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Posts Tagged ‘Rassismus’

Vier Menschen auf dem Podium in roten Sesseln, dahinter ein Screen mit dem Titel der Veranstaltung

Miriam Mandelkow, Andreas Nohl, Mithu M. Sanyal und Ingo Herzke (v.l.) auf dem Podium der Buchmessen-Veranstaltung »N-Wort und Gender-Gap: Wie politisch korrekt sind Übersetzungen?«; Foto: mimmiamara

Nachdem in den akademischen Kreisen, in denen ich mich lange aufgehalten habe, schon vor etlichen Jahren eine Auseinandersetzung mit diskriminierungssensibler Sprache stattfand, scheinen solche Fragen nun endgültig auch bei einem Großteil künstlerischer Praktiker*innen des Literaturbetriebs virulent zu sein. Nach einer Fortbildung im Literarischen Colloqium Berlin im September (vgl. meinen Fortbildungsbericht) gab es auch auf der Frankfurter Buchmesse eine Veranstaltung mit dem Titel »N-Wort und Gender-Gap: Wie politisch korrekt sind Übersetzungen?« Auf dem Podium saßen Miriam Mandelkow, Übersetzerin aus dem Englischen, Andreas Nohl, Autor, Herausgeber und Übersetzer aus dem Englischen, und Mithu M. Sanyal, Kulturwissenschaftlerin, Journalistin und Autorin. Moderiert wurde das Gespräch von Ingo Herzke, Übersetzer aus dem Englischen. (mehr …)

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Am 5. September hatte das Literarische Colloquium Berlin zu einer ganz­tägigen Übersetzer*innen-Fortbildung zum Thema »Fremde Texte – eigene Texte« eingeladen. Die Übersetzerinnen Gabriele Leupold und Eveline Passet, Kuratorinnen dieser Fortbildungsreihe, sagten einleitend, das Thema sei u.a. inspiriert von der Welle hoch­kochender Emotionen im Mailing-Forum des Berufs­verbands der Literatur­übersetzer*innen, nachdem der Verbands­name geschlechter­gerechter angepasst wurde zu »Verband deutsch­sprachiger Übersetzer/innen literarischer und wissen­schaftlicher Werke e.V.« (mit Slash, also keines­wegs allzu neu­modisch oder diversere Geschlechter mitberück­sichtigend, und man kann nicht behaupten, dass der Name vorher besonders griffig gewesen wäre, weshalb intern ohnehin alle nur VdÜ sagen). Es solle jedoch nicht nur um das Gendern gehen, sondern all­gemeiner darum, inwieweit wir beim Über­setzen von Texten eigene An­passungen vornehmen.

Referent am Rednerpult, neben ihm an die Wand projiziert steht

Anatol Stefanowitsch stellte seinem Vortrag im LCB eine Inhaltswarnung voran.

Um hoch­kochende Emotionen ging es auch im Vortrag des Sprach­wissenschaftlers Anatol Stefanowitsch, bekannt u.a. durch Sprachlog.de und den »Anglizismus des Jahres«. (mehr …)

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Buchcover Stefano Benni: Prendiluna. Roman

© Verlag Klaus Wagenbach

Ich übersetze gerade Stefano Bennis Prendiluna, einen angenehm abgedrehten Roman über den Wahnsinn dieser Welt im Allgemeinen und der italienischen Gesellschaft im Besondern und darüber, wie man es schafft, unter diesen Umständen zu den »Gerechten« zu gehören. In einem Kapitel besucht die Protagonistin Prendiluna (eine pensionierte Lehrerin, die ihre zehn Katzen an zehn Gerechte verschenken muss, um die Apokalypse zu verhindern) eine ehemalige Schülerin, die nun in einem Sexshop arbeitet. Diese schenkt ihr zum Abschied ein Dildofon.

Der Klingelton dieses Dildofons besteht im italienischen Original aus zwei Zeilen des Scherz­lieds »Mal d’Africa« (Afrikaweh), auch bekannt unter den Titeln »Africa lontana« (Fernes Afrika), »Il pianto di Zambo« (Zambos Klage) oder einfach »La canzone di Zambo« (Zambos Lied), nämlich:

»La negretta disse a Zambo
Non ti voglio senza gambo«

(Die kleine [N-Wort] sagte zu Zambo
Ohne Stängel will ich dich nicht).

Wie gehe ich damit in der deutschen Übersetzung um? (mehr …)

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Der mutmaßlich rassistische Mord an Trayvon Martin Ende Februar in Florida und die ausbleibende Verfolgung des Mörders haben zahlreiche nachvollziehbar Debatten nach sich gezogen: über Rassismus, über Vigilantismus, über Schusswaffen in Privathänden und über Floridas „Stand-your-ground law“, nach dem das bloße Gefühl einer Bedrohung ein hinreichender Grund zur bewaffneten „Selbstverteidigung“ ist. Ein hohes Maß an Aufmerksamkeit wird dabei auch dem Kleidungsstück zuteil, welches das Opfer trug: dem Kapuzenpulli. Relativ dicht am unteren Ende des Debattenniveaus finden sich wie zu erwarten Kommentare des „konservativen“ TV-Nachrichtensenders Fox News. Dessen Kommentator Geraldo Rivera gab folgendes Musterbeispiel für Victim-Blaming zum Besten: (mehr …)

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Manchmal drängt das innere Kopfschütteln nach außen und ich spüre den Windhauch auf den Wangen. Zum Beispiel vor Kurzem, als ich unter der Rezension eines Sammelbandes zu Judenbildern in Literatur und Film, in dem gerade die Konstruiertheit ‚des Juden‘ (im namenlosen Singular) herausgestellt wurde,  den Link „Bin ich Jude? Genetische Herkunftsanalysen, Judentum DNA-Test“ fand. Dort wird mit Aussagen wie

Im Gegensatz zu Dokumenten sind genetische Informationen fehlerfrei.

mit dem Wunsch der Menschen nach „Gewissheit“ über ihren ‚Ursprung‘ gerechnet und Geld verdient – schließlich kostet so ein Test ab 105 Euro aufwärts. Indirekt wird mit solchen Behauptungen auch die Aussagekraft von Natur- vs. Kulturwissenschaften verhandelt. Obwohl die Schweizer Firma zugibt, dass sich über die Jahrhunderte nur eine „gewisse“ genetische Homogenität herausgebildet habe und „[j]e nach genetischem Profil […] eine eindeutige Zuteilung nicht möglich“ sei, verspricht sie doch, „über Ihre wahre Abstammung“ zu informieren.

Mich interessiert vor allem mein Urstamm, zu welchem Volk ich gehöre,

soll mir eingeredet werden, und unter den Top 4 scheint neben jüdischer Abstammung die von Wikingern, Kelten und Germanen zu stehen, wie die Verlinkung nahelegt.

Angeblich sollen die genetischen Studien zeigen, dass Rassismus Unsinn ist, weil nur sechs Prozent aller Deutschen väterlicherseits germanischen Ursprungs sind, während jeder Zehnte jüdische Vorfahren habe. Die Fixierung auf die ‚Wahrheit der Gene‘ aber birgt m.E. die Gefahr, erst recht so etwas wie ein ‚jüdisches Gen‘ zu postulieren und gesellschaftlich, familiär, religiös, kulturell und politisch bedingte, historisch gewachsene Differenzen zu essentialisieren. Die folgende Begründung aus dem Artikel zum Thema auf Hagalil.com erschließt sich mir logisch jedenfalls nicht sofort:

Durch die sich wiederholenden Judenverfolgungen und -verdrängungen entwickelte sich über die Jahrhunderte eine gewisse genetische Homogenität, die durch einen DNA-Test sichtbar wird.

Der Artikel auf dieser Internetplattform zu jüdischen Themen wird übrigens auch von der Schweizer Firma verlinkt, allerdings unter einer eigenen URL, die ihnen erlaubt, nur eigene Werbung um den Artikel herum zu schalten. Fazit: Mit dem Ausspielen der Naturwissenschaft gegen die Geistes- und Kulturwissenschaften lässt sich hier offensichtlich Geld machen – dass es unbedingt zu einer höheren ‚Wahrheit‘ führt, würde ich bezweifeln.

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