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Posts Tagged ‘Winter’

 

Ich-will-Frühling!! Das ist eine auf Facebook-Seiten gerade sehr vehement vertretene Forderung.

Daher eine kleine Aufmunterung, ein Rat aus dem „Immerwährenden Hauß= und Land=Wirthschaffts=Calender“ von 1696:

»Der Anfang des Frühlings ist gemeiniglich angenehmer als das End/
dieweiln das Ende windig und truncken zu seyn pfleget.
Es ist aber die angenehmste und lustigste Zeit des gantzen Jahrs/
und gleichsam eine Figur des zukünfftigen Lebens/
in welchem … nach einem kalten schaurichten Winter … die Ewige Freud erlanget wird.«

… klingt doch nicht schlecht: das Ende wird trunken sein und es ist immer noch die lustigste Zeit des Jahres und später, in der Ewigkeit, solls genauso weitergehen.
Also durchhalten und weiter auf den Frühling bestehen!

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das ist doch kein wetter!

Damit es nicht zu emotional wird, beschränke ich mich aufs Zitieren derer, die das professionell beurteilen:

Deutschland erlebte 2011 einen trüben, besonders im Südwesten kühlen und vor allem im Osten nassen Juli. Es war der erste zu kühle Monat in diesem Jahr. Im Vorjahr hatte der Juli noch mit viel Sonnenschein und großer Hitze aufgetrumpft. Das meldet der Deutsche Wetterdienst (DWD) nach ersten Auswertungen der Ergebnisse seiner rund 2 000 Messstationen.

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Kalte Füße

Schneeberg vor HausbemalungEiner von vielen Gründen, derzeit lieber am Schreibtisch zu sitzen und die Außenwelt Außenwelt sein zu lassen …

noch mehr Schneeberge

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Ausnahmsweise habe ich das Nordhessische hinter mir gelassen, ausnahmsweise muss ich nicht am zugigsten aller Bahnhöfe mit Doppelnamen umsteigen. Und aus dieser Perspektive gewinnt sogar diese Stadt, Inbegriff des grauen, nichtssagenden Mittelmaßes,  gewinnt vielmehr deren Bahnhof als Umsteigeplatz an Attraktion: nicht zuletzt, weil es hier eine DB Lounge gibt.

DB Lounge, das heißt in diesen winterlichen Zeiten Wärme, das heißt kostenlose Kalt- und Warmgetränke und rote Sessel mit Blick auf den Bahnhofsvorplatz, auf dem die Straßenbahnen einen sympathischen Halbkreis markieren und von der 60er-Jahre-Architektur der dahinter liegenden Kaufhäuser ablenken.

DB Lounge, das heißt aber auch, dass ich hier nicht so richtig reinpasse, dass ich aus der Sozialstruktur der hier Einsässigen falle: vornehmlich männlich, und älter. Vielleicht sind die DB Lounge-Insassen gar nicht älter, sondern sehen nur so aus. Und das wohl nicht mal körperlich bzw. wer könnte etwas über diese Körper sagen, die doch versteckt sind unter den immergleichen Anzügen, aus denen einzig die Köpfe mit den austauschbaren Gesichtern schauen, in denen sich ein Arrangierthaben mit den kapitalistischen Gesetzen dieser Gesellschaft spiegelt.

(Pendelexistenzen sind eigentlich kein Einzelfall in Wissenschaft und Kultur, und im Zug erkennt man sich, besonders im bahncomfort-Wagen … trotzdem diese davon abweichende Sozialstruktur der Lounge, vielleicht wegen der 1. Klasse-Reisenden, die sich hier hinzuaddieren?)

Nun sitze ich also als Irritationsmoment im roten Sessel, jeweils kurz skeptisch beäugt, bevor sich die Gesichter wieder in der ausliegenden Financial Times vergraben, bis eine weitere Ausnahmeerscheinung die DB Lounge betritt und zielsicher auf mich zusteuert, da hilft es auch nichts, dass ich mich meinerseits in meiner Zeitung vergrabe. Der Zug sei ja sozusagen ihr dritter Wohnsitz – Ja, das kenne ich. Schon vier ihrer Bücher habe sie quasi komplett im Zug geschrieben – Wenn bei mir nach und nach ein Buch (das Buch) dabei entsteht, wäre mir das auch schon recht. Sie zeigt mir ihr letztes Buch, und an der kyrillischen Schrift merke ich zwar, dass ich den Akzent der richtigen Himmelsrichtung zugeordnet habe, kann mit meinem Nicken aber nur so viel sagen wie ‚Aha, in der Tat, ein Buch‘, da mir das Thema unerschlossen bleibt. Bevor ich fragen kann, redet sie schon weiter: Obwohl sie nicht nur ‚Schriftstellerin und Psychologin‘ geschrieben habe, sondern auch ihr Alter, bekomme sie ständig Post von 30-jährigen Männern. Was wollen die von mir, ich bin 53, weder jung, noch schön?  Ich frage mich, wo sie das geschrieben haben könnte, bin aber noch dabei, ihr zu versichern, dass sie jünger aussehe als 53, da beginnen wir schon das DB Lounge-Quartett, und sie gewinnt mit 700 Kilometern gegen meine läppischen 500. Dann klingelt ihr Handy und sie muss irgendwem irgendwelche Tüten für irgendwelche Nichten, Neffen oder Enkelkinder im Süddeutschen mitgeben und verschwindet. Ich schaue wieder den Straßenbahnen beim Ein- und Ausfahren zu, werfe einen Blick in meine Zeitung und begebe mich dann zu meinem Anschlusszug.

Wahrscheinlich bin ich doch schon Insassin genug, um mit jedem DB Lounger das Pendel-Quartett zu spielen und über dritte Wohnsitze zu reden – oder aber meistens und wie die meisten hier hinter einer Zeitung versteckt heimlich den Straßenbahnen bei ihren Halbkreisen zuzuschauen. Nur die Anzahl der im Zug entstehenden Bücher unterscheidet uns vermutlich.

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In einigen Instituten wird man als Doktorand für die eigene psychische und psychologische Situation während der Promotionsphase sensibilisiert.

„Achten Sie auf Ihre Auszeiten“, riet uns die Mentorin eindringlich, als ich mit anderen Doktoranden an einem Kurs teilnahm, der uns helfen sollte, ein Bewusstsein für unsere Arbeitsweise und den ‚Lebensabschnitt Promotion’ zu bekommen.

„Drei Jahre sind eine lange Zeit. Wenn Sie da sieben Tage die Woche vierundzwanzig Stunden lang arbeiten wollen, werden Sie das nicht lange durchhalten.“ Sie sah uns eindringlich an und ergänzte: „Depressionen sind – zu irgendeinem Zeitpunkt – eher die Regel als die Ausnahme.“

Alle lachten. Es fühlte sich jeder jung und motiviert, kraftvoll und intelligent sowieso. Aber die Mentorin wurde ernst und sagte in einer Art bedrohlicher Prophezeiung: „Sie lachen. Noch. Lassen Sie erstmal zwei Jahre vergehen, dann verstehen Sie, was ich meine.“ Da lachte keiner mehr.

So etwas bekamen wir also am Anfang gesagt, und ich weiß nicht, wie es den anderen ging, aber ich für meinen Teil habe es ziemlich schnell wieder vergessen.

***

Am Ende ist dann folgendes passiert: Es begann zu schneien und das neue Jahr hatte begonnen. Jahreswechsel sind immer ein guter Grund für Depressionen, sagt die Schwester meiner Oma.

Da frage man sich, was man eigentlich alles geschafft habe, was man also alles nicht geschafft habe und wann man das bitte schön im nächsten Jahr schaffen soll, und warum eigentlich schon wieder.

Die Schwester meiner Oma spricht dann in der Regel vom Fensterputzen. Das ist ihr schon schwer gefallen, nachdem sie achtzig geworden war und danach wurde es nicht besser.

Ich sitze meistens, wenn sie so etwas erzählt, bei meiner Oma auf der Couch, nippe an einer Tasse lauwarmen Kaffees und stimme der Schwester meiner Oma zu, die jetzt zweiundachtzig ist. „Hm“, sage ich, „das ist schon ein Problem.“

Ich überlege, ob ich ihr anbieten sollte, die Fenster zu putzen, aber dann frage ich mich, wann ich dazu eigentlich Zeit finden soll und was passiert, wenn meine eigene Oma vielleicht auch noch …

Ich sage dann ein wenig beschämt: „Warum holst Du Dir denn keinen, der es für Dich macht? Es gibt da so Agenturen …“
„Pappalapapp“, fährt die Schwester meiner Oma auf, „wo denkst Du hin! Weißt Du, was das kostet? Na, die Fenster, das schaff ich schon noch allein. Wenn es dabei nur bliebe …“

Meistens verabschiedet sich die Schwester meiner Oma im Anschluss an solche Gespräche von uns und tritt aufgeregt und schwerfällig den Heimweg an. Es warten noch die Apfelstückchen, die sie einkochen muss, und die Freundin ihres Enkels bringt das Urenkelchen vorbei, das doch so gern Schokoladenpudding isst, weswegen sie noch einmal in den Edeka müsse, und das alles bei dem Schnee …

„Eine alte Frau ist kein D-Zug“, lacht sie, winkt ab, „ach na ja“, und verlässt uns unter feuchten Küssen.
Das ist mein Zeichen. „Du, ich muss los“, sage ich mit einem Blick auf die Uhr. „Tut mir leid.“ – „Schon gut“, antwortet meine Oma und streicht mir zärtlich übers Haar.
„Bis bald!“ rufe ich und renne, schon etwas verspätet, in die Universität.

***

Zwei Tage später lag ich mit einer Depression im Bett. Ich war, als ich in die Universität aufbrach und anschließend zu meiner Oma und später wieder ins Institut lief, dermaßen in Eile gewesen, dass ich, obwohl ich ständig überlegt hatte, was ich noch alles erledigen müsse, meine Stiefel nicht gefunden hatte.

Gedankenlos griff ich die nächsten besten, die mir in den Weg kamen. Nach zehn Minuten im Schnee hatte ich nasse Füße.

Als ich mit der Erkältung im Bett lag, konnte ich mich nicht entspannen. Beständig dachte ich daran, was ich noch alles zu erledigen hätte und wann ich das jemals schaffen sollte, wenn ich jetzt nicht in der Lage dazu war.

Verschwitzt und verschnupft imaginierte ich einen überdimensionalen Terminkalender, der die Zeit schluckte und mich schließlich mit Haut und Haaren verschlang.

Im Traum trat Aristoteles zu mir und blätterte in einem Jahrtausende umfassenden Terminkalender. Er sagte: „Entschuldigen Sie bitte, wir haben unsere Diskussion über das Problem der Wahrscheinlichkeit noch nicht zu Ende geführt. Ich fürchte allerdings, es gibt da ein Zeitproblem, für das ich mich herzlich entschuldigen möchte.“

Er räusperte sich verlegen. Ich hatte das Gefühl, er wollte mir eine unangenehme Frage stellen.

„Mein Lehrer Platon hat mir gesteckt“, fing er umständlich an, „dass meine Schriften und damit auch meine Überlegungen zu diesem Problem demnächst verloren gehen werden. Man wird sie erst, warten Sie –“, er blätterte im Kalender, „na ja, ich würde sagen, man wird sie erst in circa eintausend Jahren wieder finden.“ Er sah mich entschuldigend an. „So gesehen macht es wenig Sinn, unsere Diskussion jetzt fortzuführen.“

Ich schaute erstaunt in sein Gesicht. Er lächelte milde: „Hätten Sie etwas dagegen, wenn wir unser Gespräch vertagen? Es wäre mir angenehmer, wenn wir einen Termin, sagen wir in tausend Jahren finden könnten, vielleicht Mitte oder Ende des fünfzehnten Jahrhunderts.“

Das war also die heikle Frage. „Oder besser noch ein Jahrhundert später?“ fügte er unschlüssig hinzu.

Ich zog ebenfalls meinen Kalender hervor und blätterte. „Wie wäre es im Jahr 1610?“ fragte ich.
Er nickte erleichtert: „Ja, sehr gut. Dann kann zwar mein Freund Torquato Tasso nicht mehr dabei sein, aber das macht nichts. Sagen wir also 1610, Ende Januar, vielleicht der neunundzwanzigste? Dreizehn Uhr, wie gehabt?“

„Ja“, stimmte ich zu. „Das passt mir gut.“
„Wunderbar. Haben Sie vielen Dank für Ihr Verständnis!“ Aristoteles gab mir höflich die Hand. Wir verabschiedeten uns voneinander und freuten uns auf das Wiedersehen.

***

Als ich erwachte, erschien mir das Problem der Wahrscheinlichkeit in einer neuen diachronen Perspektive: von der Antike, über die italienische Renaissance bis ins 19. Jahrhundert.

„Wie interessant“, dachte ich und kritzelte eine Notiz auf einen Zettel neben meinem Bett. „Dem werde ich nachgehen, wenn ich wieder gesund bin.“

Damit drehte ich mich um und dachte plötzlich an den Einführungskurs. Dass man am Ende eine Depression bekommt, weil man drei Tage mit einer Erkältung im Bett liegt, hatte ich mir damals nicht vorstellen können.

„Wenn de Minsch to tiedig in ‘n Dau geiht, denn het he den ganzen Dag natt Föt“, hätte meine Oma vielleicht gesagt, wenn der Mensch zu zeitig in den Tau geht, hat er den ganzen Tag nasse Füße.

Leider hören die Sprichwörter an der wichtigen Stelle immer auf – was macht man denn, wenn man die nassen Füße hat? Ich schnupfte und dachte an den Rat der Mentorin: „Nehmen Sie sich Ihre Auszeit!“

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