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Veranstaltungsort für "Literatur um Elf"

 

 

„Literatur um elf“ ist eine Erfindung der Neuen Literarischen Gesellschaft in Marburg. Dafür wäre werktags wohl kaum Zeit vorhanden, doch ein Sonntagmorgen und das ehrwürdige Café Vetter haben sich bewährt. Die Veranstaltungsreihe ist nun schon über dreißig Jahre alt. Kein Termindruck, keine eintönigen Seminarräume, eine kleine Stärkung dazu – das sind gute Voraussetzungen für eine Lesung oder wie kürzlich für einen Vortrag: Extra aus Berlin kam Ottmar Ette, seines Zeichens Professor für Romanische Philologie an der Universität Potsdam. Trotz einer mehrfachen „ICE-Havarie“, die nur mit einer Taxifahrt von Kassel nach Marburg auszugleichen war, wirkt Ette außerordentlich souverän, als er scherzhaft in die Runde fragt, ob er nach diesen Vorfällen noch weiter auf seinem Gebiet forschen sollte.

Weder doziert noch plaudert er über „Reisen und Literatur“. Es ist eben nicht nur die Reiseliteratur, sondern das Phänomen des literarischen Reisens allgemein, das Ette interessiert. Er wählt eingängliche Formulierungen, die mündlich genauso konzentriert aufgenommen werden können wie in schriftlicher Form.

Ette weiß um die Erkenntnisse der Kognitionswissenschaft. Die kontinuierliche Bewegung der Pupillen während der Textlektüre stützt seine These, dass Literatur ohne Bewegung nicht auskommen kann. Da Reisen auch im übertragenden Sinne die Flucht in mentale Bilderwelten bedeuten kann, ist es auch nicht verwunderlich, dass die Pupillen sich über dem Buchstabenmeer fiktionaler Texte anders verhalten als bei Sachtexten.

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Kürzlich erhielt ich von einer befreundeten Forscherin eine Email mit der Nachricht über ein bevorstehendes Metaphern-Festival an der Universität Stockholm. Ob wir nicht Gummistiefel und Zelt einpacken und nach Schweden fahren sollen.

Etwas verblüfft wusste ich nicht so recht, was ich auf die Frage antworten sollte. Ein Campingausflug in den skandinavischen September ist sicherlich alles andere als langweilig. Ein Bild mit vielen bunten Blättern, Lagerfeuer, Lachs und Knäckebrot entstand vor meinem geistigen Auge – das allerdings leicht zu tränen anfing, als das Wort ‚Festival‘ seinen Schatten über die imaginierte Herbstidylle zu werfen begann.

Auf einmal stürzt sich der Schatten in die bunten Laubhaufen, um daraus Scharen von Metaphernforschern zu formen, die sich immer dichter um das prasselnde Lagerfeuer drängen. „Warum ‚züngelt‘ die Flamme eigentlich?“, fragt eine der Laubgestalten. Daraufhin ein raschelndes Gelächter. Wie beleidigt schlägt die Flamme empor. Einige erkennen den Ernst der Frage und geben zur Antwort: „Weil sie die Nacht verschlingen will.“

Das ermutigt eine Gestalt aus der hinteren Reihe ein Gedicht Friedrich Nietzsches zu zitieren:

Ja, ich weiß, woher ich stamme:
Ungesättigt gleich der Flamme
glühe und verzehr ich mich.
Licht wird alles, was ich fasse,
Kohle, alles, was ich lasse
– Flamme bin ich sicherlich.

Die eben noch gelacht haben, treten nun zögerlich ein paar Schritte vom Feuer zurück und richten ihre Blicke auf die ominöse Vortragskünstlerin: „Was erlauben Sie sich?“, rascheln sie. Und alle, die bisher ernst geblieben waren, brechen in ein knisterndes Gelächter aus.

Plötzlich erhebt mit prasselnder Stimme das Feuer eine lodernde Frage. Ob man in das Gelächter nicht nur aus-, sondern auch einbrechen könne? Was die Gesellschaft hastig auseinanderstieben lässt. „Wollen doch mal sehen, wer hier wen verkohlt!“, zürnt das gefräßige Element. Und was an Blättern nicht zu Boden fällt, wird zu einem Raub der Flammen.

Benommen sehe ich den Funken nach, die in den nächtlichen Himmel aufsteigen und meinen Tagtraum mit sich nehmen. Wo war ich nochmal? – Ach ja. Der Schatten. Auf der Träne meines geistigen Auges. Angesichts der Email. Über das Festival – der Metaphern.

Der Schatten verzieht sich augenblicklich, als mir die Worte Wayne C. Booths einfallen, der bereits 1978 auf einem bedeutenden Metaphern-Symposium an der University of Chicago erklärte: „what we are doing in this symposium appears as part of an intellectual movement“. Dies wollte Booth durchaus als objektive Prognose verstanden wissen. Denn er hatte auf Grundlage bibliographischer Daten eine exponentiell anwachsene Zahl von Metaphernforschern festgestellt:

„I have in fact extrapolated with my pocket calculator to the year 2039; at that point there will be more students of metaphor than people.“ (Wayne C. Booth, Metaphor as Rhetoric 1978)

Was mir bisher als ein ironischer Kommentar zu einem wissenschaftlichen Hype erschien, erschließt sich mir nun als das Zeugnis einer bemerkenswerten Weitsicht. Die intellektuelle Bewegung der Metaphernforscher begnügt sich nicht mehr mit Symposien: „It started as internal departmental seminars on the character and occurrence of metaphors, but has grown into an international symposium on figurative language“, heißt es auf der Webseite der Stockholmer Universität. Nun ist es also ein Festival. Noch ist es ein Festival.

Festivals sind nur der Anfang. (mehr …)

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