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Posts Tagged ‘Postkolonialismus’

Am 23.09.1981 gab die Nachrichtenagentur Associated Press anlässlich der Einstellung der staatlichen Finanzierung des NASA Programms für die Suche nach extraterrestrischem Leben SETI folgende Meldung heraus:

Falls es irgendwo in der Weite des Weltraums eine Zivilisation gibt, haben diese Außerirdischen bis morgen abend Zeit, sich in den Vereinigten Staaten zu melden.

Was man in der noch wenig erforschten Rubrik astrobürokratischer Agenturmitteilungen verbuchen kann, geht zurück auf das Betreiben des Senators William Proxmire, der bereits 1977 erklärt hatte:

Unsere begrenzten staatlichen Fördermittel können hier auf der Erde viel bessere Verwendung finden.

Ignorierte  Kontaktaufnahmen

Die weitere Suche konnte er auf Dauer natürlich trotzdem nicht verhindern. Immer wieder gibt es neue Anläufe, unsere kosmischen Nachbarn oder gar Verwandten in den Weiten des Alls aufzuspüren. Aber immer wieder scheitern diese Bemühungen nicht nur an ausbleibenden Erfolgen, sondern am Geld. So wurden auch die ambitionierten Projekte des Terrestrial Planet Finder der NASA und des Darwin Telescope der ESA aus finanziellen Gründen wieder gestrichen. Ob es in diesen Fällen auch eine entsprechende Mitteilung der zuständigen intergalaktischen Einwohnermeldeamtsbehörden gab, ist mir nicht bekannt.

Die menschliche Neugier in Gestalt ehrgeiziger Wissenschaftler kann und will sich aber auf die Effizienz astrobürokratischer Bekanntmachungen ohnehin nicht verlassen. Statt darauf zu vertrauen, dass die Außerirdischen unseren Meldeaufforderungen erwartungsgemäß Folge leisten, kann es schließlich sein, dass wir es sind, die deren telekommunizierte Kontaktaufnahmeappelle schlechterdings ignorieren. So vermutet Geoffrey Marcy, einer der größten Kapazitäten auf dem Gebiet der Exoplanetenforschung:

Wenn es in der Galaxie von hochentwickelten Leben wimmelt, […] dann werden einige Aliens vielleicht versuchen, mit uns zu kommunizieren. Vielleicht haben sie ihre Laser schon direkt auf uns gerichtet und wir sehen einfach nicht hin?

Das Galaktische Internet

Photo Andreas Dieberger, 5/2001

Galactic Internet Cafe, Hawaii
Photo Andreas Dieberger, 5/2001

Mit dieser Hoffnung, dass es also wahrscheinlich Laserstrahlen sein werden, mit denen die Aliens untereinander und möglicherweise auch mit uns kommunizieren, versucht Marcy nun „the great galactic Internetaufzuspüren, wie er in einem Interview mit New Scientist erklärt. „Denn wenn es Aliens gibt und wenn sie hochentwickelt sind und wenn sie sich im Weltraum bewegen“, kommentiert der bloggende Astronom Florian Freistetter das Projekt: „dann müssen sie auch irgendwie kommunizieren.“ Und das gehe nun mal am besten mit Licht.

Wer aber über ein galaktisches Netz aus Laserstrahlen kommuniziert, der muss sich mindestens solche Teleskope leisten können, die unseren Sparzwängen zum Opfer fallen. Also könnten die Aliens auch die Erde damit entdeckt und ihrerseits eine Kommunikationsaufforderung an uns geschickt haben. Lightmails, sozusagen. Dummerweise haben wir nur keine Ahnung davon: (1) ob wir sie bekommen haben und (2) wie wir sie lesen sollen. Wir Lichtpostempfänger tappen noch völlig im Dunkeln, können aber wenigstens schon mal anfangen, unseren Briefkasten zu suchen.

Interplanetarische Kommunikationsprobleme

Doch abgesehen davon, wie kompliziert schon irdische Diplomatiebeziehungen sind: Was versprechen wir uns eigentlich von einem interplanetarischen Kulturkontakt? In seinen 1997 aus dem Nachlass herausgegebenen astronoetischen Glossen vermerkt der Philosoph Hans Blumenberg, als an galaktisch vernetzte Lichtkommunikation noch nicht zu denken war:

Nur wer ganz anders wäre als wir, könnte den Funkspruch aussenden, der uns ein Licht aufgehen ließe, wie man es macht, noch eine Jahrmillion nach Erfindung des Funkverkehrswesens nicht zugrundegegangen zu sein.

Denn solche Lehrmeister müßten rechtzeitig vor uns durch Einstieg in die Evolution mit allem angefangen haben, um uns wenigstens die Angst zu nehmen, es könne nicht anders als übel ausgehen, wenn man es erst einmal soweit gebracht habe. Eine Jahrmillion ist noch nicht einmal der Wert, den ein Funkspruch für die Distanz von der uns nächsten Weltinsel, dem Andromedanebel, benötigte – und wir sollten doch zur Klarheit der Belehrung annehmen dürfen, daß die Aussender des Funkspruchs beim hiesigen Empfang noch das vertreten könnten, was sie uns empfehlen, und unsere Danksagung nochmal eine Jahrmillion später mit verbessertem Gerät entgegennehmen würden.

Solche Lehrmeister müßten ganz anders sein als wir und doch verständlich für uns, sonst wäre alles vergeblich. Dieses Paradox wird von dem Tage an die Welt beschäftigen, an dem der Spruch entziffert wäre, der aus der großen Parabolantenne kommt. Er müsste deutlich und genau sein, denn für Rückfragen ist keine Zeit; sie kosten mehr als eine ganze Menschheitsgeschichte. Es wäre sicher eindrucksvoll, sollte sich nur aus zwei Worten die Aufforderung entnehmen lassen: Liebet einander! Aber das genügt nicht. Es hat schon einmal einer, der von sehr weit hergekommen war, eben dieses sehr eindringlich gesagt. Rückfragen hat allerdings auch er sich durch Himmelfahrt entzogen. (H. Blumenberg, „Funksprüche“, in: Die Vollzähligkeit der Sterne, Frankfurt/M. 2000).

In Anbetracht des riesigen Evolutionsvorsprungs, den man Aliens gemeinhin zurechnet, könnte Ihre Botschaft an uns, aufgrund jahrelanger zivilisatorischer Erfahrungen mit Haushalts- und Kommunikationsproblemen vielleicht auch lauten:

Falls es irgendwo in der Weite des Weltraums eine Zivilisation gibt, deren begrenzte staatliche Fördermittel auf ihrem Planeten keine bessere Verwendung finden, dann haben diese Außerirdischen bis morgen abend Zeit, sich bei uns zu melden.

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Die Republik ist seit Jahren in Diskussionen um das Kopftuch verstrickt. Sind diejenigen, die es tragen, nun allesamt Islamistinnen? Oder sind sie Opfer patriarchalischer oder islamischer Unterdrückung? Oder sind es selbstbewusste Frauen, die ihr Recht auf kulturelle Selbstbestimmung gegen einen rassistischen Mainstream durchsetzen? Wollen die islamischen Männer ihre Frauen zwanghaft verhüllen oder die „weißen Männer“ die „braunen Frauen“ zwanghaft enthüllen? Und wer hat das Recht, welcher Frau wann vorzuschreiben, was sie zu tragen hat und was nicht? Und wer will das überhaupt? Dank eines Durchbruchs im interkulturellen Dialog, haben diese Verwicklungen nun ein Ende.
Der Kompromiss ist so genial, weil er das Problem quantitativ-arithmetisch löst. Bislang war das durchschnittliche Stück Stoff, aus dem der sich verhüllende Teil der Muslimas ein Hijab wickelt, – so die gängige Metapher – ungefähr einen Quadratmeter groß, also 100 cm lang, 100 cm breit und 10.000 Quadratzentimeter in der Fläche. Bisher war die Debatte ziemlich polarisiert: Die einen wollten eben diese 10.000 Quadratzentimeter, die anderen wollten genau 0 Quadratzentimeter Kopftuch. Nun schlägt das Antirassistisch-Interkulturelle Informationszentrum in Berlin im Rahmen seiner Tage des interkulturellen Dialogs den langerwarteten Kompromiss vor: Das 100-Quadratzentimeter-Kopftuch. 100 Quadratzentimeter, das ist zum Beispiel eine Fläche von zehn Zentimetern Länge und zehn Zentimetern Breite. Schneidet man ein DIN A4-Blatt in sechs gleichgroße Beinahe-Quadrate, hat man sechs solcher 100-Quadratzentimeter-Stücke. Das vorgeschlagene Kompromisskopftuch ist somit kleiner als die meisten Yarmulken und dürfte zu keinen hitzigen Debatten mehr führen, so dass sich die Öffentlichkeit anderen Matheaufgaben zuwenden kann, beispielsweise der Höhe von Minaretten oder der Reichweite von Eurorettungshebeln.

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Es ist nun schon fast eine Woche her, aber noch immer kommt das Gespräch darauf, trifft mensch auf Leute, die demselben Event beiwohnten. Und immer wieder die Frage: War das inszenierte Selbstdemontage, die letztlich in der Logik der theoretischen Aussage lag, oder war es dann doch beginnende Alterssenilität? Die Rede ist von Gayatri Chakravorty Spivak, einer der Berühmtheiten im Bereich der Postcolonial Studies, und ihrem Vortrag am 21. März an der Universität Frankfurt, zusammen mit Judith Butler – einer der Berühmtheiten der Gender Studies.

An diesem Abend ging es nicht speziell um Subalternität in post-, neo- oder sonstig kolonialen Kontexten und auch nicht um sex, gender, sexuality, desire und die heteronormative Matrix, sondern ganz grundsätzlich um die Frage „What is critique?„.

Trotz Parforceritt durch die Geschichte des Kritikbegriffs in der Philosophie, kam schon in den einleitenden Kurzvorträgen von Nikita Dhawan und María do Mar Castro Varela das Unterhaltungsmoment, das den gesamten Abend auszeichnete, nicht zu kurz. (mehr …)

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Nun hat sie es also tatsächlich getan. „I did this lecture; I’ll think about the prize“ – was Freitagabend noch als schlagfertige Antwort hätte durchgehen können, hat nicht nur zu einem tatsächlichen Überdenken, sondern auch zu dessen Konsequenzen geführt: Judith Butler hat den Zivilcouragepreis des Berliner CSD abgelehnt.

Doch der Reihe nach. Zahlreiche Zuhörer_innen strömten an diesem windigen, aber noch sommerlichen Freitagabend zur Berliner Volksbühne. Vor dem ausverkauften Grossen Haus sollte die vermeintlich angehende Preisträgerin des Zivilcouragepreises 2010 einen Vortrag über „Queere Bündnisse und Antikriegspolitik“ halten. Noch bevor die bekannte Philosophin, Literaturwissenschaftlerin und Querdenkerin aus Berkeley etwas gesagt hatte, erhob sich tosender Applaus. Judith Butler ist Popstar der Gendertheorie, hat dabei aber sympathisch wenig Starallüren. Ruhig und bescheiden im Auftreten, las sie mit angenehm melodischer Stimme ihren Vortrag in fließendem Deutsch vor. Der leichte Akzent und das gelegentliche Hadern mit der Aussprache waren eher dazu angetan, die Sympathien des Publikums – sofern nicht ohnehin schon vorhanden – zu gewinnen, es in ihr von Anfang an verwendetes ‚wir‘ hineinzuholen:

Hier und heute wollen wir uns stärken. Heute Abend sitzen wir in einem Saal, doch die Straße ist Teil unseres Lebens.

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Das Verhältnis von Kolonialismus, Antikolonialismus und Emanzipation ist vieles, aber gewiss nicht eindimensional; dennoch wurde es oft genug eben so gedacht. [1] Beispielsweise vor gut dreißig Jahren von meinem Vater, der als Kader einer – zuletzt durch Sven Regeners Neue Vahr Süd zu neuer Prominenz gekommenen – maoistischen K-Gruppe glaubte, jede Einmischung eines Staates in einem anderen sei imperialisitisch und böse, jeder Kampf gegen eine solche Einmischung antiimperialistisch und gut, was dann folgerichtig zu einer Parteinahme für das „Demokratische Kampuchea“, soll heißen für die Roten Khmer, und gegen den „vietnamesischen Imperialismus“, soll heißen gegen die Beendigung des Massenmordes in Kambodscha, führte.

Genauso eindimensional nur in umgekehrter Richtung machte es sich 100 Jahre zuvor Jules Ferry, als er die bis heute fortwesende [2] Idee der mission civilatrice ausformulierte, nach der die Eroberung und Kontrolle eines „unzivilisierten“ Landes durch die Kolonialmacht den Kolonisierten nach einiger Zeit zum „zivilisierten“ Glück  gereichen sollte – dass die Realität nicht nur im französischen Imperium anders aussah, bedarf keiner weiteren Ausführung.

Weitere 30 Jahre zuvor glaubte Marx irgendwo zwischen diesen Polen zu wissen, der Kolonialismus sei grausam und das von ihm angerichtete Leid „sickening“, doch erfülle er dabei die Aufgabe, mit überkommenen Ordnungen, mit „despotism“, „superstition“ und „traditional rules“ aufzuräumen und somit den Weg für die angedachte „wirkliche“ Emanzipation freizumachen – auch das hat, vorsichtig ausgedrückt, so nicht hingehauen.

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Die Fußball-WM steht vor Tür oder besser vor dem Kontinent. Denn anstatt in heimischen Gefilden müssen unsere Soccer-Gurus ihre Fähigkeiten diesmal auf dem afrikanischen „SubKontinent“ unter Beweis stellen. Neben allerlei fußball-martialischer Ästhetik erwartet den hoffnungsvollen Zuschauer dabei auch die eine oder andere Lektion in Sachen Biologie und Genetik. Im Interview mit dem Tagesspiegel ließ Bundestrainer Joachim „Jogi“ Löw seine Expertise bereits anklingen und konstatierte in Bezug auf den zukünftigen Gruppengegner Ghana:

Physisch haben die Afrikaner vielleicht durch ihre Genetik allen anderen etwas voraus.

Da der Jogi als Vertreter der postkolonialen Biologie(wissenschaft)en nach 1945 sich aber durchaus der Problematik des Genetikbegriffs bewusst ist, präzisiert er an anderer Stelle seine Vorstellungen weiter:

Die Afrikaner haben enorme Vorteile, weil sie genetisch bedingt eine unglaubliche Ausdauer, Schnelligkeit und körperliche Präsenz mitbringen.

Die jeweiligen Interviewpartner und anwesenden Pressevertreter scheinen mit dieser Form der Rhetorik kein Problem zu haben. Mit Verweis auf den BundesJogi zitieren sie das deutsche Sieger-Gen und könnten somit dazu beitragen, dass das Konzept des Postkolonialismus auch in Deutschland endlich einer breiten Öffentlichkeit verständlich wird.

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