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Posts Tagged ‘Shoah’

»Darf ich fragen, was Sie da lesen?«, will mein Sitznachbar im Kinosaal des Palazzo delle Esposizioni in Rom wissen, wo derzeit kostenlos Filme aus den 1970er Jahren gezeigt werden. »Der Titel ist ja eher verstörend, dabei ist das doch eine ganz vernünftige Autorin. Kennen Sie sie?« Der ältere Herr wirkt beunruhigt.

Buchcover von Elena Loewenthal: Contro il giorno della memoriaJa, ich habe einige Romane von Elena Loewenthal, der italienischen Autorin und Dozentin für Jüdische Studien in Mailand, gelesen. Doch ihre Streitschrift Contro il Giorno della Memoria (Gegen den Holocaust-Gedenktag) habe ich eben erst in der Buchhandlung entdeckt. Bis der Film beginnt lese ich gerade die Einleitung: Sie wolle keinesfalls eine Polemik starten. Sie begründet ihr Plädoyer für das Vergessen und ihre Ansicht, dass Erinnern nichts bringt, dass es allein dem Zufall zu verdanken sei, wenn sich die Geschichte nicht wiederhole, mit ihrer persönlichen Erfahrung: Die Erinnerung an die Shoah sei für sie ohnehin ständig präsent, man könne ihr gar nicht entgehen, so sehr man es sich wünscht. Insbesondere scheint sie an der gegenwärtigen Form des Gedenkens erstens zu stören, dass der Gedenktag immer mehr zum »Event« wird, jedes Jahr etwas Neues, das Vorjahr noch Übertreffendes, veranstaltet werden müsse. Zweitens werde er missverstanden: Statt die Shoah als Teil der eigenen, italienischen Geschichte zu begreifen, werde das Gedenken als eine Art Hommage an die Juden externalisiert und das wiederum als eine Art der Wiedergutmachung empfunden, so dass manche aufgrund vermeintlicher Undankbarkeit seitens der Juden an diesem Tag sich gar besonders legitimiert sehen, antisemitische Polemiken loszulassen.  (mehr …)

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Adolek Kohn

„Das ist das Versprechen der Popmusik“, sagt ein Freund immer zu mir, wenn ich mir wieder einmal irgendwie ertappt vorkomme, weil ich mich in fast jedem Lied einer von ihm zusammen gestellten CD wiedererkenne, und frage, woher er wusste, wie es mir geht und was mich gerade beschäftigt. So oft sehen wir uns nun auch nicht. Es ist das Versprechen der Popmusik, das jede_r sich darin selbst zu finden meint, wohl auch, weil wir sie selektiv auf einzelne Verse hin hören, es nicht immer notwendig scheint, die gesamte Geschichte (im Sinne sowohl des historischen Entstehungskontexts als auch des Plots) mitzubedenken. Auch kann mensch ebenso Männer- wie Frauenstimmen für sich sprechen bzw. singen lassen, sich gar im selben Lied mal mit dem singenden Ich, mal mit der angesungenen Du identifizieren. Die Konstellationen verschiedener Projektionen überlagern sich, werden von der Musik aufgenommen, erzeugen interessante Klänge, ohne wie im lineareren Medium der Schrift etwa eines Romans zu sagen: Naja, meine Geschichte ist eben doch eine ganz andere und letztlich nicht vergleichbar oder gar in Deine integrierbar.

Es war noch vor dem endgültigen Sieg der CD über die Kassette, als sich auf einem der Mixtapes, die ich von besagtem Freund bekam, u.a. „I will survive“ befand, in der Coverversion von Cake natürlich. In wie vielen Lebensstadien und -lagen ich schon auf dieses Lied, sowohl in der Original- als auch in Coverversionen, getanzt habe. Es war mir immer schon irgendwie kitschig vorgekommen und doch erzeugte es beim Tanzen jeweils eine Versenkung in mich selbst, eine Identifikation mit dem singenden Ich. Und irgendeinen (meist banalen) Grund gab es immer, ein trotziges „I will survive“ für sich zu reklamieren: Ich werde es überleben, dass dieser Typ da sich gerade für eine andere interessiert; ich werde es überleben, dass mir die Rockmusik meines Jugendcafés fehlt und hier nur Mainstreamquatsch gespielt wird; ich werde es überleben, dass ich mal wieder ein Land verlasse und die Menschen schon jetzt vermisse; ich werde es überleben, dass mein Gefühlsleben ein einziges Chaos ist …

Vielleicht ist es die Kombination aus meiner eigenen ‚Beziehung‘ zu diesem Lied mit meiner literaturwissenschaftlichen Beschäftigung mit Erinnerung und Gedenken an die Shoah, dass ein Video, welches schon seit einigen Tagen durch die Presse geht, immer noch in mir nachwirkt.

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