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Wie ein Abend im Italienischen Kulturinstitut auf tierische Art den Spieltrieb weckte

Auf einer Bühne zwischen zwei Großbildschirmen sitzen drei Menschen, die Moderatorin steht am Stehpult davor.

Die Übersetzer*innen Walter Kögler, Amalia Urbano, Michaela Heissenberger und Martina Kempter gestalten einen anregenden Abend im Italienischen Kulturinstitut Berlin; Foto: Rita Seuss.

Alljährlich am 30. September, dem Todestag des Bibel­übersetzers Hieronymus im Jahre 420, wird der Internationale Übersetzertag gefeiert. Zahlreiche Veranstaltungen machen an diesem Tag auf die Bedeutung übersetzter Literatur aufmerksam und zeigen, wer hinter den Übersetzungen steht. Da uns Übersetzungen auch an allen anderen Tagen des Jahres begegnen, mag der Bericht über eine anregende Veranstaltung im Rahmen des diesjährigen Hieronymus­tags hoffentlich auch mit einem guten Monat Verspätung noch Interesse wecken. Weiterlesen »

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Nun, da die Wahl hierzulande ganz anagrammatisch zu einem Schlund-Date wurde (mehr zu Anagrammen auf Wikipedia), fiel mir wieder ein, dass ich mich im Juni auf amüsantere Art mit dem Land beschäftigt habe, in dem ich lebe.

Auf dem Weg zu einem Workshop mit dem Titel »Versfuß mit Pferdefuß« lautete eine der Aufgaben zur spielerischen Vorbereitung eigentlich, ein Anagramm-Gedicht aus dem Wort »Deutschland« zu machen. Im Zug hatte ich jedoch weder eine Schere zum Ausschneiden und Verschieben von Buchstaben dabei, noch war die Internetverbindung im Niemandsland zwischen Spandau und Braunschweig gut genug, einen der verfügbaren Online-Anagramm-Rechner zu verwenden. Der Anagramm-Generator auf sibiller.de hätte mir beispielsweise unter anderem folgende Gedichtzeilen ausgespuckt:

DEUTSCHLAND
SCHALTEND DU
STACHELND DU
LATSCHEND DU

Also vertrieb ich mir die Reisezeit stattdessen mit dem Verfassen von Akrosticha über unser Land. Eines hatte tatsächlich schon mit der bevorstehenden Wahl zu tun, geisterte mir doch noch die morgendliche Radionachricht durch den Kopf, dass eine große Partei sich gerade für einen Wahlspruch mit zugehörigem Twitter-Hashtag entschieden habe. Das ergab in meiner Fingerübung dann Folgendes: Weiterlesen »

writers-at-berlin-2017

Über dem Wannsee und der Gartenbühne des LCB bereiten sich die Wolken auf den nächsten Regenguss vor.

Mitte Juli hatte das Literarische Colloquium Berlin von 15–22 Uhr zum Gartenfest unter dem Titel »writers@berlin« eingeladen. Es gab ein umfangreiches Programm mit Lesungen, Gesprächen und Musik von und mit Schriftsteller*innen, die in Berlin leben, aber auf anderen Sprachen als Deutsch schreiben.

Da war beispielsweise zu erfahren, dass Gadi Goldberg in Berlin einen hebräischen Verlag gründen und damit an Tradition der 1920er anknüpfen will, oder dass Lizzie Dorons letzter Roman zuerst auf Deutsch erschienen ist, weil er von der Freundschaft mit einem palästinensischen Terroristen erzählt und kein israelischer Verlag das publizieren wollte. Sie las dann eine der wenigen Passagen auf Hebräisch vor, die im Deutschen noch ihrer hebräischen Originalfassung entsprechen und nicht durch das Lektorat verändert wurden – eben weil der deutsche Verlag das Erstlektorat gemacht hat, gebe es davon nicht sehr viele.

Wie der diesjährige Berliner Sommer insgesamt war das Wetter eher durchwachsen. Zum Glück gab es auch im Haus ein sehr attraktives Programm: Weiterlesen »

Vorweg: Das ist keine Werbung! Wäre ja peinlich, nur was zu posten, um eine Band – nämlich Mainfelt – zu pushen, oder?! Nennen wir es eine kleine „Hommage“ – das klingt doch gleich ganz anders, anspruchsvoller, nicht so billig. Und es geht ja auch um nichts weniger als das Erreichen eines großen Ziels: mindestens 100%, ganz oder gar nicht – aber dazu am Ende mehr.
Was also hat es mit den 4 sympathischen Herrschaften aus Südtirol bzw. ihrer Musik auf sich, dass sie hier bewor…ähm ich meine: vorgestellt werden sollen?
©Mainfelt/Severin Dostal

©Mainfelt/Severin Dostal

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Stilübungen

„Man muss sich das Übersetzen als eine ernste Angelegenheit vorstellen.“

Ich also rein in den Bus, dann S-Bahn, schon sitz ich im LCB diesen beiden Typen gegenüber. Anzug, einer sogar mit Weste, beide blau gemusterte Hemden – haben die sich abgesprochen? Bei einem der Hals etwas länger, insgesamt ‘ne Bohnenstange. Erzählen die ganze Zeit von irgendeinem Streit im S-Bus. Bei der Pointe geht’s immer um ‘nen Knopf am Ausschnitt und irgendeinen Lackaffen. Wiederholungszwang? Oder haben die was genommen?

In jedem Fall sind Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel Wiederholungstäter, und das schon seit 34 bzw. 29 Jahren. Zum Glück für alle Leser*innen übersetzter Literatur! Nun haben sie gemeinsam eine Neuübersetzung der Queneau’schen Stilübungen vorgelegt und alle Besucher*innen der Buchprämiere am 26. Mai zudem noch mit ihrem Entertainmenttalent beglückt.

Obwohl die kurze Begebenheit, die Raymond Queneau in 120 Stilübungen immer wieder neu aufschrieb, keinerlei erzählenswerten Plot hat, kommt doch keinen Moment Langeweile auf. Im Gegenteil, lange habe ich nicht mehr so Tränen gelacht, z. B. bei der Stilvariante „Makkaronisch“ , also ein Text im sogenannten Küchenlatein („Sol erat altissimus in himmelo, caloria enormissima. Senatus populusque Parisiensis schwitzabant …“), oder bei den „Italianismen“, die Hinrich Schmidt-Henkel auch in folgendem Video performt, das der Suhrkamp-Verlag zu diesem Buch gedreht hat:

Vor realem Publikum wirkten die beiden Übersetzer noch gelöster und schienen selbst einen Heidenspaß zu haben. Auch hier betrieben sie zugleich Aufklärung: Weiterlesen »

2016-03-18 14.13.49

Bleich-bunt fröstelnde Manga-Mädchen

10:37 Bahnhof Leipzig-Messe: Man steigt aus dem Zug aus und trifft sofort auf die ersten Horden Verkleideter, die zielgerichtet Halle 1 zuströmen. Man selbst hat vorerst noch gar kein genaues Ziel, schlägt aber vorsichtshalber die Gegenrichtung ein und landet in Halle 2. Dort merkt man, dass man ja mal einen Tag ohne Kinderbücher verbringen wollte, und schlendert weiter in Halle 4. Trotzdem sorgt es für gute Stimmung, dass hier im Vergleich zur Frankfurter Messe so viele vor dem Bauch getragene oder selbst durch die Gänge stolpernde Kleinkinder zu sehen sind.

Aufruf zur Individualität

11:20 Halle 4: Beim Picus-Verlag schnappt man eine Ansprache in angenehm österreichischer Diktion an angehende Buchhändler*innen auf: „Der Sinn, dass Sie diese Ausbildung machen, liegt nicht darin, dass Sie hinterher Regalbetreuer sind. Sie müssen einen Unterschied machen, für die Kunden muss es einen Unterschied machen, ob Sie da sind oder am nächsten Tag Ihr Kollege.“

Wer den Preis für Mutterschaft bezahlt

11:25 Der Israel-Stand ist von einer Menschentraube umringt. Orna Donath gibt Auskunft über ihre Studie #regretting motherhood – Wenn Mütter bereuen. Weiterlesen »

Neudings erscheinen auch auf VICE Artikel über die Zustände in den Universitäten. Der Literaturwissenschaftler Ole Petras hat heute einen lesenswerten Text darüber geschrieben, dass die Studierenden seines Fachs, in dem es ja vor allem um das Lesen  von Büchern geht, keine Bücher mehr lesen, die nicht beim Prüfungsamt abgerechnet werden können, weil sie das sonst von der planmäßigen Erfüllung ihres workloads abhält.

Die Katze beißt sich hier übrigens in den Schwanz: Wenn die Möglichkeiten einer eingehenden Beschäftigung sinken, sinkt notwenig auch das Komplexitätsniveau und mit ihm die Relevanz des Faches. Ist dieser Status erstmal erreicht, kürzt die Politik ihre exzellenzbasierten Zuwendungen, wodurch sich die geschilderte Situation verschärft. Ich dramatisiere ein bisschen, aber es geht ja um Strukturen, nicht um Sonderfälle. Niemand möchte die alte Ordinarien-Universität zurückhaben, in der die Professoren nach Willkür und Gewissen schalteten. Aber die Eventualität von der Autorität einer verdienten Forscherin oder eines Forschers, in die Geheimnisse des Faches eingeführt zu werden, setzt eine andere Grundhaltung voraus als Angst. Die Durchdringung eines Faches braucht Zeit, Muße, Ruhe und lässt sich nur sehr bedingt komprimieren.

Ich schließe mit einem eigentlich überflüssigen Plädoyer für die offene Universität und ein entkrampftes Curriculum. Ferner schweige ich von der Situation der Heerscharen befristet angestellter Lehrkräfte. Es bleibt zur Zeit nichts als der Versuch, sich die eigene Begeisterung für den Gegenstand zu bewahren und in allen Fällen bürokratischen Irrsinns eine gesunde Resilienz an den Tag zu legen. Man kann nicht alles wegoptimieren. Und wenn es einen Bereich geben sollte, der von der (auch gesellschaftlich ja nicht sooo super laufenden) Ökonomisierung aller Lebensbereiche ausgenommen ist, dann die Universität. Der Elfenbeinturm, in dem wir einem beliebten Vorurteil zufolge noch immer sitzen, ist schon seit langer Zeit aus Plastik. Und wird einer Gummizelle immer ähnlicher. Was wir brauchen, ist ein Baumhaus. Und eine Neuordnung des Rabattsystems.

In unserer Studie Library Life gibt es übrigens auch ein Kapitel, das sich mit dem Verhältnis von Muße und Nutzen (in) der Wissenschaft als eine Frage beschäftigt, die schon in der Antike dahingehend diskutiert worden ist, ob Wissenschaft bzw. Gelehrsamkeit von otium (Muße) oder negotium (Geschäft) bestimmt sein sollte. Seneca hatte klar für das otium optiert. Wenn Schiller später die erbärmliche Gestalt des im 18. Jahrhunderts überall anzutreffenden „Brotgelehrten“ verächtlich machte, um den philosophischen Kopf zu adeln, der den Lohn für seine Mühe nicht (wie eben der Brotgelehrte) in Geld und Anerkennung, sondern allein in der Versenkung in seinen Gegenstand suche, so würden heute wohl die Meisten aus den „Heerscharen befristet angestellter Lehrkräfte“ auf ihr Brotgelehrtendasein liebend gern verzichten, um sich mußevoll dem hingeben zu können, was sie sich vom Studium ihres Fachs vielleicht einmal versprochen hatten. Macht sich dieses Versprechen heute schon vom Studium an verdächtig? Müßig jedenfalls wird der Rat zur Muße, wenn der Lohn, den sie verspricht, in keinem Arbeitsplan und Rabattsystem mehr abgerechnet werden kann.

Wie auch immer die Diskussion über die Reform der Universitäten ausgehen wird – man sollte Baumhäuser irgendwo im Curriculum mit unterbringen.

Mehr über Library Life gibt es hier.