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"Zugabteile II", Foto: (c) KlauzZzZwischen Kassel-Willhelmshöhe und Berlin, 23. Februar 2012

Als ich in den Zug umstieg, der mich in die Hauptstadt zu einer interdisziplinären Konferenz über „Materialität, Ästhetik und Inszenierung von Rechtskörpern“ bringen sollte, kramte ich nach meinen Reisedokumenten. Ich hatte mir einen Fensterplatz reservieren lassen, da ich nicht riskieren wollte, für einen dreistelligen Betrag mehrere Stunden in einer aussichtslosen Lage verbringen zu müssen. Der Zug war ziemlich voll. Technisch gesprochen: optimales Fleischgewicht. Darauf war ich bereits von dem Bahnangestellten am Schalter vorbereitet worden. Seit ich das letzte Mal diesen Service in Anspruch genommen habe, ist der Preis für Reservierungen von 1 auf 4 Euro gestiegen. Die 300%ige Preissteigerung hatte ich allerdings gleichmütig hingenommen, da mir die Reisekosten ja ohnehin erstattet würden.

Als ich Platz 85 in Wagen 6 mit meinem dokumentierten Anspruch darauf erreichte, hatte sich der Zug bereits in Bewegung gesetzt. Ich stand vor einem 6er-Abteil, in dem sich eine Familie breit gemacht hatte. Zwei Mädchen saßen am Fenster, eins davon auf meinem Platz; die Mutter an der Tür mit ausgestreckten Beinen den Eintritt für jeden Neuankömmlich versperrend; der Vater gerade ein Picknick auf den übrigen noch unbesetzten Plätzen vorbereitend. Auf dem Boden lag allerlei Gepäck so verteilt, dass man nicht wusste, wie man ohne Umstände einen Fuß hätte in das Abteil setzen sollen.

„Hier ist alles schon voll“, erklärte die Mutter, nachdem ich es endlich gewagt hatte, die Tür aufzuziehen. „Es ist kein Platz mehr frei. Oder haben Sie…“

„…ich habe eigentlich eine Reservierung“, entgegnete ich in zurückhaltender Tonlage, während ich mit meinem Dokument nur andeutungsweise in die Richtung meines Platzes wies, weil ich mir noch nicht sicher war, wie ich im Weiteren vorgehen würde. Sollte ich meinen Anspruch durchsetzen? Das hätte bedeutet, die nötigen Selbstbehauptungsverfahren und Umräumvorgänge einzuleiten und vor allem, eines der beiden Mädchen vom Fenster zu vertreiben.

„Das geht nicht. Da sitzen schon die Kinder“, kürzte die Mutter meine Überlegungen ab. Der Vater pellte unverdrossen Frühstückseier. Ich blickte zu den beiden Mädchen. Da saßen sie und setzten mich mit ihrer Unschuld unter Druck. Die jüngere von beiden hätte meinen Forderungen weichen und auf einen langweiligeren Platz in der Mitte des Abteils wechseln müssen. Und dann? Vielleicht würde sie traurig oder sogar bockig und schließlich anfangen, herumzujammern. Oder es wäre ihr egal und sie würde bald vergnügt weiterspielen, jauchzen und eben so meine Ruhe stören. Eines war klar: Ich war ein unerwünschter Eindringling und meine Bedürfnisse nach einer entspannten Bahnfahrt waren mit den Ansprüchen der Familie in diesem Abteil nicht zu vereinbaren.

„Sie müssen sich woanders einen Platz suchen“, insistierte die Mutter, die mir indesssen noch zugestand, notfalls den Klappsitz, unter den sie nach wie vor ihre Beine streckte, freizugeben, so dass ich mich also auf den dürftigen Eckplatz im Eingangsbereich hätte quetschen können. Entweder ich machte jetzt also mit allem Nachdruck meinen Anspruch geltend, mit all den unvorhersehbaren Konsequenzen für den weiteren Fortgang der Reise, oder ich akzeptierte die ultima ratio in Gestalt zweier Gören. (mehr …)

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Eine programmatische Antrittsvorlesung über feministische und andere „Political Dimensions in Cultural Studies“ rief mir kürzlich eine nun schon etwas zurückliegende Episode aus der Academia wieder ins Gedächtnis. Nun, da sich die Wogen geglättet haben dürften, begebe ich mich also gedanklich zurück in diese so unvermutet leicht aufzuwühlenden Gewässer.

Es begab sich aber, dass auf einer ausdrücklich mit Genderfokus versehenen Tagung ein Vortrag mit dem vielversprechenden Titel „Vul(v)arismen“ gehalten wurde. Vielversprechend, weil er mich etwa an die Lektüre von Mithu M. Sanyals kulturgeschichtlicher Studie Vulva. Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts erinnerte, die ein Genuss für Lesende jeden Geschlechts ist. Materialreich, überzeugend und humorvoll geschrieben zeigt Sanyal auf, dass es beim weiblichen Genitale durchaus mehr zu sehen gab und gibt als ein bloßes Loch/Nichts (Lacan), und schlägt Vulva als wertschätzende Bezeichnung und Sichtbarmachung vor.

Buchcover: Mithu M. Sanyal: Vulva. Die Enthüllung des unsichtbaren GeschlechtsSofort aber stellte sich heraus, dass wohl allein eine gewisse Scheu, das F-Wort zu früh preiszugeben, zu diesem Vortragstitel geführt hatte. Während das Vulgäre selbst in Form des ‚g‘ aus dem Obertitel „Vul(v)arismen“ verbannt worden war, drehte sich der linguistische Vortrag dann um einen einzigen Vulgarismus, nämlich um das Wort Fotze. Dieser kleine Etikettenschwindel wäre an sich nicht der Rede wert, spiegelte sich darin nicht das methodische Hauptproblem der Ausführungen: Mit Fragebogenaussagen seiner Gießener Germanistikstudierenden zu ihren Verwendungsweisen des Wortes ‚Fotze‘ untermauerte der Referent  seine These, dass Gudrun Ensslin in ihren (nicht-öffentlichen, RAF-internen) Texten mit dem Wort „votze“ allein die konnotativ pejorative ohne die denotative Bedeutung realisiere.

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