Ähnliche Strategien lassen sich auch in der Popkultur des Web 2.0 ausmachen, wie sie sich z.B. auf flickr zeigt.

Hier nun das angekündigte Beispiel: (mehr …)

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In einer dramatischen Wendung der Ereignisse wurde soeben bekannt, dass Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg in seiner Dissertation doch nicht abgeschrieben hat. Die fehlenden Quellenverweise sind in einem Zusatzband erschienen. Mit dieser Enthüllung wird der Verteidigungsminister von allen Vorwürfen entlastet. Die gegen ihn geführte Schmutzkampagne, welche es sich zum Ziel gemacht hat, den guten Ruf und das Ansehen von zu Guttenberg zu beschädigen, hat damit endlich ein Ende.

Bereits 1971 publizierte zu Guttenberg die angeblich fehlenden Fußnoten in einem gleichnamigen Werk. Lange Zeit wurde dieser Band fälschlicherweise als Autobiographie des Großvaters des heutigen Verteidigungsministers interpretiert. Erst nachdem bekannt wurde, dass Karl-Theodor zu Guttenberg in seiner Kindheit eine Zeitmaschine erfand, mit der er Anfang 2007 knapp 40 Jahre in die Vergangenheit reiste, um die Fußnoten zu seiner Dissertation in einem postmodernen Schelmenstreich bereits vor seiner Geburt zu publizieren, konnte diese Fehleinschätzung berichtigt werden. (mehr …)

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Eine neue Stimme der jungen deutschen Literatur sei geboren – so lauteten die großartigen Schlagzeilen, als Helene Hegemann, die 17 jährige Berlinerin, kürzlich ihr Debüt „Axolotl Roadkill“ vorlegte. Wie sich nun herausstellt, sind Teile des Romans geklaut – abgeschrieben von einem Blogger namens Airen und seinem Internetroman „Strobo“, der – dummerweise – parallel zum Blog auch im Druck beim SuKuLTur-Verlag erschienen ist.

Die Autorin kümmert`s wenig – abgeschrieben, ja na klar, aber sie sagt, ihr Verhalten sei legitim.

Ihre Verlegerin meint, für den Verlag (Ullstein) sei dieses Vorgehen nicht repräsentativ. Über die Verantwortung der doch ziemlich jungen Autorin – aufgewachsen mit der „Sharing-Kultur“ des Internets (und ihr deswegen wahrscheinlich auch vollständig ausgeliefert) – könne man allerdings streiten.

Der Verleger des SuKuLTur-Verlags findet die Situation – vermutlich in Absprache mit dem betroffenen Blog-Autor – bedauerlich: Das Vorgehen ist Scheiße, „Axolotl Roadkill“ findet er aber gut und der Jungautorin will er nicht schaden … Mal sehen, wie man sich da einigen kann.

Irgendwie scheint niemandem peinlich zu sein, beim Plagiatsschwindel mitzumischen und aufzuregen scheint es auch niemanden. Ich denke an Paul Celan und die Goll-Affäre Anfang der sechziger Jahre: Da war es ein existentielles Verbrechen, allein den Vorwurf des Plagiats an Celan zu richten, ein perfider Rufmord, der nicht stimmte und unter dem Celan selbst körperlich litt – von weiteren finanziellen, sozialen und karrierebegleitenden Konsequenzen einmal abgesehen.

Heute, so scheint es, ist sogar das rechtmäßige Konstatieren eines ‚echten’ Plagiats kein Grund zur Aufregung mehr. Irgendwie scheinen ziemlich viele Leute einen hinreichenden Grund zu finden, warum es nicht schlimm ist, wenn sich eine junge Autorin frei bedient bei anderen, das auch noch als ihre „Echtheit“ ausgibt und sich von ‚Mama-Verlegerin’ mit ihrem jungen Alter entschuldigen lässt, aus dem offensichtlich in kausaler Notwendigkeit eine mangelhaft ausgebildete Medienkompetenz resultieren darf und das ist ok („Wir waren doch alle mal jung und dumm …“).

Gibt es im Bloggeruniversium respektive ‚Internet’ überhaupt kein Wertbewusstsein für Originalität bzw. ein Plagiatstabu? Ist wirklich alles ganz frei und kann jeder sich an allem bedienen? Entschuldigt Alter eigentlich alles?

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