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Posts Tagged ‘Rhetorik’

Nun, da die Wahl hierzulande ganz anagrammatisch zu einem Schlund-Date wurde (mehr zu Anagrammen auf Wikipedia), fiel mir wieder ein, dass ich mich im Juni auf amüsantere Art mit dem Land beschäftigt habe, in dem ich lebe.

Auf dem Weg zu einem Workshop mit dem Titel »Versfuß mit Pferdefuß« lautete eine der Aufgaben zur spielerischen Vorbereitung eigentlich, ein Anagramm-Gedicht aus dem Wort »Deutschland« zu machen. Im Zug hatte ich jedoch weder eine Schere zum Ausschneiden und Verschieben von Buchstaben dabei, noch war die Internetverbindung im Niemandsland zwischen Spandau und Braunschweig gut genug, einen der verfügbaren Online-Anagramm-Rechner zu verwenden. Der Anagramm-Generator auf sibiller.de hätte mir beispielsweise unter anderem folgende Gedichtzeilen ausgespuckt:

DEUTSCHLAND
SCHALTEND DU
STACHELND DU
LATSCHEND DU

Also vertrieb ich mir die Reisezeit stattdessen mit dem Verfassen von Akrosticha über unser Land. Eines hatte tatsächlich schon mit der bevorstehenden Wahl zu tun, geisterte mir doch noch die morgendliche Radionachricht durch den Kopf, dass eine große Partei sich gerade für einen Wahlspruch mit zugehörigem Twitter-Hashtag entschieden habe. Das ergab in meiner Fingerübung dann Folgendes: (mehr …)

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aus (immer wieder) gegebenem Anlass

Danke, dass wir alle da waren,
sowieso, im Voraus, Blankoscheck,
aber diesmal ganz besonders
zum Ganz Großen Kino
nunmehr schon zehn Jahr’
Ihr seid Ganz Große Klasse.
Danke dafür!

Und neben dem
Großen Ganzen Kulturkram
gebührt exzellenter Dank
erst recht allen Großen Charmeuren
die Sagenhafte Crème de la Crème.
Thank you for choosing
Great Control over Suffering and Citing
und Deutsche Bahn,
die dich auf den Weg bringen,

Auf die Ganz Großartige Klassenfahrt
zu Potenziert hippen Dingen
Great Choice for Socializing and Cheerleading,
der Zukunft entgegen
Produktiv hochkonzentriert Durchgestartet,
in drei Jahren,
vielleicht auch vier…
und Stolz wie Herbert rauf auf den Berg,
dem zwangsläufig der Abstieg folgt
auf dem Schaubild der Dozentin
im Projektmanagementkurs,
zwar lieber mit Award als awkward,
doch in jedem Fall: danke!

Thank you for this very inspiring
internationally interdisciplinary
event/ lecture/ performance/ paper/
presentation/ préservatif/ prepotenza/
whatever
brings you through the day …

Vielen Dank für Wein, Weib und Gesang
und Mann, Bier und Bass natürlich auch
und dem Gender Equality Committee
sowieso, wenn wir Euch nicht hätten,
was wäre dann anders,
wenn wir uns nicht hätten:
Danke uns allen. Thank us so much
for choosing the culture of thanking.
Exzellent in Sachen Danken und Loben.

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(Gespräche verstummen. Referent wird begrüßt.)

Moderator: „Vielen Dank dafür, dass Sie sich die Zeit genommen haben, heute zu uns zu kommen. Wir freuen uns nun auf Ihren sicherlich sehr spannenden Vortrag.“

Referent: „Vielen Dank für die freundliche Einladung. Worüber ich heute sprechen möchte, sind die ideologischen Implikationen der Höflichkeit in stark formalisierten Kommunikationszusammenhängen. Worum es mir dabei vor allem geht ist ein… (spannender Vortrag) …. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!“

(Applaus)

Moderator: „Vielen Dank für den spannenden Vortrag. Weil wir nun leider etwas in Zeitverzug gekommen sind, würde ich die Diskussion gleich eröffnen. Sicherlich gibt es bereits einige Fragen. Da sehe ich schon einige Wortmeldungen.“

Tagungsteilnehmerin: „Ja, zunächst einmal vielen Dank für Ihren spannenden Vortrag. Ihre Thesen bieten ja viele Anknüpfungspunkte, um das Thema weiter zu vertiefen. Mich würde vor allem das Verhältnis von Ideologie und Konformismus in diesem Zusammenhang interessieren. Welche Konsequenzen sehen Sie hier für die Diskursethik der Wissenschaft?“

Referent: „Vielen Dank für die interessante Frage und die Gelegenheit, einen sehr wichtigen Punkt ausführen zu können. Dafür muss ich etwas weiter ausholen. Aber da wir ja bereits im Verzug sind, würde ich mich vorerst mit einer ironischen Pointe begnügen.“

Moderator: „Sehr schön. Vielen Dank für die prägnante Antwort. Wie ich sehe, gibt es noch eine weitere Frage.“

Tagungsteilnehmer: „Ja, vielen Dank nochmals für den interessanten Vortrag. Ich würde auch gern noch einmal an die Bemerkung meiner Vorrednerin anknüpfen. Doch meine Frage bezieht sich eigentlich auf die ideologischen Implikationen Ihrer eignen Methode. Sind Sie in Ihrer Arbeit nicht auch von gewissen Denk- und Sprechmustern befangen?“

Referent: „Ja, vielen Dank für die interessante Frage. Die methodischen Voraussetzungen meiner Untersuchung sind auf jeden Fall solide, innovativ und un-ideologisch.“

Moderator: „Vielen Dank für die klare Antwort. Nun sind wir, wie schon gesagt, etwas in Verzug. Daher würde ich die Rednerliste langsam schließen. Eine letzte Frage noch.“

Tagungsteilnehmerin: „Also mich würde interessieren, warum wir uns hier immer alle ständig bedanken, aber nie jemand um etwas bittet.“

Moderator: „Bitte?“

Tagungsteilnehmerin: „Nun, ich habe den Eindruck, dass die ganze Veranstaltung hier nach dem Muster einer Kaffeetischkonversation abläuft: ‚Kannst Du mir mal den Zucker geben? Bitte. Danke.‘ Nur eben ohne Bitte. Steckt darin nicht ein verborgener Reflex bürgerlicher Ideologie?“

Zwischenrufer: „Sehr richtig! Ein Sprechen mit Kuchengabel und Zuckerzange…“

(Gemurmel. Kopfschütteln und -nicken)

Moderator: „Ich bitte Sie! Das ist einfach eine Frage der Höflichkeit. Statt hier die ganze Gesprächsdisziplin zu torpedieren, sollten Sie vielleicht einmal Ihre eignen diskursethischen Prinzipien reflektieren.“

Eine Teilnehmerin: „Na, schönen Dank auch!“

Moderator: „Ich bitte um Entschuldigung, liebe Anwesende, aber die Zeit ist nun leider um. Ich danke dem Referenten für den spannenden Vortrag und dem Auditorium für die interessante Diskussion. Wir können diese ja draußen gern bei Kaffee und Kuchen weiter fortsetzen…“

(Applaus. Gemurmel. Teilnehmer ab.)

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Hat man ein Ohr für die Metaphern öffentlicher Rhetorik, so wird einem aufgefallen sein, dass sich seit einiger Zeit eine besondere Phrase großer Beliebtheit erfreut: nämlich, dass man etwas „auf den Weg gebracht“ habe – oder jedenfalls gerade dabei ist, es zu tun. Fragt man sich nach den Gründen dieser Beliebtheit, so drängen sich vor allem zwei Erklärungen auf, von denen eine die Entfaltung der Metapher und die andere ihr Zusammenhang mit einer anderen ist. Das erste könnte man den Hänsel und Gretel Komplex, das zweite das Rotkäppchen Syndrom nennen.

Der Hänsel und Gretel Komplex

Achtet man auf die genauen Umstände, in denen die Metapher … auf den Weg bringen … Konjunktur hat, so sind dies in der Regel Situationen, in denen von komplexen Maßnahmen die Rede ist, die bestimmte Verbesserungen einleiten oder dringende Notlagen abwenden sollen. Bezeichnend ist, dass man nicht von beschlossen oder auch geregelt, sondern eben in dieser vorsichtigen Weise davon spricht, etwas auf den Weg gebracht zu haben. Damit soll gesagt werden, dass die in Rede stehende Sache noch nicht abgeschlossen ist und ihr Erfolg sich also erst in Zukunft wird einstellen können; dass man aber jedenfalls alles in seiner Macht Stehende zu ihrem Gelingen beigetragen habe. Was in der Regel mit der Bewältigung unangenehmer Dinge zu tun hat. Spricht man hingegen von etwas Erfreulichem, setzt die auch in der letzten WM populär gewordene Abschlussrhetorik ein (den Abschluss suchen …, zum Abschluss bringen …).

Hänsel und Gretel, Darstellung von Alexander Zick (1845 - 1907)

Fragt man sich in dessen, was das eigentlich für ein Weg sei, auf den die Sache nun geführt worden ist und warum sie bis zu ihm gebracht werden musste, nun aber offenbar selbständig weiterlaufen kann,  wann sie schließlich an ihrem Ziel ankomme und wo genau das Ziel überhaupt ist, und warum man sie nicht gleich dahin brachte, so fällt auf, dass davon nie die Rede ist, auch nicht im unmetaphorischen Sinne. Hauptsache, die Sache wird verabschiedet. So entspringt der phraseologischen Meditation alsbald der Verdacht, dass das Verschweigen System hat. Womöglich ist das Ziel, was man für die Sache ausgab, gar nicht das, wohin sie schlussendlich gelangen soll. (mehr …)

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