Feeds:
Beiträge
Kommentare

Posts Tagged ‘Rezension’

Dieses Buch kann man nicht rezensieren. Man kann es nur zitieren. Denn alles, was man beim Lesen über das Buch denkt, artikuliert es kurz darauf selbst.

„Gerald Linds literarisches Debüt Zerstörung ist, die Terminologie des Textes aufgreifend, ein Phallogozentrismus auto(r)erotischer Art, eine gut geölte Selbstauratisierungs- und -inszenierungsmaschine, eine Galerie des megalomanischen Self-Making, ausschließlich bestückt mit autohagiographischen Texten, das eigenikonographierte Portrait of the Academic as Angry Young Artist, ein Anti-Entwicklungsroman mit sich verlaufendem Handlungsbogen.“

Blaues Buchcover von Gerald Lind: Zerstörung, mit einer 13 darauf.

Buchcover © Neofelis Verlag

So charakterisiert die „Patentrezension“, die das Buch im „Appendix I“ gleich mitliefert, das Romandebüt des promovierten Österreichers. Vom Verlag als „Roman“ verkauft, steht im Buch selbst: „Ich scheiße auf einen Untertitel. Ich scheiße auf eine gattungspoetische Deklaration.“ Ein Benennungsvorschlag für die Textsorte findet sich dann in einer Fußnote der „I. Hauptrede“, die in Form einer Seminararbeit über den Roman Zerstörung von Gerald Lind verfasst ist: Es handelt sich ihr zufolge um einen „intratextuelle[n] Paratext“. Da der Text zum Paratext nicht existiert bzw. beide in eins fallen, tragen mit Kürzeln belegte Zitate aus dem in den Hauptreden analysierten Roman Zerstörung (wenn sie nicht aus einem anderen Teil des Buches übernommen sind) die Seitenzahl der Seite, auf der sie zitiert werden. Der „Themenkomplex Literatur und/als wissenschaftliches Schreiben“, um den und in dem der ‚Roman‘ somit kreist, wird natürlich ebenfalls vom Autor selbst benannt (S. 69) und ausführlicher beschrieben (S. 109 f.).

Dieser Exorzismus eines promovierten Germanisten und Kulturwissenschaftlers, der das aufgesogene Wissen durch Zerstörung wieder loswerden, aus dem Denk- und Schreibgefängnis der Wissenschaft ausbrechen will, um literarisch schreiben zu können, fing nach Aussage des Autors auf der Rückfahrt von einer Konferenz an, wo er alles listete, was ihn nervt: (mehr …)

Advertisements

Read Full Post »

Lichtwolf 3/2012 (Nr. 39)

Im September diesen Jahres hat der Lichtwolf seine 39. Ausgabe (3/2012) veröffentlicht und im Oktober ist er 10 Jahre alt geworden. Da sagt blogkow: Herzlichen Glückwunsch! und würdigt das Jubiläum mit einem ausführlichen Lektürebericht. Für ungeduldige Leser gibt es am Ende auch ein kleines Fazit.

Die Zeitschrift trotz Philosophie erscheint seit Sommer letzten Jahres (Nr. 34) auch im eBook-Format. Aus gegebenem Anlass, und weil ich neuerdings auch eBooks lese, habe ich mir die Quasi-Jubiläumsnummer in der preisgünstigeren Elektrotintenfassung erworben.

Sie handelt vom

Jenseits des Menschen

Nach einer editorialen Begrüßung durch Timotheus Schneidegger („Man sieht sich!“) wird man von Martin Heilgedder ins Titelthema des Heftes eingeführt, nachdem man sich bereits gefragt haben mag, wie hier wohl von dem Menschen und seinem Jenseits die Rede sein wird: „Der Begriff ‚Menschheit‘ ist die Bedingung der Möglichkeit der Enttäuschung, die jeder Mensch darstellt.“ Dieser transzendentalen Eröffnung folgt eine kleine Retrospektive auf die (moderne) Geschichte der Menschenbilder und -umbildungsprogramme, die in einem anthropofugalen Ausblick auf ihre post- und transhumanistischen Konsequenzen befragt wird: Nano-, Neuro-, Gen- und Biotechnik, moral bio-enhancement – womit wartet der Menschen jenseits auf sich? (mehr …)

Read Full Post »

Irgendwie kann man schon gar nicht mehr völlig vorbehaltlos einen Roman in die Hand nehmen, der sich der DDR-Zeit widmet. Handelt es sich wieder um eines dieser nostalgischen Bücher? Um eine Darstellung ostdeutscher Vergangenheit, die entweder zur dümmlichen Komik verkommt oder der persönlichen Abrechnung dient; anklagt, aber nicht erzählt? Solche Bücher haben ja durchaus ihre Daseinsberechtigung, sind aber nicht unbedingt ein Lesevergnügen … Das kann man nie wissen, was das für ein Buch ist, und muss es daher immer wieder darauf ankommen lassen.

http://www.buchnews.com/wordpress/wp-content/uploads/2011/10/Ruge-In-Zeiten-des-abnehmen.jpg

Eugen Ruge erzählt mit seinem Roman In Zeiten des abnehmenden Lichts. Roman einer Familie (2011) eine Geschichte jüngster Vergangenheit und zwar so, dass man begeistert ist, dass man überrascht ist, beschämt, empört, dass man gerührt wird und lachen muss und am Ende denkt: So vielschichtig kann das Leben gewesen sein. Es ist ein Buch über Beziehungsgeflechte und Familienkonstellationen. Ein Buch, das einem bewusst macht, wie beschränkt die eigene Perspektive auf das Leben ist und dass man selbst von denjenigen, mit denen man aufs engste zusammenlebt, immer nur die kleinen Ausschnitte erfährt, die sie einem verraten oder die man erspürt, ohne sicher sein zu können, was man eigentlich weiß vom anderen. Und dass man manchmal eine Geschichte teilt, ein Leben, einfach nur deswegen, weil man dabei gewesen ist. (mehr …)

Read Full Post »

Wenn man dabei ist, ein jahrelanges Projekt fertigzustellen, gerät das Schreiben oft zu einer seltsamen Sache. Man wundert sich, wohin es einen gebracht hat und zweifelt gelegentlich ob das dort ist, wo man eigentlich hin sollte. Man merkt, dass man von der geplanten Reiseroute abgekommen ist und plötzlich geht es darum, wieder zum Ausgangspunkt zurückzukommen und durch den Akt der Rückkehr den sich dadurch schließenden Kreis als eine runde Sache auszuweisen, die so und nicht anders hatte verlaufen können. Das scheint ein allgemeines Gesetz zu sein. – Oder?

In der Deutschen Verlagsanstalt ist im letzten Jahr ein Buch über die Zehn Gebote des Schreibens erschienen, in dem erfolgreiche Autoren eben genau das tun: die zehn Gesetze aufstellen, die man beherzigen sollte, wenn man ein Buch schreibt. Dabei geht es natürlich vor allem um Romane. Aber warum sollte man auch als Wissenschaftler von den Kollegen aus der Literatur nichts darüber lernen können? – Das ist jetzt gar nicht mein Gedanke, sondern der meiner Freundin, die mir das Buch zu Weihnachten geschenkt hat. Diesem Gedanken will ich nun nachgehen und beschließe, mich unter die Fittiche eines Romanciers zu begeben (dabei fällt mir auf: gibt es gar keine weibliche Form von Romancier?).

Ich klappe das Buch auf und das Los fällt auf den italienischen Schriftsteller Alessandro Baricco, der den deutschen Lesern vor allem durch seinen – sogar verfilmten – Roman Seide (orig. Seta) bekannt geworden ist. Darüber hinaus schreibt Baricco auch Sachbücher u.a. über Musik und betreibt eine private Hochschule für Kreatives Schreiben. Er ist jetzt also mein Coach und dies sind seine Gebote: (mehr …)

Read Full Post »

In Zeiten kollabierender Regime und drohender Staatsbankrotte steigt der Bedarf an prognostischen Kompetenzen. Zuverlässige Informationen über den künftigen Verlauf geopolitischer Entwicklungen versprechen aussichtsreiche Zukunftsperspektiven und gute Chancen, sich mit entsprechendem Wissensvorsprung im ausbrechenden Chaos besser zurechtzufinden oder sogar noch einen Vorteil daraus zu ziehen. Was Rating-Agenturen für den Finanzmarkt und sozio-ökonomische Indizes für die Entwicklungshilfe leisten, haben Wissenschaftler nun durch ein neuartiges Verfahren ergänzt. Wie Zeit Online vor einer Woche berichtete, haben Heidelberger Forscher einen neuen geopolitischen Indikator entwickelt: Den sogenannten ‘Disputindex’, der die Stabilität einzelner Staaten anhand kontroverser Wikipedia-Artikel kalkuliert.

Digitale Schwarm-Intelligenz als Orakel

Was zunächst sehr suspekt klingt, findet die Zeit-Autorin Gianna-Carina Grün letztendlich doch überzeugend:

Ihr ‘Disputeindex’ mutet auf den ersten Blick ein wenig skurril an: Er misst, wie oft von einem umstrittenen Wikipedia-Beitrag auf die Wikipedia-Hauptseite eines Landes verlinkt wurde. Aber der Index funktioniert. Er kann überraschend zutreffende Aussagen darüber treffen, wie es um die geopolitische Stabilität in dem betreffenden Land bestellt ist.

Mit anderen Worten: Wenn ein Wikipedia-Artikel aus irgendeinem Grund umstritten ist und ein solcher Artikel aus irgendeinem Grund auf ein Land verweist, dann wird dies als ein Indiz dafür gewertet, dass etwas mit dem Land nicht stimmt. Als umstritten gilt ein Artikel, wenn entweder die Neutralität eines bestimmten Artikels von der Autoren-Community aberkannt wurde und/oder bestimmte Inhalte und Formulierungen des Artikels auf der Diskussionsseite verhandelt werden. Dabei wurde die kritische Untergrenze, also der Minimalwert der nötigen Verweise, auf 20 Links festgelegt. Je mehr solcher Links sich detektieren und summieren lassen, desto höher kalkuliert der ‚Disputeindex’ das Destabilisierungsrisiko eines Landes.

(mehr …)

Read Full Post »