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Posts Tagged ‘Universität’

Neudings erscheinen auch auf VICE Artikel über die Zustände in den Universitäten. Der Literaturwissenschaftler Ole Petras hat heute einen lesenswerten Text darüber geschrieben, dass die Studierenden seines Fachs, in dem es ja vor allem um das Lesen  von Büchern geht, keine Bücher mehr lesen, die nicht beim Prüfungsamt abgerechnet werden können, weil sie das sonst von der planmäßigen Erfüllung ihres workloads abhält.

Die Katze beißt sich hier übrigens in den Schwanz: Wenn die Möglichkeiten einer eingehenden Beschäftigung sinken, sinkt notwenig auch das Komplexitätsniveau und mit ihm die Relevanz des Faches. Ist dieser Status erstmal erreicht, kürzt die Politik ihre exzellenzbasierten Zuwendungen, wodurch sich die geschilderte Situation verschärft. Ich dramatisiere ein bisschen, aber es geht ja um Strukturen, nicht um Sonderfälle. Niemand möchte die alte Ordinarien-Universität zurückhaben, in der die Professoren nach Willkür und Gewissen schalteten. Aber die Eventualität von der Autorität einer verdienten Forscherin oder eines Forschers, in die Geheimnisse des Faches eingeführt zu werden, setzt eine andere Grundhaltung voraus als Angst. Die Durchdringung eines Faches braucht Zeit, Muße, Ruhe und lässt sich nur sehr bedingt komprimieren.

Ich schließe mit einem eigentlich überflüssigen Plädoyer für die offene Universität und ein entkrampftes Curriculum. Ferner schweige ich von der Situation der Heerscharen befristet angestellter Lehrkräfte. Es bleibt zur Zeit nichts als der Versuch, sich die eigene Begeisterung für den Gegenstand zu bewahren und in allen Fällen bürokratischen Irrsinns eine gesunde Resilienz an den Tag zu legen. Man kann nicht alles wegoptimieren. Und wenn es einen Bereich geben sollte, der von der (auch gesellschaftlich ja nicht sooo super laufenden) Ökonomisierung aller Lebensbereiche ausgenommen ist, dann die Universität. Der Elfenbeinturm, in dem wir einem beliebten Vorurteil zufolge noch immer sitzen, ist schon seit langer Zeit aus Plastik. Und wird einer Gummizelle immer ähnlicher. Was wir brauchen, ist ein Baumhaus. Und eine Neuordnung des Rabattsystems.

In unserer Studie Library Life gibt es übrigens auch ein Kapitel, das sich mit dem Verhältnis von Muße und Nutzen (in) der Wissenschaft als eine Frage beschäftigt, die schon in der Antike dahingehend diskutiert worden ist, ob Wissenschaft bzw. Gelehrsamkeit von otium (Muße) oder negotium (Geschäft) bestimmt sein sollte. Seneca hatte klar für das otium optiert. Wenn Schiller später die erbärmliche Gestalt des im 18. Jahrhunderts überall anzutreffenden „Brotgelehrten“ verächtlich machte, um den philosophischen Kopf zu adeln, der den Lohn für seine Mühe nicht (wie eben der Brotgelehrte) in Geld und Anerkennung, sondern allein in der Versenkung in seinen Gegenstand suche, so würden heute wohl die Meisten aus den „Heerscharen befristet angestellter Lehrkräfte“ auf ihr Brotgelehrtendasein liebend gern verzichten, um sich mußevoll dem hingeben zu können, was sie sich vom Studium ihres Fachs vielleicht einmal versprochen hatten. Macht sich dieses Versprechen heute schon vom Studium an verdächtig? Müßig jedenfalls wird der Rat zur Muße, wenn der Lohn, den sie verspricht, in keinem Arbeitsplan und Rabattsystem mehr abgerechnet werden kann.

Wie auch immer die Diskussion über die Reform der Universitäten ausgehen wird – man sollte Baumhäuser irgendwo im Curriculum mit unterbringen.

Mehr über Library Life gibt es hier.

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In der ZEIT (24/2015) ist letzte Woche ein Artikel erschienen, in dem sich 7 WissenschaftlerInnen verschiedener Disziplinen sich Missstände an den Universitäten beklagen. Ein sich wiederholendes Thema ist dabei die Bürde des ständigen Schreibens von Anträgen, das zunehmend die eigentliche Forschungszeit auffrisst. Anträge zu schreiben ist notwendig geworden, um die eigene Arbeit zu sichern – zum einen finanziell; zum anderen aber auch, um sie zu legitimieren, indem man quantifizierbare Leistungen produziert.

Die Anforderung an Wissenschaft, „sichtbar“ zu sein, führe aber, besonders in den Geistes- und Kulturwissenschaften, nicht nur zu einer bürokratischen Belastung, die das, was sie ausweisen soll, eigentlich behindert, sondern auch zu einer qualitativen Veränderung der wissenschaftlichen Tätigkeit und ihrer Akteure, wie Barbara Zehnpfennig erklärt, die Politische Theorie und Ideengeschichte an der Universität Passau lehrt:

Die immer wieder geforderte „Sichtbarkeit“ besteht etwa darin, dass man als Professor viele internationale Kontakte hat, nur noch in Netzwerken forscht, interdisziplinär arbeitet und viele Drittmittel einwirbt. Das sind Dinge, die man nach außen präsentieren kann, weil sie quantifizierbar sind.

Das Problem mit dem geisteswissenschaftlichen Tun ist ja, dass so schlecht sichtbar ist, worin es eigentlich besteht – außer im Reden und Schreiben von Texten. Wozu die Texte aber gut sind, ist auch nicht ohne Weiteres sichtbar. Und was alles getan werden muss, damit Texte überhaupt entstehen – lesen, denken, diskutieren, schreiben – ist kaum in Zahlen auszudrücken.

Insofern findet hier – folgt man der herrschenden Logik – auch keine Forschung statt. Genau dies ist eine der problematischen Folgen jenes Drucks, Sichtbares zu produzieren: das Nichtsichtbare gerät in Rechtfertigungsnot.

Beugt man sich diesem Rechtfertigungsdruck nicht und hält einfach an der tradierten Praxis geisteswissenschaftlicher Arbeit fest, lässt sich das eigene Tun vor dem Hintergrund nicht mehr legitimieren. Darum sei ein bestimmter Forschertypus, der genau das tut, was er eigentlich tun soll, in dem System nicht mehr beschäftigungs- oder berufungsfähig, wie Zehnpfennig kritisiert:

Wenn ein Bewerber für einen geistesgeschichtlichen Lehrstuhl, wie geschehen, mit dem Argument abgelehnt wird, er sei ein „Gelehrter“, läuft etwas entschieden falsch.

In der kürzlich bei meson press erschienenen Studie Library Life. Werkstätten kulturwissenschaftlichen Forschens, haben wir  versucht, die Arbeit von Kultur- und Geisteswissenschaftlern sichtbar zu machen. Dabei sind wir auch zu der Vermutung gelangt, dass der Gelehrte eine aussterbende Spezies ist, jedenfalls an der Universität. Versteht man ihn als den natürlichen Bewohner des vielkritisierten, patriarchal und feudal organisierten „Elfenbeinturms“, muss man dem nicht unbedingt nachtrauern. Es betrifft aber auch den Typus „kritischer Intellektueller“, dem es gerade auf die gesellschaftliche Relevanz seiner emanzipatorisch verstandenen Tätigkeit ankommt. Auch er kann den Wert seines Tuns nur schlecht quantifizieren – und dadurch in dem System auf Dauer nur schlecht behaupten, wenn er Ansprüche auf die Quantifizierbarkeit seiner Arbeit zurückweist.

Ein anderes Problem adressiert Marcus Kracht, Professor für Theoretische Computerlinguistik und Mathematische Linguistik an der Universität Bielefeld, indem er auf die kaum problematisierten energetischen Grundlagen akademischer Forschung hinweist:

Wissen kostet Geld, aber auch Strom. Manchmal stelle ich mir vor, was passieren würde, wenn an der Universität der Strom ausfällt: Es gäbe es keine Experimente mehr, keine Literaturrecherche, keine Notenvergabe, keine Verwaltung. Das Stromnetz ist unsere Achillesferse. Doch wir forschen kaum über solche wachsenden Abhängigkeiten.

Einige dieser materiellen Abhängigkeiten der vermeintlich ganz immateriell operierenden Geistes- und Kulturwissenschaften haben wir in unserer Studie auch in den Blick genommen. Überraschende Einsichten haben wir dabei gerade bei den Dingen erlangt, die noch nicht einmal Strom, aber bestimmte Zeiten, Orte und Ordnungen brauchen, die wiederum von sehr vielen anderen Dingen abhängen, über die in der Regel nicht nachgedacht wird, wenn man über Wissenschaft spricht. Darüber aber vielleicht mehr in einem späteren Beitrag.

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In den letzten Monaten ist hier auf unserem Blog ja nichts mehr weiter passiert. Das liegt unter anderem daran, dass die meisten oder fast alle von uns fertig mit dem Promovieren sind und nun keine Zeit mehr zum Prokrastinieren (oder andere Möglichkeiten dafür gefunden und bevorzugt) haben. Es ist sogar so, dass die Mitglieder unseres Blogkollektivs voneinander größtenteils gar nicht mehr wissen, was sie mittlerweile eigentlich machen. Viele sind der Wissenschaft geblieben und einige von uns haben dafür versucht herauszufinden, was andere Wissenschaftler_innen so machen, wenn sie arbeiten. Das ist ein längeres Projekt, von dem hier früher schon einmal kurz berichtet wurde. Nun ist tatsächlich ein Buch darüber erschienen: Library Life: Werkstätten kulturwissenschaftlichen Forschens, veröffentlicht in dem neu gegründeten meson press Verlag.

Ausgehend von den Laborstudien der Science & Technology Studies sind wir darin der Frage nachgegangen, wie eigentlich ein wissenschaftlicher Text entsteht. Dafür haben wir die persönlichen Schreiborte von Kulturwissenschaftler*innen verschiedener Disziplinen aufgesucht und sie befragt. Was wir dann in den Werkstätten kulturwissenschaftlicher Wissensproduktion in Erfahrung gebracht haben, ist ein unvermutet komplexes Zusammenspiel technisch-materieller, praktischer, medialer, sozialer, institutioneller, ökonomischer, politischer und ideeller Dimensionen einer Form von Arbeit, von denen man meinen könnten, man bräuchte doch eigentlich nur Stift und Papier dafür. Die Vielfalt der Dinge, Verhältnisse und Zustände, derer es bedarf, um einen Text zu fabrizieren, hat uns jedenfalls überrascht und wir fanden es interessant genug, darüber selbst etwas zu schreiben.

Das Buch ist als open access Publikation erschienen und kann auf der Verlagsseite kostenlos als PDF heruntergeladen werden. Demnächst wird es auch als Druckausgabe erhältlich sein. Neben verschiedenen – teils sehr erstaunlichen – Aufschreibesystemen und Arbeitstechniken geht es darin auch um die Rolle der Produktionsverhältnisse, in denen Wissenschaftler_innen verschiedener Statusgruppen ein für sie praktikables Forschungsarrangement einrichten müssen. Wie das gelingt, hängt von sehr vielen Dingen ab: Wie man in einer bestimmten Disziplin arbeitet, was man dafür zur Verfügung hat, die Räume und Zeiten, die man dafür in Anspruch nehmen kann, wie die Geräte funktionieren (oder auch nicht), die man dafür braucht, welchen einen Eigensinn sie entwickeln, was für Vorlieben, Erfahrungen und Einfälle man entwickelt, was die anderen von einem wollen und nicht zuletzt auch, ob und wie man davon leben kann.

Über die Arbeitsbedingungen von Akademiker_innen wird ja in letzter Zeit häufiger in den Zeitungen berichtet und diskutiert. Unser Buch mag daher auch ein Anlass sein, das Thema dieses Blogs „Kultur oder Wissenschaft“ in diesem Licht vielleicht etwas wiederzubeleben – sofern unser eigenes „Library Life“ dafür Raum und Zeit lässt. Kommentare zu dem Buch oder eigene Erfahrungsberichte, die das Bild noch bunter, vielleicht sogar klarer oder auch komplizierter machen, sind jedenfalls herzlich willkommen.

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Dieses Buch kann man nicht rezensieren. Man kann es nur zitieren. Denn alles, was man beim Lesen über das Buch denkt, artikuliert es kurz darauf selbst.

„Gerald Linds literarisches Debüt Zerstörung ist, die Terminologie des Textes aufgreifend, ein Phallogozentrismus auto(r)erotischer Art, eine gut geölte Selbstauratisierungs- und -inszenierungsmaschine, eine Galerie des megalomanischen Self-Making, ausschließlich bestückt mit autohagiographischen Texten, das eigenikonographierte Portrait of the Academic as Angry Young Artist, ein Anti-Entwicklungsroman mit sich verlaufendem Handlungsbogen.“

Blaues Buchcover von Gerald Lind: Zerstörung, mit einer 13 darauf.

Buchcover © Neofelis Verlag

So charakterisiert die „Patentrezension“, die das Buch im „Appendix I“ gleich mitliefert, das Romandebüt des promovierten Österreichers. Vom Verlag als „Roman“ verkauft, steht im Buch selbst: „Ich scheiße auf einen Untertitel. Ich scheiße auf eine gattungspoetische Deklaration.“ Ein Benennungsvorschlag für die Textsorte findet sich dann in einer Fußnote der „I. Hauptrede“, die in Form einer Seminararbeit über den Roman Zerstörung von Gerald Lind verfasst ist: Es handelt sich ihr zufolge um einen „intratextuelle[n] Paratext“. Da der Text zum Paratext nicht existiert bzw. beide in eins fallen, tragen mit Kürzeln belegte Zitate aus dem in den Hauptreden analysierten Roman Zerstörung (wenn sie nicht aus einem anderen Teil des Buches übernommen sind) die Seitenzahl der Seite, auf der sie zitiert werden. Der „Themenkomplex Literatur und/als wissenschaftliches Schreiben“, um den und in dem der ‚Roman‘ somit kreist, wird natürlich ebenfalls vom Autor selbst benannt (S. 69) und ausführlicher beschrieben (S. 109 f.).

Dieser Exorzismus eines promovierten Germanisten und Kulturwissenschaftlers, der das aufgesogene Wissen durch Zerstörung wieder loswerden, aus dem Denk- und Schreibgefängnis der Wissenschaft ausbrechen will, um literarisch schreiben zu können, fing nach Aussage des Autors auf der Rückfahrt von einer Konferenz an, wo er alles listete, was ihn nervt: (mehr …)

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Der Philosophiehistoriker Stefan Heßbrüggen hat in einem Beitrag auf carta.info versucht, die neue „Ergänzung der Empfehlung der Deutschen Forschungsgemeinschaft DFG zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis“ (PDF) so zu verstehen, „dass ich die Tragweite und den Anwendungsbereich dieser Norm verstehe. Um es vorwegzunehmen: dieser Versuch wird scheitern.“

Die bereits kontrovers diskutierte „Empfehlung 17“ richtet sich auf den Umgang mit Hinweisen auf wissenschaftliches Fehlverhalten durch akademische Whistleblower, die sich nun unter Umständen selbst des wissenschaftlichen Fehlverhaltens strafbar machen können. Heßbrüggen zeigt die weitreichenden Komplikationen und Probleme auf, die diese Regelung mit sich bringt und kommt zu dem Schluss:

Die DFG hat […] eine in ihrem Geltungsbereich unklare, in ihren Zielen widersprüchliche und in ihren Folgen schädliche Empfehlung verabschiedet, die nicht nur das Verhältnis von Wissenschaft und Öffentlichkeit, sondern auch die Öffentlichkeit der Wissenschaft selbst schwer beschädigt.

In einem Beitrag auf seinem Blog differentia bemerkt Klaus Kusanowsky im Hinblick auf die umstrittene Empfehlung:

dass eigentlich die Bürokratie als staatlich legitimiertes Verfahren der Exklusion von Personen das Problem ist und nicht die Relevanz des Wissens. […] War ehedem die Gewinnung sicheren Wissens die Aufgabe wissenschaftlicher Methoden, so scheitert die Wissenschaft heute daran, dass sie für die Verteidung von Reputationssicherheit keine geeigneten Methoden hat.

Der Ausweg könnte sein, eine Wissenschaft ohne Bürokratie zu finden.

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Als im Frühjahr letzten Jahres die Plagiatsdebatte im Fall Guttenberg zu einem Aufstand im Elfenbeinturm führte, erhofften sich einige Beobachter und Kritiker davon die Geburt einer neuen vernetzten Öffentlichkeit. Was man sich davon erwarten durfte, blieb zunächst unklar. Heute wissen wir, dass seither zumindest die Zahl der Plagiatsjäger-Wikis stark zugenommen hat, die bereits einigen Politikern und Professoren das Amt gekostet haben. Wenn die Dissertation der Bildungsministerin nun in Verdacht steht, eine betrügerische Anmaßung zu sein, so herrscht im Fall Schavan – anders als bei Guttenberg – eher Zurückhaltung in der akademischen Welt. Neben den obligatorischen Beweisaufnahmen und Rücktrittsforderungen lassen sich  vermehrt Zweifel vernehmen, ob es sich bei Schavans Doktorarbeit tatsächlich um ein zu ahndendes Plagiat handelt.

Die Politik des Plagiats und das Bauernopfer

So sieht es für Tobias Bunde, einen der Autoren des offenen Briefes von Doktoranden an die Bundeskanzlerin in der Causa Guttenberg so aus, „als hätte Schavan zwar unsauber gearbeitet und nicht korrekt zitiert, aber Guttenbergs Arbeit war eine Collage aus fremden Ideen, das kann man nicht vergleichen.“ Die spürbare Zurückhaltung zeugt damit weniger davon, dass man nach all den Plagiatsskandalen schlicht „abgestumpft“ sei, sondern vielmehr von einem wachsenden Unbehagen an dem, was Frieder Vogelmann heute auf dem theorieblog als die „Politik des Plagiats“ beschreibt. Deren Konsequenz besteht, zugespitzt formuliert, darin: Würde man die Maßstäbe und Implikationen, mit den die Plagiatsjäger arbeiten, tatsächlich zur Norm erheben, wäre wissenschaftliche Arbeit bald nicht mehr vorstellbar.

Bezeichnend für die Problematik ist der spezifische Plagiatsvorwurf im Fall Schavans. Während es zunächst hieß, sie habe heimlich bei sich selbst abgeschrieben, d.h. einen früheren Aufsatz von sich zweitverwertet, beläuft sich der stärkste Anklagepunkt inzwischen auf eine Häufung sogenannter Bauernopfer. Damit wird ein Plagiatstyp bezeichnet, der darin besteht, dass man einen Autor zunächst korrekt zitiert, um dann den Rest des konsultierten Textes zu paraphrasieren, ohne dies kenntlich zum machen. Typischerweise werden dann die Quellen der Quelle so zitiert, als hätte man sie selbst gelesen. Das heißt, man zitiert nur Zitate, verschleiert aber den Weg, wie man an sie gelangt ist und erweckt so den Eindruck einer selbständigen Aneignung und Kenntnis der angegebenen Primärquellen.

Intertextualität und Geschreibe

Was in der Literatur unter dem Begriff der Intertextualität gefasst wurde (Julia Kristeva: „Jeder Text baut sich als Mosaik von Zitaten auf, jeder Text ist Absorption und Transformation eines anderen Textes“), wird in der Wissenschaft problematisch oder gar justiziabel, sofern man die entsprechenden Referenzen nicht kenntlich macht. In letzter Konsequenz müsste dies entweder zu einer Apotheose der Fußnote führen, die eine groteske Inflation aller Nachweise dessen nach sich zöge, worauf man keine Urheberschaft beanspruchen kann; oder zu dem, was sich mit Adorno als die Professionalisierung der Halbbildung bezeichnen lässt. Die Steigerung von letzterem ist die akademische Institutionalisierung dessen, was Heidegger das „Geschreibe“ nennt:

Gemäß der durchschnittlichen Verständlichkeit […] kann die mitgeteilte Rede weitgehend verstanden werden, ohne dass sich der Hörende in ein ursprünglich verstehendes Sein zum Worüber der Rede bringt. […] Das Geredete als solches zieht weitere Kreise und übernimmt autoritativen Charakter. […] In solchem Nach- und Weiterreden […] konstituiert sich das Gerede. Und zwar bleibt dieses nicht eingeschränkt auf das lautliche Nachreden, sondern breitet sich aus im Geschriebenen als das „Geschreibe“. Das Nachreden gründet hier nicht so sehr in einem Hörensagen. Es speist sich aus dem Angelesenen. Das durchschnittliche Verständnis des Lesers wird nie entscheiden können, was ursprünglich geschöpft und errungen und was nachgeredet ist. […] Hierzu bedarf es nicht einer Absicht der Täuschung. (Sein und Zeit, §. 35) (mehr …)

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Fit for Fun Gewinnspiel

Trinktagebuch oder Wasser-Abo gefällig?

Es wäre sicherlich voreilig und vielleicht sogar falsch, das Jahr 2012 als den Zeitraum zu datieren, in dem die Befolgung der allgemeinen Empfehlung, mindestens 3 Liter Wasser am Tag zu trinken, sich in ein untrügliches Anzeichen dafür verwandelt, dass man es mit Angehörigen einer nachwachsenden Sorte von Deppen, also der nächsten Generation, zu tun hat. Doch es mehren sich kulturkritische Stimmen, die eine solche Entwicklung nahelegen.

So stellt der Kabarettist und Moderator der Fernsehsendung quer Christoph Süß in seinem 2012 erschienenen Buch Morgen letzter Tag! Ich und Du und der Weltuntergang fest:

Drei Liter täglich (mindestens!) muss ein jeder Mensch zu sich nehmen, oder er wird, als Preis für sein Versäumnis, mit grassierender Blödheit gezeichnet. Deswegen muss man unablässig, zu jeder Stunde des Tages, eine kleine Wasserflasche mit sich führen und trinken. […] Und deswegen sieht man sie auch überall, die erwachsenen Flaschenkinder. Wo sie gehen und stehen, in Sitzungen sitzen, in Lounges lungern, sogar wenn sie auf dem Fitnessfahrrad indoor gegen den Zerfall des Körpers ankämpfen, überall sind sie bewaffnet mit ihren Trinkflaschen.

Süß sieht darin den bemerkenswerten Erfolg einer konsumistischen Gesundheitsideologie, der es gelungen ist, den solchermaßen Indoktrinierten einzureden, dass auf die körpereigenen Signale kein Verlass mehr sei:

Wenn wir Durst verspüren, dann sei es schon zu spät, heißt es. Zu spät wofür? Zum Trinken? Also ich habe schon öfters Durst gehabt und dann getrunken und bin noch am Leben. Scheint also zu klappen. Also warum diese ganze Wassertrinkerideologie? Weil Wasser Geld kostet. Und das, welches in kleine Plastikflaschen abgefüllt wurde, um unsere virtuellen Bedürfnisse zu befriedigen, kostet sogar besonders viel. Im Schnitt kostet das Wasser in Flaschen etwa tausend Mal so viel wie das, welches aus Ihrem Wasserhahn kommt.

Die Flaschenwassertrinkerideologie hat auch eine nicht zu unterschätzende bildungspolitische Tragweite, die uns Christiane Florin erklärt. In einem gestern auf Zeit Online erschienen Artikel wendet sich die Lehrbeauftragte für Politische Wissenschaft an der Universität Bonn öffentlich an ihre nach viel Wasser, aber kaum nach Wissen dürstenden Studenten:

Das Erste, was ich von euch sah, waren diese großen Wasserflaschen aus Plastik. Während einer Doppelstunde Regierungslehre schafften viele von euch locker einen Liter. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass zu meiner Studienzeit während eines Seminars auch nur einer zur Flasche gegriffen hätte. Das hätte wertvolle Redezeit gekostet. Oder, wie man auch zwanzig Jahre nach 68 noch sagte: Zeit, um alles kritisch zu hinterfragen.

Solange getrunken wird, wird nicht geredet. Solange aber geredet wird, wird nicht geschossen. Woraus noch nicht folgt, dass die neue Generation gewaltbereiter wäre. Der unstillbare Durst mache sie sogar toleranter:

Auch große Worte großer Menschen, sagen wir von Max Weber und Theodor W. Adorno, stillen euren Durst nicht. Woher der kommt? Vom Diskutieren jedenfalls nicht. Ich hätte fordern können, in Deutschland einen Wächterrat nach iranischem Vorbild einzuführen. Ihr hättet trotzdem weitergenuckelt.

Da haben sie wir also, die Generation Wasserflasche: stets mit geschmacklosem, aber tausendfach überteuertem Durstlöscher bewaffnet, der unentwegt und unkritisch vertilgt wird, wie um sich selbst das Maul damit zu stopfen. Oder doch nicht? (mehr …)

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Zur Wiederauferstehung des Autors aus dem Geist der Publikationsliste

Auf Differentia denkt Klaus Kusanowsky über „die beinahe besinnungslose Verlängerung von Publikationslisten“ als ein systemtheoretisch zu durchschauendes „Verhaltensmuster des akademischen Bluffens“ nach, dessen Regel ich an dieser Stelle gern als eine Art vorgezogenes Intermezzo in das ABC des Schreibens einschieben möchte:

Die sich daran knüpfende Maxime lautet: verlängere auf Teufel komm raus die Liste deiner Publikationen und verbreite gleichzeitig die Behauptung, dass es auf Qualität und nicht auf Quanität ankäme, weil du dich darauf verlassen kannst, dass die Menge deiner Publikationen ohnehin keiner lesen kann; und je mehr du schreibst, um so wahrscheinlicher bestätigt sich diese Vermutung. Da alle andere genauso handeln und du selbst genauso wenig eine Chance hast, die Publikationen aller anderen zu lesen, kann es dir vortrefflich gelingen, einen Kenntnisreichtum zu simulieren, indem du dich auf wenige Zitate beschränkst, welche du obendrein leicht durch ein Zettelkastenprogramm organisieren und verfügbar machen kannst. So kannst du erstens deine Unkenntnis verschleiern und zweitens alle anderen der selben Unkenntnis verdächtigen, ohne allerdings darüber Klarheit zu gewinnen, weil alle anderen an der Verlängerung der Intransparenz genauso mitwirken wie du selbst.

Mit den Publikationslisten verlängert sich natürlich auch dieses Leiden der Wissenschaft an sich selbst. Ob das Internet dem Spuk ein Ende setzen könnte, wie Kusanowsky zu vermuten oder jedenfalls zu hoffen scheint? Mag sein. Es wird wohl davon abhängen, ob die Möglichkeiten, die das Internet bietet, den institutionalisierten Bluff aufrechtzuerhalten, zu steigern (GoogleBooks, eJournals, Volltextsuche, etc.) oder selbst noch einmal zu simulieren, nicht größer und praktikabler sein werden als die Chancen und Hoffnungen, die sich mit der Produktion kollaborativer Hypertexte seit den 1990ern und mit dem Tod des Autors bereits seit den 1960er Jahren verbinden.

Was an den Maßstäben der Vernunft gemessen idiotisch erscheint, erweist sich dann vielleicht doch als eine Art List der Vernunft, die in den Listen ihrer Autoren und bluffenden Mündel noch immer die Simulation ihrer Wiederauferstehung als Untote feiert: Publikationslisten sind nur der Anfang.

P.S. Wer den letzten Satz zitiert, bekommt eine kenntnisreiche Fußnote in meinem nächsten Artikel. Oder jedenfalls einen Eintrag in meinem Zettelkasten. Irgendein Publikationszwang ergibt sich bestimmt.

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(Gespräche verstummen. Referent wird begrüßt.)

Moderator: „Vielen Dank dafür, dass Sie sich die Zeit genommen haben, heute zu uns zu kommen. Wir freuen uns nun auf Ihren sicherlich sehr spannenden Vortrag.“

Referent: „Vielen Dank für die freundliche Einladung. Worüber ich heute sprechen möchte, sind die ideologischen Implikationen der Höflichkeit in stark formalisierten Kommunikationszusammenhängen. Worum es mir dabei vor allem geht ist ein… (spannender Vortrag) …. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!“

(Applaus)

Moderator: „Vielen Dank für den spannenden Vortrag. Weil wir nun leider etwas in Zeitverzug gekommen sind, würde ich die Diskussion gleich eröffnen. Sicherlich gibt es bereits einige Fragen. Da sehe ich schon einige Wortmeldungen.“

Tagungsteilnehmerin: „Ja, zunächst einmal vielen Dank für Ihren spannenden Vortrag. Ihre Thesen bieten ja viele Anknüpfungspunkte, um das Thema weiter zu vertiefen. Mich würde vor allem das Verhältnis von Ideologie und Konformismus in diesem Zusammenhang interessieren. Welche Konsequenzen sehen Sie hier für die Diskursethik der Wissenschaft?“

Referent: „Vielen Dank für die interessante Frage und die Gelegenheit, einen sehr wichtigen Punkt ausführen zu können. Dafür muss ich etwas weiter ausholen. Aber da wir ja bereits im Verzug sind, würde ich mich vorerst mit einer ironischen Pointe begnügen.“

Moderator: „Sehr schön. Vielen Dank für die prägnante Antwort. Wie ich sehe, gibt es noch eine weitere Frage.“

Tagungsteilnehmer: „Ja, vielen Dank nochmals für den interessanten Vortrag. Ich würde auch gern noch einmal an die Bemerkung meiner Vorrednerin anknüpfen. Doch meine Frage bezieht sich eigentlich auf die ideologischen Implikationen Ihrer eignen Methode. Sind Sie in Ihrer Arbeit nicht auch von gewissen Denk- und Sprechmustern befangen?“

Referent: „Ja, vielen Dank für die interessante Frage. Die methodischen Voraussetzungen meiner Untersuchung sind auf jeden Fall solide, innovativ und un-ideologisch.“

Moderator: „Vielen Dank für die klare Antwort. Nun sind wir, wie schon gesagt, etwas in Verzug. Daher würde ich die Rednerliste langsam schließen. Eine letzte Frage noch.“

Tagungsteilnehmerin: „Also mich würde interessieren, warum wir uns hier immer alle ständig bedanken, aber nie jemand um etwas bittet.“

Moderator: „Bitte?“

Tagungsteilnehmerin: „Nun, ich habe den Eindruck, dass die ganze Veranstaltung hier nach dem Muster einer Kaffeetischkonversation abläuft: ‚Kannst Du mir mal den Zucker geben? Bitte. Danke.‘ Nur eben ohne Bitte. Steckt darin nicht ein verborgener Reflex bürgerlicher Ideologie?“

Zwischenrufer: „Sehr richtig! Ein Sprechen mit Kuchengabel und Zuckerzange…“

(Gemurmel. Kopfschütteln und -nicken)

Moderator: „Ich bitte Sie! Das ist einfach eine Frage der Höflichkeit. Statt hier die ganze Gesprächsdisziplin zu torpedieren, sollten Sie vielleicht einmal Ihre eignen diskursethischen Prinzipien reflektieren.“

Eine Teilnehmerin: „Na, schönen Dank auch!“

Moderator: „Ich bitte um Entschuldigung, liebe Anwesende, aber die Zeit ist nun leider um. Ich danke dem Referenten für den spannenden Vortrag und dem Auditorium für die interessante Diskussion. Wir können diese ja draußen gern bei Kaffee und Kuchen weiter fortsetzen…“

(Applaus. Gemurmel. Teilnehmer ab.)

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Christ Church CathedralNicht, dass ich genau dort göttlichen Beistand gesucht hätte, um den bevorstehenden Flug von London nach Berlin am zehnten Jahrestag der Anschläge des 11. September zu überstehen. Es war eher Zufall, dass es mich in den Gottesdienst der Christ Church Cathedral verschlug, als ich mich postsymposiotisch durch Oxford treiben ließ. Ich hatte mir mit einem gemurmelten „to the church service“ kostenlosen Zutritt zum Christ Church College verschafft und dann spontan beschlossen, dem gerade begonnenen Gottesdienst tatsächlich beizuwohnen, zumal wunderschöner liturgischer Knabenchorgesang mich zum Bleiben bewegte.

Zwar hatte ich von den Konkurrenzcollegestudierenden schon einiges über die Harry Potter-Vermarktungsstrategien des Drehortes Christ Church gehört, trotzdem war ich einigermaßen überrascht, als der Priester seine Predigt mit Harry Potter einleitete und dann relativ nahtlos zu 9/11 überging. Diese Ereignisse seien erst nach seinem Gelöbnis passiert, nie über Harry Potter zu predigen. Warum er dieses Gelöbnis nun breche, sei eine andere Geschichte, die er ein andermal kundtun werde – auch er beherrschte es also, Spannung auf die nächste Folge zu produzieren –, jedenfalls schien ihm dieser zehnte Jahrestag der Anschläge offenbar der geeignete Zeitpunkt. (mehr …)

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