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Posts Tagged ‘zu Guttenberg’

Ist der Fall Guttenbergs ein Sieg der Wissenschaft? Markiert der Aufstand im Elfenbeinturm die Geburt einer „neuen vernetzten Öffentlichkeit“? Welche Bedeutung hat die akademische Revolte für Kultur oder Wissenschaft? Notizen zu einer offenen Debatte.

Protest- und Triumphnoten

Mag der Fall Guttenbergs in die Geschichtsbücher eingehen, im Gesichtsbuch ist er längst verewigt. Mehr noch, der Fall scheint sich einzureihen in die denkwürdige Serie der „Facebook-Revolutionen“. Während unter dem Label die Bedeutung des Internets für die Aufstände in der arabischen Welt kontrovers diskutiert wird, wird nun auch hierzulande ein Sieg des Netzes über die Politik gefeiert.

KTG sei „der erste Minister, den das Internet gestürzt hat“ schreibt Robin Meyer-Lucht auf carta: „Der Rücktritt von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg ist eine Schlappe für die Bild-Zeitung und ein Beleg für den wachsenden Einfluss kollektiver Informationsverarbeitung im Internet.“

„Netz schlägt Bild“, twittert auch Netzwelt-Ressortleiter Christian Stöcker und titelt auf Spiegel Online: „Netz besiegt Minister“. Die digital mobilisierte Wissenselite Deutschlands habe den beliebtesten Politiker des Landes zu Fall gebracht. Das mochte auch das „Springer-Schlachtschiff“ nicht mehr verhindern.

Markus Beckedahl von netzpolitik ist da skeptischer. Seiner Meinung nach waren „das Internet und kollektive Prozesse wie das Guttenplag-Wiki oder andere Aktionen […] wichtige Bestandteile, die dann zum Rücktritt führten. Aber ohne die traditionellen Medien wäre das so nicht passiert.“ Nichtsdestotrotz sieht er „eine gewachsene vernetzte neue Öffentlichkeit, wo das Internet nicht mehr wegzudenken ist.“ (siehe auch Beckedahls Interview in der Berliner Zeitung)

Nicht das Internet allein ist an allem schuld, aber ohne das Netz wäre nichts gegangen alles anders verlaufen, darin ist man sich weitgehend einig. Vor allem der von Doktoranden initiierte offene Brief an Angela Merkel mag hierbei eine entscheidende Rolle gespielt haben. Inzwischen drückt er den Unmut von mehr als 60.000 Unterzeichnern aus. Dabei war er nicht die erste und einzige, nur die eindrucksvollste Artikulation einer wachsenden Unzufriedenheit der akademischen Welt mit dem Verhalten ihrer Regierung.

Am 22.02.2011 forderten die Sprach- und Literaturwissenschaftler der LMU München den Bayerischen Staatsminister für Wissenschaft, Forschung und Kunst Dr. Wolfgang Heubisch in einem offenen Brief dazu auf, dem öffentlichen Eindruck entgegenzutreten, es handele sich in dieser Sache „um einen Kavaliersdelikt wie Falschparken […], das im Wissenschaftsbetrieb allerorten üblich sei“, und „nur ausnahmsweise von Linksradikalen aufgedeckt“ werde.

Am selben Tag rief Lutz Hachmeister, habilitierter Medienhistoriker und ehemals Leiter des Grimme-Instituts, weitere promovierte Wissenschaftler dazu auf, sich seiner Erklärung anzuschließen: „um für die Wissenschaft und die intellektuelle Würde zu retten, was zu retten ist, werden wir unseren Doktortitel solange nicht führen, solange Freiherr zu Guttenberg noch als Minister dieses Land vertritt.“

Dem „Offenen Brief“ der Doktoranden vom 24.02. folgt am 28.02 eine „Erklärung von Hochschullehrerinnen und Hochschullehrern„, in dem sich hunderte Professoren über das Vorgehen des Ministers entrüsten. Die sich vermehrenden, aber vereinzelten Protestaktionen ließen in vielen Foren und Blogs bald die Frage aufkommen, warum man sich nicht koordiniere, um die Kräfte zu bündeln.

Doch dafür blieb keine Zeit mehr. Der Minister kam der Bildung einer geballten Allianz der Wissenschaft zuvor und erklärte gestern überraschend seinen Rücktritt. Umso bemerkenswerter scheint der Erfolg der medialen Selbstorganisation akademischer Initiativen in der „vernetzten neuen Öffentlichkeit“, die alle etablierten Dispositive der politischen Machtspiele außer Kraft setzte.

Der Freitag gratuliert:

es waren genau die Universitären, die oft belächelten Gelehrten, die Elfenbeinturmbewohner, die Nicht-Bild-Leser, die hier die Machtprobe gegen die Bild-Zeitung und einen Bild-gestützten Umfrageliebling gewagt und gewonnen haben. […] Sie haben ihren Begriff von Wahrheit und Ehre verteidigt und sich selbst darauf verpflichtet. Dem Wissenschaftsbetrieb kann das nur gut tun.

Während der Sieg der vernetzten akademischen Öffentlichkeit über ein scheinbar übermächtiges politisch-mediales Bündnis gefeiert wird, regen sich nun aber auch warnende und skeptische Stimmen. Trotz der ermutigenden Ereignisse artikulieren sie ein gewisses Unbehagen an den Umständen und Folgen der akademischen Netz-Revolte. (mehr …)

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aus gegebenem Anlass

Ich sage es lieber gleich: An den folgenden Überlegungen ist nichts originell. Jedenfalls nicht in dem Sinne, dass sie auf original von mir stammenden Gedanken beruhen würden. Nein, das ist alles nur geklaut. [1] Allerdings nutze ich nicht nur ordnungsgemäß eine Fußnote, um die Quelle anzugeben, sondern ich habe mir sogar die Mühe gemacht, ein anderes Beispiel zu wählen, damit der Klau nicht gleich auffällt: Man Ray-Plagiate im Web 2.0. Ja, auch plagiieren will gelernt sein. Und vielleicht entsteht durch die leichte Variation in der Aneignung dann doch ein sogenannter Mehrwert. Es geht mit der Kunst des Plagiats also um einen möglichen derzeitigen Wandel von Autorschaftskonzepten: weg vom Originalgenie und hin zu positiv gewerteter Nachahmung?

Vielleicht kann man auch sagen: zurück zur Kunst der Nachahmung. Denn in gewissem Sinne lässt sich hier eine Ideenähnlichkeit zwischen einem vorbürgerlichen, adligen Kunstverständnis und der sogenannten Postmoderne ausmachen. Nicht nur in der ritualisierten Nachahmung religiöser Kunst, auch in der stärker ästhetisch ausgerichteten Kunstproduktion war das copy + paste berühmter Kunstwerke lange gang und gäbe und die Plagiatoren hochangesehen, machten sie ein Bild doch erst überregional bekannt. Anders als heute, wo wir nicht nur per Flugzeug recht geschwind das Original in Museum xy aufsuchen können, sondern auch per Bildband oder Internetbildersuche uns schnell einen Eindruck davon verschaffen können, war das früher schließlich nicht so einfach möglich.

Erst das Bürgertum wertete das Originalgenie auf, und zwar sowohl aus psychologischen als auch aus ökonomischen Gründen. Die frühen aufstrebenden Bürger hatten im Gegensatz zum Adel keine lange Familiengenealogie vorzuweisen. Kam es bei adligen Stammbäumen gerade darauf an, dass die nachfolgenden Generationen möglichst als Nachahmungen ihrer Stammväter zu erkennen waren – zu nennen wäre etwa die berühmte Habsburger Lippe – so musste das Bürgertum aus Mangel an berühmten Vorfahren und in Abgrenzung zum Adel geradezu zwangsläufig das Neue positiv setzen, um sich psychologisch Legitimität zu verschaffen. Der ökonomische Grund wiederum war das Urheberrecht: Nur für Originale gab es Geld.

Doch vielleicht war die Moderne nur ein historischer Sonderfall. Vielleicht ist dieses bürgerliche Intermezzo schon wieder vorbei bzw. hat das Bürgertum mittlerweile selbst seine Traditionen, die es bloß noch nachzuahmen gilt. Dies geschieht nicht nur in der offiziellen Kunstszene, wo zeitgenössische Künstler_innen ihre eigenen früheren Werke oder die Werke anderer Künstler_innen abmalen. Ähnliche Strategien lassen sich auch in der Popkultur des Web 2.0 ausmachen, wie sie sich z.B. auf flickr zeigt.

Hier nun das angekündigte Beispiel: (mehr …)

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In einer dramatischen Wendung der Ereignisse wurde soeben bekannt, dass Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg in seiner Dissertation doch nicht abgeschrieben hat. Die fehlenden Quellenverweise sind in einem Zusatzband erschienen. Mit dieser Enthüllung wird der Verteidigungsminister von allen Vorwürfen entlastet. Die gegen ihn geführte Schmutzkampagne, welche es sich zum Ziel gemacht hat, den guten Ruf und das Ansehen von zu Guttenberg zu beschädigen, hat damit endlich ein Ende.

Bereits 1971 publizierte zu Guttenberg die angeblich fehlenden Fußnoten in einem gleichnamigen Werk. Lange Zeit wurde dieser Band fälschlicherweise als Autobiographie des Großvaters des heutigen Verteidigungsministers interpretiert. Erst nachdem bekannt wurde, dass Karl-Theodor zu Guttenberg in seiner Kindheit eine Zeitmaschine erfand, mit der er Anfang 2007 knapp 40 Jahre in die Vergangenheit reiste, um die Fußnoten zu seiner Dissertation in einem postmodernen Schelmenstreich bereits vor seiner Geburt zu publizieren, konnte diese Fehleinschätzung berichtigt werden. (mehr …)

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