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Der Apfel ist schuld

ApfelSchuld sein oder nicht schuld sein, das ist hier die Frage, der sich die folgenden Überlegungen widmen. Und zwar unter der vorläufigen These, dass sich die Schuldzuweisungen seit Adam und Eva verändert haben – aber nur ein bisschen. Wenn etwas schief ging, im Kleinen wie im Großen, wiesen lange Zeit als Männer erzogene Menschen die Schuld den Frauen oder einer konkreten Frau zu: Eva sollte schuld an der Vertreibung aus dem Paradies sein, weil sie Adam verführt habe; Helenas Schönheit schuld am Trojanischen Krieg und so weiter.

Diese Interpretationen wurden so erfolgreich tradiert, dass sie auch von den meisten als Frauen erzogenen Menschen als zutreffend akzeptiert wurden – und immer noch werden. Immer noch denken Frauen öfter als nötig, dass sie schuld an irgendetwas seien. Männer hingegen haben sich ein Stück weiterentwickelt. Sie sagen mittlerweile meist: “Der Apfel ist schuld.” (Dass sie selbst eine gewisse Verantwortung tragen könnten, scheint immer noch vielen ein absurder Gedanke.)

Woher diese Behauptungen stammen? Nun, sie sind natürlich viel zu verallgemeinernd und in dieser Verabsolutierung nicht haltbar. Sie speisen sich aber aus vielen Beobachtungen im Kleinen (ohne dass ich das empirisch untersucht hätte, Widerspruch wird also gerne zur Korrektur der eigenen Weltsicht entgegen genommen). Hier drei Beispiele dieser Kleinstbeobachtungen: Weiterlesen »

das ist eine auf facebook-seiten gerade sehr vehement vertretene forderung.

daher eine kleine aufmunterung, ein rat aus dem „Immerwährenden Hauß= und Land=Wirthschaffts=Calender“ von 1696:

»Der Anfang des Frühlings ist gemeiniglich angenehmer als das End/
dieweiln das Ende windig und truncken zu seyn pfleget.
Es ist aber die angenehmste und lustigste Zeit des gantzen Jahrs/
und gleichsam eine Figur des zukünfftigen Lebens/
in welchem … nach einem kalten schaurichten Winter … die Ewige Freud erlanget wird.«

… klingt doch nicht schlecht: das ende wird trunken sein und es ist immer noch die lustigste zeit des jahres und später, in der ewigkeit, solls genauso weitergehen.
also durchhalten und weiter auf den frühling bestehen!

Zur Wiederauferstehung des Autors aus dem Geist der Publikationsliste

Auf Differentia denkt Klaus Kusanowsky über “die beinahe besinnungslose Verlängerung von Publikationslisten” als ein systemtheoretisch zu durchschauendes “Verhaltensmuster des akademischen Bluffens” nach, dessen Regel ich an dieser Stelle gern als eine Art vorgezogenes Intermezzo in das ABC des Schreibens einschieben möchte:

Die sich daran knüpfende Maxime lautet: verlängere auf Teufel komm raus die Liste deiner Publikationen und verbreite gleichzeitig die Behauptung, dass es auf Qualität und nicht auf Quanität ankäme, weil du dich darauf verlassen kannst, dass die Menge deiner Publikationen ohnehin keiner lesen kann; und je mehr du schreibst, um so wahrscheinlicher bestätigt sich diese Vermutung. Da alle andere genauso handeln und du selbst genauso wenig eine Chance hast, die Publikationen aller anderen zu lesen, kann es dir vortrefflich gelingen, einen Kenntnisreichtum zu simulieren, indem du dich auf wenige Zitate beschränkst, welche du obendrein leicht durch ein Zettelkastenprogramm organisieren und verfügbar machen kannst. So kannst du erstens deine Unkenntnis verschleiern und zweitens alle anderen der selben Unkenntnis verdächtigen, ohne allerdings darüber Klarheit zu gewinnen, weil alle anderen an der Verlängerung der Intransparenz genauso mitwirken wie du selbst.

Mit den Publikationslisten verlängert sich natürlich auch dieses Leiden der Wissenschaft an sich selbst. Ob das Internet dem Spuk ein Ende setzen könnte, wie Kusanowsky zu vermuten oder jedenfalls zu hoffen scheint? Mag sein. Es wird wohl davon abhängen, ob die Möglichkeiten, die das Internet bietet, den institutionalisierten Bluff aufrechtzuerhalten, zu steigern (GoogleBooks, eJournals, Volltextsuche, etc.) oder selbst noch einmal zu simulieren, nicht größer und praktikabler sein werden als die Chancen und Hoffnungen, die sich mit der Produktion kollaborativer Hypertexte seit den 1990ern und mit dem Tod des Autors bereits seit den 1960er Jahren verbinden.

Was an den Maßstäben der Vernunft gemessen idiotisch erscheint, erweist sich dann vielleicht doch als eine Art List der Vernunft, die in den Listen ihrer Autoren und bluffenden Mündel noch immer die Simulation ihrer Wiederauferstehung als Untote feiert: Publikationslisten sind nur der Anfang.

P.S. Wer den letzten Satz zitiert, bekommt eine kenntnisreiche Fußnote in meinem nächsten Artikel. Oder jedenfalls einen Eintrag in meinem Zettelkasten. Irgendein Publikationszwang ergibt sich bestimmt.

Seit ich optisch zu den Normalbürgern übergelaufen bin, muss ich mich bei Personenkontrollen am Bahnhof nur noch fremdschämen. Wer leicht graumeliert dunkelblonde Haare hat, kann wohl gar kein Krimineller sein – selbst wenn (oder vielmehr gerade wenn) Kriminalität so weit gefasst wird, dass schon die zufällige Geburt in einem ‚falschen‘ Land oder von den ‚falschen‘ Eltern dazu gehört, so sie in verweigerter Aufenthaltserlaubnis oder eingeschränkter Reisefreiheit mündet.

Als meine Haare noch hennarot leuchteten und ich in selbstgenähten Kordminiröcken und leicht ramponierten Schnürstiefeln unterwegs war, wurde auch ich am Bahnhof von Polizisten aus der Masse der Reisenden herausgefischt, musste mich ausweisen und meinen Rucksack durchsuchen lassen. “Ihr Idioten, wenn ich in das Raster falle, nach dem Ihr die Leute auswählt, dann findet Ihr doch maximal die kleinen Fische, die nur irgendwelches Zeug verticken, weil sie selbst arme Schweine sind. Diejenigen, die im großen Stil mit Drogen Geld verdienen, fallen optisch sicherlich viel eher in Eure Vorstellung vom ‚deutschen Normalbürger‘, und wer weiß, ob die überhaupt Bahn fahren.” Sowas Ähnliches dachte ich mir damals zwar, aber ich hatte keinerlei Ohnmachtsgefühl, konnte ich doch selbst entscheiden, ob ich diese Gedanken auch ausspreche, wie freundlich oder unfreundlich, kooperativ oder den Prozess verzögernd ich mich der Situation stelle – ich wusste ja, dass sie die Falsche herausgefischt hatten und bei mir nichts finden würden. Damals war ich offenbar auch noch nicht so in Eile.

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Wenn man dabei ist, ein jahrelanges Projekt fertigzustellen, gerät das Schreiben oft zu einer seltsamen Sache. Man wundert sich, wohin es einen gebracht hat und zweifelt gelegentlich ob das dort ist, wo man eigentlich hin sollte. Man merkt, dass man von der geplanten Reiseroute abgekommen ist und plötzlich geht es darum, wieder zum Ausgangspunkt zurückzukommen und durch den Akt der Rückkehr den sich dadurch schließenden Kreis als eine runde Sache auszuweisen, die so und nicht anders hatte verlaufen können. Das scheint ein allgemeines Gesetz zu sein. – Oder?

In der Deutschen Verlagsanstalt ist im letzten Jahr ein Buch über die Zehn Gebote des Schreibens erschienen, in dem erfolgreiche Autoren eben genau das tun: die zehn Gesetze aufstellen, die man beherzigen sollte, wenn man ein Buch schreibt. Dabei geht es natürlich vor allem um Romane. Aber warum sollte man auch als Wissenschaftler von den Kollegen aus der Literatur nichts darüber lernen können? – Das ist jetzt gar nicht mein Gedanke, sondern der meiner Freundin, die mir das Buch zu Weihnachten geschenkt hat. Diesem Gedanken will ich nun nachgehen und beschließe, mich unter die Fittiche eines Romanciers zu begeben (dabei fällt mir auf: gibt es gar keine weibliche Form von Romancier?).

Ich klappe das Buch auf und das Los fällt auf den italienischen Schriftsteller Alessandro Baricco, der den deutschen Lesern vor allem durch seinen – sogar verfilmten – Roman Seide (orig. Seta) bekannt geworden ist. Darüber hinaus schreibt Baricco auch Sachbücher u.a. über Musik und betreibt eine private Hochschule für Kreatives Schreiben. Er ist jetzt also mein Coach und dies sind seine Gebote: Weiterlesen »

„Es gibt auch Menschenrechte

selbst für Bundespräsidenten.“

(Christian Wulff)

Wenn Thomas Hobbes in De Cive (1642) in seiner berühmt gewordenen Sentenz erklärt: “der Mensch ist des Menschen Wolf” (homo homini lupus), um damit die Notwendigkeit eines Souveräns zu begründen, der die Menschenwölfe davon abhält, sich wie solche zu verhalten, so legt ein neuerlich in der Hauptstadt aufkommender Sprachgebrauch die Abwandlung des metaphorischen Polyptotons nahe, nämlich dass der Souverän auch nur ein Mensch und der Menschen Wulff ist.

Wie mir kürzlich zu Ohren kam, hat sich für das damit verbundene Menschenrecht bereits ein eigenes Verb gefunden, das noch einer genaueren lexikalischen Rubrizierung bedarf, seine grundsätzliche Semantik aber bereits erkennen lässt:

wulf|fen <sw. V.; 1. in Bezug auf Personen: bewusst oder unbewusst einen unentgeltlichen Nießbrauch zulassen, sich etw. wulffen, etw. gewulfft bekommen, jmd. etw. zuwulffen. 2. in Bezug auf Dinge oder Dienstleistungen: unbemerkt oder ungewollt den Nutznießer wechseln, verwulfft werden, jmdn. umwulffen.

Als notorische Bahnreisende ist mir die Spezies der Autofahrer_innen eher fremd. Ich verstand also nur Bahnhof, als ich an einem ebensolchen, von mir häufig frequentierten Ort das folgende Schild las:

Was mensch als Autofahrer_in so alles erleben kann. Welche Welten mögen sich da wohl eröffnen, wenn man mit einem Auto einen Stellplatz ansteuert? Aber was vor allem hat es mit dem Zyklus des  Parkens auf sich?

Haben Autofahrer_innen so zwei Tage bevor sie parken wollen oder müssen grundlos schlechte Laune, sind schräg drauf und fangen wegen jedem Mist an zu heulen? Und schmerzt es dann erstmal einen Tag, wenn das Auto in den Stellplatz eingeparkt wurde, bis man entspannter loslassen kann und sich an die vorübergehend neue Weltsicht ohne Auto gewöhnt hat?

Wenn mich jemand aufklären könnte …

Auf Archivreise

Der Historiker per se, als solcher ich mich durchaus verstehe, obwohl es dazu in Forschungskreisen einige Diskussionen gibt, verbringt seine Zeit weniger gern an der Uni, sondern viel lieber im Archiv. Deswegen begibt er sich zumindest ein- oder zweimal im Jahr halb aus wissenschaftlichen, halb aus anderen, nicht näher zu erläuternden Gründen auf Archivreise – meist ins Archiv seiner Wahl, mal nach Amerika, mal nach Afrika, mal an die französische Mittelmeerküste.

Schlafen am Strand: Verluste sind einzuplanen.

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Ich sitze im nachweihnachtlichen ICE, der mich in von meinem Kurzurlaub in Wien nach Frankfurt bringen soll. Wie meist in solchen Situationen verbringe ich meine Zeit damit, mich in ein gesellschaftstheoretisches Werk zu vertiefen und großzügig pink leuchtende Textmarkertinte darin zu verteilen. Schon in St. Pölten, 40 Minuten von Wien entfernt, setzt sich jemand auf den mir gegenüberliegenden Platz. Dieser jemand nimmt zunächst das Deutsche-Bahn-Gratismagazin “mobil” in die Hand, blättert ein wenig darin herum und legt es nach 10 Minuten wieder auf den Tisch, um im Folgenden ausgiebig Löcher in die Luft zu starren. Kurz hinter Nürnberg – durch vier Stunden Starren dürfte die Luft schon löchriger sein als der sprichwörtliche schweizer Käse, durch vier Stunden Markieren ist dem ersten Stift bereits die pinke Farbe ausgegangen – treffen sich unsere Blicke und mein Gegenüber spricht mich an: “Sagen Sie, wird Ihnen das nicht irgendwann langweilig?”

Pity the Flesh!

Körperwelten der Tiere, currently on display at Frankfurt’s Senckenburg Museum, seems almost cowardly after Von Hagen’s previous exhibitions featuring such gloriously plasticized human specimens. Where’s the drama we’ve come to expect of a human life reduced to a lump of (albeit exquisitely manipulated) flesh? What’s the shock value in exhibiting animals that many of us might have eaten the previous night for dinner? Why, we may ask, opt for the animal itself, when Von Hagens’ schtick, if we can call it something so trivial, is preserving and exhibiting the animal in the human? Considering Von Hagens’ previous feats, the exhibition, at least conceptually, is anticlimatic.

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